Im Fernsehen mischt er wieder mit, aber der Glanz alter Tage ist verblasst.
Stefan Raab wird 60Der Zeitgeist hat ihn überholt

Barbara Schöneberger und Stefan Raab („Wer weiß wie wann was war?“) freuen sich bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises im Confex über die Auszeichnung in der Kategorie Beste Unterhaltungs-Show.
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Stefan Raab hat in diesem Jahr mit Barbara Schöneberger den Deutschen Fernsehpreis für „Wer weiß wie wann was war?“ als „Beste Unterhaltung Show“ gewonnen. Was vielen in einer langen TV-Karriere nicht gelingt, schaffte Raab in seinem zweiten Fernseh-Frühling. Alles bestens also bei dem Kölner Entertainer, der an diesem Dienstag seinen 60. Geburtstag feiert? Hatte RTL-Chefin Inga Leschek recht, als sie nach Raabs Comeback-Ankündigung vor zwei Jahren im Branchendienst DWDL verkündete: „Wir schreiben hier Fernsehgeschichte“?
Angeblich hat RTL sich den Deal mit Raab und dessen Produktionsfirma 90 Millionen Euro für eine fünfjährige Exklusiv-Partnerschaft kosten lassen. Bestätigt hat der Kölner Sender das nie. Aber für ein Dankeschön und ein paar warme Worte ist Raab ganz sicher nicht aus seinem selbstgewählten Ruhestand zurückgekommen. Er ist zwar immer noch nicht im Rentenalter, aber nach den Eindrücken der vergangenen zwei Jahre steht die sicher nicht nur für ihn schmerzhafte Erkenntnis, dass er vermutlich besser an seinem selbstgewählten Abschied festgehalten hätte.
Alles schien Stefan Raab zu gelingen
Lange Zeit war Raab das Fernsehwunderkind, dem alles gelang. Der Metzgersohn aus Köln-Sülz wurde Mitte der 1990er Jahre zunächst als Moderator bei Viva bekannt, 1999 wechselte er dann zu Pro Sieben. Seine Show „TV total“ machte ihn in ganz Deutschland zum Star. Der Kölner entwickelte darüber hinaus zahlreiche Showideen wie „Schlag den Raab“, das als „Schlag den Star“ noch heute bei Pro Sieben zu sehen ist. Er produzierte mehrere deutsche Beiträge für den Eurovision Song Contest und trat im Jahr 2000 auch selbst dort auf.
2010 suchte er in der Castingshow „Unser Star für Oslo“ den deutschen Vertreter für den ESC. Seine Wahl, Lena Meyer-Landrut, konnte den Wettbewerb dann tatsächlich als erst zweite Deutsche nach Nicole gewinnen. Irgendwie schien immer alles zu gelingen, was er anging. Niemand hat das deutsche Unterhaltungsfernsehen über knapp zwei Jahrzehnte so geprägt wie Stefan Raab.
Stefan Raab war eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Fernsehen
Wer verstehen will, wie dieser Mann tickt, der anfangs wirkte wie ein Klassenclown, der niemanden so richtig ernst nimmt, den man im Gegenzug aber auch nicht ernstzunehmen braucht, sollte sich eine alte Folge von „Schlag den Raab“ anschauen. Nichts verdeutlicht besser, was Raab zu einer Ausnahmeerscheinung im deutschen Fernsehen machte. Er ist einer, der sich ins Geschehen hineinstürzt, er macht sich die Hände schmutzig. Nimmt es gar in Kauf, Verletzungen davonzutragen. Sein verbissener Ehrgeiz ließ ihn häufig auch gegen Gegner siegen, die ihm eigentlich überlegen waren. Er wollte immer gewinnen. Der Zweite ist für ihn nur der erste Verlierer. Raab zeichnete eine Mischung aus Mut, guten Ideen, Ehrgeiz, Herzblut und einer satten Prise Größenwahn aus. Er strafte alle Lügen, die ihn unterschätzten.
