Abo

Stenz-Nachfolge in KölnOrozco-Estrada sagt ab

3 min

Temperamentvoller Aufsteiger: Andrés Orozco-Estrada in Aktion.

Köln/Wien – or fast genau einem Jahr gab Andrés Orozco-Estrada sein Debüt am Pult des Gürzenich-Orchesters. Laut Rundschau-Kritik "überzeugte er mit jugendlicher Spannkraft". In solche Hörgenüsse hätte das Kölner Publikum regelmäßig kommen können, denn der 1977 im kolumbianischen Medellín geborene und in Wien ausgebildete Dirigent sollte als Nachfolger von Markus Stenz ab 2014/15 Generalmusikdirektor (GMD) der Domstadt werden.

Mehr als ein halbes Jahr lang verhandelte Köln aussichtsreich mit dem 35-Jährigen, der Wunschkandidat des Gürzenich-Orchesters war. Doch wie die Rundschau aus verlässlicher Quelle erfuhr: Andrés Orozco-Estrada hat Köln eine Absage erteilt. Der erkrankte Künstler konnte sich am Donnerstag nicht dazu äußern, doch aus informierten Kreisen waren die Gründe zu erfahren.

Während der Leiter des österreichischen Tonkünstler-Orchesters die sinfonischen Perspektiven mit dem Gürzenich-Orchester als hervorragend einstufte, machte ihm die unklare Zukunft der Oper Sorgen: der zwar noch nicht verschobene, aber naturgemäß unsichere Wiedereröffnungstermin des sanierten Hauses am Offenbachplatz, die insbesondere wegen vergangener Etatüberschreitungen und Rückzahlungspflichten prekären Finanzen der Oper. Und nicht zuletzt kann ihm heute noch niemand sagen, ob die jetzige Intendantin Birgit Meyer über 2015 hinaus im Amt bleibt. Zudem war Orozco-Estrada gerade in Köln, als die kurz darauf kleinlaut einkassierten Fusionsüberlegungen zu den Musiktheatern von Köln und Bonn die Runde machten. Dieses Bündel an Unwägbarkeiten ließ den Kandidaten letztlich die Reißleine ziehen.

Kulturdezernent Georg Quander, der vor Weihnachten auf eine Klärung der Stenz-Nachfolge in seiner verbleibenden Amtszeit gehofft hatte, war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Patrick Schmeing, Geschäftsführender Direktor des Gürzenich-Orchesters, wollte sich zum Vorgang nicht äußern und sagte: "Ich bin überzeugt, dass wir einen hervorragenden Nachfolger für Markus Stenz finden werden." Ein solcher hätte Orozco-Estrada als Künstler im Karriere-Steigflug gewiss werden können. Der Musiker wäre für Köln als Konzertdirigent ab 2014/15, als Chef am Opernpult ab 2015/16 frei gewesen.

Neben dem Chefposten beim renommierten Tonkünstler-Orchester leitet er auch das Baskische Nationalorchester. Er hat schon erfolgreich mit den Münchner Philharmonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig, den Bamberger Symphonikern und vielen anderen Klangkörpern gearbeitet.

Bei den Wiener Philharmonikern brillierte er 2010 als "fulminanter Einspringer" (Wiener Zeitung) für Esa Pekka-Salonen und wiederholte dieses Kunststück im November 2012, als er den kurzfristig verhinderten Riccardo Muti glänzend vertrat. In dieser Saison gibt der Südamerikaner seine Visitenkarte etwa beim Houston Symphony Orchestra, den NDR-Sinfonikern und dem Orchestre National de France ab.

Orozco-Estrada, der mit seiner Frau Julia in Wien lebt, will sich noch stärker der Oper widmen. Zuletzt leitete er eine hoch gelobte "La Traviata" in Stuttgart. In Köln erlebte man ihn Anfang Dezember, als er das Mahler Chamber Orchestra "zu triumphaler Spitzenleistung führte" (Rundschau). Am 22. März hört man erneut, was der Stadt entgeht: Dann dirigiert er in der Philharmonie die WDR-Sinfoniker mit Richard Strauss' "Tod und Verklärung" und Rossinis "Stabat Mater".