Der „Stripping Bolero“ des Choreografinnen-Duos Lisa Rykena und Carolin Jüngst bringt das Impulse Festival in Köln zum Höhepunkt.
„Stripping Bolero“ in KölnDer Reißverschluss bleibt zu

Szene aus „Stripping Bolero“ vom Choreografinnen-Duo Lisa Rykena und Carolin Jüngst, zu sehen beim Impusle Festival 2026 in Köln.
Copyright: Jonas Fischer
Wiederholung schafft Erwartung. Erst auf das Gleiche, dann, mit wachsender Sehnsucht, auf die Veränderung, auf die Erlösung vom immer gleichen Muster. Das wusste wohl kein Komponist besser als Maurice Ravel mit seinem Klassik-Hit „Bolero“: 169 Mal dieselbe rhythmische Trommelsequenz, das berühmteste Crescendo der Musikgeschichte und längst als Beischlafmusik trivialisiert.
So klingt die Wortkombination „Stripping Bolero“ von Rykena/Jüngst, dem Choreografinnen-Duo Lisa Rykena und Carolin Jüngst, erst mal nach einer erwartbaren Kombination: Striptease zum Iterations-Fetisch? Die Erwartung wird enttäuscht. Erregend wird es trotzdem. Mit der aus Hamburg und München kommenden Produktion endet das diesjährige Impulse-Festival, dem Showing von herausragenden Produktionen der freien Tanz- und Theaterszene aus dem deutschsprachigen Raum. In diesem Jahr waren die Städte Düsseldorf, Bochum, Mülheim an der Ruhr und zuletzt Köln beteiligt.
Auch der Intellekt wird stimuliert
Dort waren es nun also Rykena/Jüngst, die in der Tanzfaktur antraten, die Ohrwurm-Klassik mitsamt ihren Verführungs-Taktiken zu dekonstruieren und der beruhigenden Wirkmacht der Wiederholung den Kampf anzusagen. Zwei Performer, eine Performerin auf der Bühne. Einer schaut zu, während die anderen beiden sich lasziv räkeln, ihre Hände ablecken und den Tanzboden streicheln, als gelte es, ihn wie einen Partner zu stimulieren, auch schon mal ein Becken zucken lassen. Immer wieder gehen die Hände zum Reißverschluss ihrer bolero-kurzen Trainingsjacken. Innehalten. Kleines Kopfschütteln. Der Zipper bleibt zu.
Soweit, so sexy, wenn da eben nicht durchgehend auch der Intellekt mit Text stimuliert würde: Eine sanft-unterspannte, körperlose Stimme beschreibt jede Bewegung, und annähernd derselbe Text ist lesbar auf der Bühnenrückwand. Denn das hier ist ein Inklusions-Bolero: Audiodeskription für Blinde, Lesetext für Taube. Und wie bei der Kölner Choreografin Ursina Tossi inszenieren auch Rykena/Jüngst die Vermittlungstechniken als ästhetische Tools. So ist ein Großteil dessen, was Tanz auf dieser Bühne ist, zugleich wunderbar elegant präsentierte Gebärdensprache.
Und die schlängelt und flattert nun durch Mythen und Popkultur: Sie rupft Fetzen aus Schwanensee, Romeo und Julia, Dornröschen, Sacre du Printemps, auch Matrix und Martial-Arts und natürlich dem ikonischen Auserwähltseins-Ritual von Maurice Béjarts „Bolero“ und knetet dann die Signatur-Momente zu einem entlarvend komischen Story-Mix. Immer endet es mit Kuss und Hochzeit. Oder, öfter, mit dem Tod. So kämpft sich Lisa Rykena in der stärksten Szene des Abends durchs qualvolle Sterben einer halbverwandelten Schwanenfrau. Nur erzählt sie das Verenden nicht Richtung Höhepunkt, also zum Tod hin, sondern rückwärts: vom Tod, den letzten Muskelzuckungen, dem abnehmenden Schmerz in die aufrechte Körpersouveränität.
Eine herrlich ironische Verweigerung von Ekstasen-Klischees ist das, und ein raffiniert gesetzter Anti-Höhepunkt als finaler Höhepunkt des diesjährigen Festivals Impulse.