Und er schien einen eindeutigen Fahrplan für seine Karriere zu haben. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 50 noch Fernsehen mache“, hatte er schon 1998 in einem Interview gesagt. „Ich möchte nicht irgendwann mal meinen Kindern erzählen müssen: Guck mal, der da im Fernsehen, das ist der Papa. Der macht da den lustigen Onkel, damit er euch was zum Anziehen kaufen kann.“ Es war eine Ankündigung, die viele nicht ernst nahmen. Aber Raab machte Ernst. 2015 zog er sich tatsächlich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und arbeitete seither hinter den Kulissen. 2018 trat er bei einer eigenen Bühnen-Show in Köln auf, die aber nicht im Fernsehen übertragen wurde.

Stefan Raab zeigt am 01.03.1999 in Köln auf das Logo seiner Entertainment-Show „TV total“.
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Irgendwann schien es ihm dann aber doch zu langweilig geworden zu sein als TV‑Rentner. Oder das Geld reizte ihn. Vielleicht wollte er sich auch an seinem alten Haussender und seiner früheren Produktionsfirma Brainpool, an der er auch beteiligt war, rächen, wie manche mutmaßen. Was den Ausschlag gab, weiß der abseits seiner Shows sehr medienscheue Raab wohl allein. Tatsache ist, er ist den Schritt gegangen. Und hat offensichtlich übersehen, dass der Zeitgeist nicht stehen geblieben ist, sondern ihn vielmehr überholt hat.
Was Raab immer auszeichnete, war sein Gespür dafür, was die Leute wollen. Aber seine Art Fernsehen zu machen, lebte immer auch davon, sich über andere, oft auch Schwächere, lustig zu machen. Man muss sich nur mal die rechtliche Auseinandersetzung mit der heutigen Moderatorin Lisa Loch vergegenwärtigen. Über deren Namen hatte Raab 2001, da war sie noch ein Teenager, zahlreiche Witze gemacht. Sie klagte und gewann.
Misogynie und Häme waren lange Zeit im Fernsehen gern gesehen. Schadenfreude ist ja bekanntlich der Deutschen liebste Freude. Aber so funktioniert das Fernsehen heute nicht mehr. Das mögen einige alte Fans bedauern und über die Wokeness unserer Tage schimpfen, aber gerade vielen jungen Zuschauern lässt sich das einfach nicht mehr vermitteln.
Stefan Raabs Shows folgen alten Mustern
Außerdem macht Raabs Comeback deutlich, dass auch er kein Mittel gefunden hat, dem Bedeutungsverlust des Fernsehens etwas entgegenzusetzen. Die Shows, mit denen er es seit seinem Comeback versucht, folgen alten Mustern. In einer TV-Welt, die sich immer weiter fragmentiert hat, in der jeder bei Streamingdiensten, Youtube,Twitch oder TikTok seine ganz eigene Unterhaltungsnische findet, ist der Versuch, möglichst viele mit einem Showkonzept anzusprechen, fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Nur einmal, direkt nach seiner Comeback-Ankündigung, konnte Raab noch einmal eine solche Aufmerksamkeit wie früher auf sich ziehen. Sein Boxkampf gegen Regina Halmich war Gesprächsthema. Aber viele Jüngere, die ihn nicht mehr von früher kannten, reagierten schon da irritiert und achselzuckend. Seither ist ihm passiert, was für einen wie Raab eigentlich das Schlimmste sein muss. Er sendet irgendwo unter ferner liefen.
„Stefan Raab Show erreicht so wenige Zuschauer wie nie“, meldete DWDL gar vor ein paar Tagen. Raabs größte Stärke war lange Zeit ein sicheres Gespür für den richtigen Moment. Genau dieses Gespür hat er offensichtlich verloren. Aus dem einstigen TV-Messias ist ein wenig überzeugender Wanderprediger geworden.
