Ehrenpreis bei „Soundtrack Cologne“Gespräch mit dem zweifachen Oscar-Gewinner Gustavo Santaolalla

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Gustavo Santaolalla für Kölnische Rundschau Interview im Comedia Köln

Gustavo Santaolalla beim Gespräch in der Comedia.

Der zweifache Oscar-Gewinner Gustavo Santaolalla erhält auf der „Soundtrack Cologne“ den Ehrenpreis. Der Argentinier wurde auf Umwegen Filmkomponist.

Wem ist sie nicht im Ohr hängengeblieben: die gefühlvolle Ballade „A Love That Will Never Grow Old“ aus dem Kultfilm „Brokeback Mountain“ über eine Männerliebe im Wilden Westen – herzzerreißend gesungen von Emmylou Harris.

Das war im Jahr 2006 und bedeutete den endgültigen, internationalen Durchbruch des Argentiniers Gustavo Santaolalla, der für seine Komposition den „Oscar“ für die Beste Filmmusik einheimste. Nun ist der 1951 in Buenos Aires geborene Musiker zu Gast beim „Soundtrack Cologne“-Festival, um heute Abend in der Comedia Colonia für sein Lebenswerk ausgezeichnet zu werden.

„Musik hat mich schon seit meiner Kindheit begleitet“ , erinnert er sich im Gespräch mit der Rundschau. „Meine Eltern liebten die argentinische Folklore, den Tango, aber auch die amerikanischen Superstars wie Frank Sinatra und Bing Crosby. Und als ich mit fünf Jahren begann, Gitarre zu spielen, war das wie ein Fingerzeig in die Zukunft.“

Erste Band mit 13 Jahren gegründet

Und wann beschloss er, Musiker zu werden? „Das war mit 13 Jahren, als ich meine erste Band gründete, die lateinamerikanische Musik mit dem Rock'n'Roll verband und somit zu einem Vorreiter des sogenannten Rock en Español wurde. Mit 17 nahmen wir unsere ersten Platten auf, tourten durch Argentinien.“

Auch mit seinen späteren Bands blieb der Musiker diesem Stil treu – bis im Jahre 1976 General Jorge Rafael Videla gegen die Regierung putschte und die Macht im Lande übernahm.

Mehrfach im Gefängnis

„Für den Diktator und seine Schergen war die Vermischung traditioneller Musikstile wie Murga und Candombe mit dem Rock ein Tabubruch. Aber auch meine langen Haare waren ihnen ein Dorn im Auge, so dass ich mich öfters im Gefängnis wiederfand. Manchmal für eine Nacht, manchmal für ein paar Tage. Begründet wurde das nie. Also beschloss ich, 1978 in die USA zu emigrieren, wo ich seitdem in Los Angeles lebe“, blickt Santaolalla ein wenig wehmütig zurück.

Punk in Los Angeles

Eigentlich der richtige Ort, um eine Karriere als Filmkomponist zu beginnen – eigentlich. „Zuerst gründete ich die Punk-Band Wet Picnic, versuchte mich als Musikproduzent und stieg in die Plattenfirma eines Freundes ein, die vor allem lateinamerikanische Künstler und Gruppen förderte. 1981 startete ich dann mit drei erfolgreichen Solo-Alben einen neuen Abschnitt meines musikalischen Wirkens.“

Die entscheidende Wendung kam im Jahr 1999, als Santaolalla den mexikanischen Regisseur Alejandro Iñárritu kennenlernte. „Er vertraute mir die Filmmusik für seinen Episodenfilm ,Amores Perros' an“, erinnert er sich. Ihm sollten mit „11'09“01– September 11“ (2002), „21 Gramm“ (2003) und „Babel“ (2007) noch drei weitere Filme folgen, von denen der Argentinier mit „Babel“ – nach „Brokeback Mountain“ (2006) – den zweiten Oscar gewann.

Für „Babel“ schrieb er den Soundtrack gemeinsam mit seinem japanischen Kollegen Ryuichi Sakamoto. Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen? „Ehrlich gesagt, wir haben uns nie gesehen. Er lieferte seinen Teil der Kompositionen ab, ich den meinen“, ist Santaolalla immer noch erstaunt und amüsiert.

Sich darauf festlegen, was seine persönlich liebste Filmkomposition ist, möchte sich Gustavo Santaolalla nicht: „Das ist, als würden Sie mich fragen, welches meiner Kinder ich am meisten liebe. Ich liebe sie alle. Meine Kinder und meine Kompositionen.“

Aber die Filmkomponisten, die er liebt, lässt er sich doch noch entlocken: „Ich mag vor allem die Soundtracks von Nino Rota, Ennio Morricone, Henry Mancini, John Barry, Michel Legrand und Francis Lai.“ Und stimmt fröhlich Lais Titelmelodie zu „Ein Mann und eine Frau“ an!

Und noch eine Erinnerung zaubert ihm ein Lächeln auf die Lippen: Seine erste Zusammenarbeit mit einer deutschen Produktion bei Joseph Vilsmaiers Berg-Drama „Nanga Parbat“. „Obwohl ich die Arbeit von meinem Homeoffice in Los Angeles aus erledigt habe, haben mir meine Konzertreisen durch Deutschland das Land und die Menschen sehr nahe gebracht. Deshalb habe ich mich auch sehr gefreut, dass ich jetzt die Musik zur deutschen Netflix-Serie ,Liebes Kind' schreiben durfte.“

Und heute Abend darf sich Gustavo Santaolalla noch mal freuen, wenn das 40-köpfige Neue Rheinische Kammerorchester ihn bei der Preisverleihung in der Comedia mit Themen aus seinen Filmen ehrt.

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