Sylvester Stallone, Actionstar und Sexsymbol, wird 80 Jahre alt. Über ein Leben zwischen Schmerz und Schweinehälften.
Sylvester Stallone wird 80Von der heiligen Einfalt zur Killermaschine

Sylvester Stallone mit Estelle Getty in „Stop! Oder meine Mami schießt!“
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Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Manchmal ist es so einfach, auch wenn der Mann schon auf die Sechzig zugeht und es eigentlich besser weiß. Vor einem halben Leben war Rocky Balboa auf dem Gipfel, ein italienischer Hengst im Boxring, der aus dem Nichts kam und irgendwann in den verrückten 1980ern sogar den Kommunismus eigenhändig auf die Bretter der Weltgeschichte schickte. Doch das ist lange her, eine melancholisch gefärbte Erinnerung, die Balboas Restaurant immerhin jeden Abend zur Hälfte füllt. Nachts fährt er dann in seinem Lieferwagen durch die Stadt und trauert alten Zeiten hinterher: seiner verstorbenen Frau vor allem, aber auch den Werten, die er einst verkörperte: Fleiß, Leidenschaft und den Glauben an sich selbst.
In sämtlichen Teilen seiner schier endlosen Rocky-Saga erzählte Sylvester Stallone auf schamlose Weise von sich selbst. „Rocky“ war die Geschichte eines Niemands, dessen an Verwegenheit grenzende Sturheit ihm zum Durchbruch verhalf, „Rocky 2“ genau wie Teil 3 und 4 ein masochistischer Traum vom Leben im Rampenlicht und „Rocky V“ ein Abgesang auf die eigene Karriere. Mit „Rocky Balboa“ kam dann die scheinbar letzte Runde eines Mannes in die Kinos, der nicht mehr weiß, wer er ist und ob er noch in diese Welt gehört. Wie seine Figur wollte es auch Sylvester Stallone noch einmal wissen und fand beim Verprügeln von Schweinehälften tatsächlich zu alter Form zurück.
Der Superstar der 1980er Jahre verglüht als Supernova der Nostalgie
„Rocky Balboa“ war nicht nur die Rettung für Stallones angezähltes Lebenswerk, sondern auch ein Abgang, wie er besser nicht hätte sein können: Der Superstar der 1980er Jahre verglüht als Supernova der Nostalgie. Allerdings hörte Stallone danach nicht auf, sondern verschaffte auch seinem zweiten anderen Ich, dem ewigen Vietnam-Krieger John Rambo, einen weiteren Auftritt. Der rührte allerdings niemanden zu Tränen, vermutlich, weil die malträtierten Schweinehälften feindliche Soldaten waren und an den Haken eines südostasiatischen Schlachtfelds hingen.
An diesem Montag wird Sylvester Stallone 80 Jahre alt, und man darf immer noch darauf wetten, ob er seinen letzten Auftritt als Rocky oder Rambo absolvieren wird. Offenbar hat ihn die Sehnsucht nach Schmerz auch im Alter nicht verlassen, jene Mischung aus maskuliner Härte und geschundener Seele, die Stallone vorübergehend zum unbestrittenen Helden des testosterongetränkten Actionkinos machte. Lange vor Mel Gibson vertraute Stallone auf die Zugkraft des männlichen Masochismus, und weil auch er im realen Leben immer wieder Nehmerqualitäten beweisen musste, glaubte man ihm seine Leidensmiene sogar noch, als er gemütlich in seiner Hollywood-Villa saß und Grashalme auf sein rieselndes Anselm-Kiefer-Gemälde klebte.

Sylvester Stallone als Rocky Balboa in „Rocky III“
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Anfangs musste Stallone noch das Handicap eines Geburtsfehlers überwinden; sein sprichwörtlicher Hundeblick und seine schleppende Aussprache rühren von einer in den ersten Lebensminuten erlittenen Gesichtslähmung her. Beides hielt ihn nicht davon ab, eine Schauspielkarriere anzustreben, die ihn immerhin ins Ensemble von Woody Allens Komödie „Bananas“ führte, allerdings auch zu einer mittlerweile legendären Stippvisite im Softporno-Gewerbe. Das „Rocky“-Drehbuch schrieb er an einem Wochenende und überredete die Produzenten, ihm die Titelrolle zu überlassen. Vielleicht ist das sogar die schönere Gutenachtgeschichte als das Märchen vom einfachen Arbeiter, der es mit reinem Herzen und eisernem Willen zur umjubelten Boxlegende bringt.
