Der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev liefert zum Auftakt der phil.Cologne erhellende Einsichten in die Auswirkungen unseres Zeitempfindens für die Demokratie
phil.Cologne mit Ivan KrastevDie Zukunft beginnt übermorgen

Der bulgarische Politologe und Politikberater Ivan Krastev bei der phil.Cologne
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Die Zukunft beginnt nicht morgen, sondern übermorgen. Auf diese zunächst überraschende Formel brachte der einflussreiche bulgarische Politikwissenschaftler und Berater Ivan Krastev seine Überlegungen zu Beginn der diesjährigen phil.Cologne. Morgen sei uns noch bekannt, dafür bräuchten wir keine Vorhersagen, interessant sei die Zeit nach morgen, sagte er am Samstagabend im Klaus-van-Bismarck-Saal im WDR Funkhaus in einem spannenden und konzentrierten Gespräch mit Wolfram Eilenberger, das Norbert Heikamp bewundernswert souverän übersetzte.
Ein Problem unserer Zeit sei, dass wir kein gemeinsames Verständnis für Zeit mehr hätten. Jemand wie Donald Trump denke in Tagen und Wochen, Wladimir Putin hingegen in Jahrhunderten. Und dazwischen seien die (anderen) Demokratien gefangen, die sich in Zirkeln von alle vier oder fünf Jahren stattfindenden Wahlen bewegten und daher gar keine Zukunft hätten.
Leben in einer Endzeit
1989 habe in weiten Teilen Europas das Gefühl vorgeherrscht, die Zukunft sei nun da. Aber weil viele Menschen heute das Gefühl hätten, in der Endzeit zu leben, seien viele Wahlen so polarisiert. Wenn die Sicherheit der Zukunft fehlt, steigert das die Bedeutung der Gegenwart ins Unermessliche.
Schon zweimal – nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges – sei die Zukunft wieder auferstanden. Heute sei Zukunft ein Topos der Apokalypse, nicht der Hoffnung. „Die Zukunft hörte auf, ein Projekt zu sein. Wir leben ständig in der Vergangenheit. Wir leben davon, das Alte in die Zukunft zu projizieren.“ Für ihn sei die Unterscheidung zwischen Optimismus und Hoffnung bedeutend. „Optimisten und Pessimisten haben eines gemeinsam: Sie glauben, sie wissen, wie die Zukunft aussieht. Wer hofft, tut das nicht.“ Deshalb müsse man auch zwischen Intellektuellen und Experten unterscheiden, die sich gerade überall zu Wort meldeten. Experten prognostizierten die Zukunft aufgrund von Ereignissen in der Vergangenheit. Ein Intellektueller hingegen entwickele Ideen für das, was kommt, die nicht darauf basieren müssten.

Volker Wissing (Mitte), Yasmine M'Barek und Frank Plasberg bei der phil.Cologne.
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Wichtig sei auch zu bedenken, dass früher Individuen als sterblich galten, Nationen hingegen als unsterblich. „Heute ist es anders herum“, so Krastev. Die Tatsache, dass Menschen bald 120 oder 130 Jahre alt werden könnten, verändere auch die Politik. Diese lebe eigentlich von Versprechungen, aber das Beste und das Schlimmste seien heute kaum noch zu unterscheiden. KI beispielsweise eröffne schier unendliche Möglichkeiten – und Gefahren. „Wir sind überwältigt von der zeitlichen Verdichtung und wissen gar nicht mehr, in welche Richtung wir uns bewegen“, so Krastev.
Uns fehle in der Politik zudem oft die „Mittelzeit“, wie der Wissenschaftler es nannte. „Es gibt Tiktok mit kurzen Videos, es gibt aber auch Podcasts, die sieben oder acht Stunden dauern.“ Das Dazwischen fehle. Das zeige sich auch bei den Kriegen dieser Welt. Wenn diese nicht in kurzer Zeit beendet werden, scheinen sie ewig weiterzulaufen – und wir verlieren das Interesse daran. Er appellierte daran, die Geduld zu haben, Themen Zeit zu geben – auch wenn wir sie eigentlich nicht haben.
Die Kunst der Kompromisse
Später am Abend begaben sich der ehemalige FDP-Politiker und Bundesminister Volker Wissing und die Kölner „Zeit“-Journalistin Yasmine M’Barek in die Untiefen der Realpolitik und diskutieren ebenfalls im Funkhaus mit Frank Plasberg über die Kunst der Kompromisse. „Das absolute Versprechen ist für viele Wähler zum Maßstab geworden“, betonte Buchautorin M’Barek. Friedrich Merz habe so getan, als könne er die Dinge ganz anders angehen, so Wissing. Dieses Versprechen verfehle er nun massiv.
Die Begründung für den Bruch der Vorgängerregierung habe ihn empört, erinnerte Wissing an das Ende der Ampel. „Unterschiedliche Parteiprogramme können keine Begründung sein, eine Koalition zu beenden“, so Wissing. An der Haltung des neuen FDD-Vorsitzenden Wolfgang Kubicki ließ er kein gutes Haar: „Ich kann mit diesem libertären Quatsch nichts anfangen.“
Es gibt also Gräben, die zu tief sind, um sie durch Kompromisse zu überwinden. Worin sich Wissing und M’Barek einig waren: Dass man zwar nicht mit AfD-Politikern reden müsse, mit ihren Wählern hingegen schon. „Das ist im Moment ungefähr ein Drittel der Bevölkerung“, so M’Barek. Zum Reden und zum Offenhalten einer Abkehr von der AfD gebe es keine Alternative.
In seinem neuen Buch „Träume aus Feuer“ widmet sich Bestsellerautor Florian Illies der vorwissenschaftlichen Kunst der Alchemie. Am Mittwoch, 10. Juni, 20 Uhr, stellt Illies den Roman in der Kulturkirche in Nippes, Siebachstraße 85 vor. Dahin wurde die Veranstaltung aus der Flora verlegt. Wir verlosen 3x2 Tickets.
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