Seit „Rocky“ kann das Kind im Mann keine Treppe mehr hinaufgehen, ohne die triumphalen Fanfaren aus Bill Contis Rocky-Thema zu hören, und keine Schramme an sich entdecken, ohne nach seiner Adrian zu schreien – zwei Regungen, die bei John Rambo schwerlich aufkommen wollen. Der Vietnam-Heimkehrer ist die abgehärtete Version von Rocky: gequält, verfolgt und unschlagbar, wenn man ihn in die Enge treibt.
Die Liebe heilt keine Wunden mehr, nur Töten kann die Schmerzen lindern
Im ersten „Rambo“-Film lieh Stallone einer in ihrem Stolz verletzten Nation seinen geschundenen Leib, im zweiten führte er sie zu alter Größe. „Gewinnen wir dieses Mal?“, fragt er seinen Vorgesetzten, bevor er nach Vietnam zurückkehrt, und gibt mit seinem Ein-Mann-Feldzug durch die grüne Hölle selbst die Antwort. Ronald Reagan verstand die Botschaft und beförderte Stallones Figur zum Sicherheitsberater ehrenhalber. Die Zeiten hatten sich gewandelt und aus der heiligen Einfalt eine Tötungsmaschine gemacht. Als Rambo wurde Stallone endgültig zum Actionhelden und narzisstischen Sexsymbol. Anders als bei „Rocky“ heilt die Liebe keine Wunden mehr; nur noch das Töten kann die Schmerzen lindern.
Als Stallone der Rocky- und Rambo-Fortsetzungen vorübergehend überdrüssig wurde, lieferte er sich mit Arnold Schwarzenegger ein Rennen um die Krone als Actionkönig von Hollywood. Jetzt war er in wechselnden „High-Concept“-Filmen zu sehen, einer Erzählform, die man auch als „No-Brainer“ kennt. Einiges davon war äußerst unterhaltsam, und wer in den Rambo-Filmen die erlösende Ironie vermisste, wurde damit in Stallone-Vehikeln wie „Cliffhanger“ und „Demolition Man“ reichlich versorgt.
In „Copland“ wagte sich Stallone sogar ins Charakterfach. Gleich 40 Pfund legte er für seine Rolle als kleiner Vorstadt-Sheriff zu, der in einer beinahe ausschließlich von Polizisten und ihren Familien bewohnten Gegend Dienst schiebt. Sein Leinwandpartner Robert De Niro konnte über solche Völlerei für die Kunst natürlich nur müde lächeln, trotzdem half sie Stallone, sich unter lauter schauspielerischen Schwergewichten zu behaupten. Die überflüssigen Pfunde verleihen seinem Ordnungshüter genau jene Behäbigkeit, die es leicht macht, ihn auf fahrlässige Weise zu unterschätzen. Sogar die romantische Liebe wagte sich in die Nähe dieser Stallone-Version zurück.
Ein Jahrzehnt später ergab sich Stallone der Nostalgie und bewies, dass er die Zeichen der Zeit erkannt hatte: „Rocky Balboa“ war Kino unplugged, eine Feier der Authentizität, die den digitalen Geist noch einmal mit Urgewalt zurück in die Flasche zwang. Seitdem blieb er den 1980er Jahren treu, vor allem mit den „Expendables“, einer Riege in die Jahre gekommener Haudraufs, die mitleidlos mit den Schurkenklischees dieser Kinowelt aufräumt. Es darf also gelacht werden, wenn gerade mal nicht gestorben wird. In Würde altern, sollte man das wohl nicht nennen. Aber Sylvester Stallone hat schon jetzt länger durchgehalten, als man ihm zugetraut hätte.
