Abo

Tanz KölnEin Opernhaus-Exorzismus mit Rosengeistern

3 min

Szene aus „Le Spectre de la Rose“, eine von drei Choreografien, die das Ballett Basel in der Kölner Oper zeigte.

Marco Goecke, seit letzter Spielzeit Künstlerischer Leiter beim Ballett Basel, gibt das erste Tanz-Gastspiel in der Kölner Oper.

So lassen sich wohl böse Geister bannen in einem 13 Jahre lang von Lärm- und Maschinengewalt traktierten, aufgerissenen, fast aufgegebenen Theaterhaus: Man belebe es mit dem Schaffen dreier Genies ihrer Zunft. Jiří Kylián, Hans van Manen, Marco Goecke, drei Choreografen, in deren Oeuvre es keine wirklich schlechten, allenfalls schwächere Werke gibt. So zog nun mit tatsächlich „Drei Meisterwerken“ die Sparte Tanz ins wiedereröffnete Kölner Opernhaus ein und eröffnete eine Spielzeit mit 13 Gastspielen.

Darunter sind auch zwei Abende von der gefragten Choreografin Marlene Monteiro Freitas, Kölns „Fast-Kompanieleiterin“, hätte die Stadt nicht wieder einen Rückzieher von der Finanzierung eines eigenen Ensembles gemacht. Sie wird an zwei Abenden den Karneval ihrer Heimat Kapverden in die deutsche Karnevals-Hochburg bringen – wenn das mal nicht ein typisch schräg-humorvoller Kommentar von Freitas fürs Kölner Casting-Debakel wird.

Ein charmanter Emanzipations-Twist im Ballettklassiker

Aber zuerst: Opernhaus-Exorzismus mit Rosengeistern: „La Spectre de la Rose“ in der Variante von Marco Goecke, seit letzter Spielzeit Künstlerischer Leiter und Hauschoreograf beim Ballett Basel. Die ursprüngliche Choreografie von Mikhail Fokine verhieß 1911 einen romantischen Mädchentraum. Darin erschien einer jungen Frau der erotische Tanzgott Waslaw Nijinsky als Rosengeist und betörte sie in viriler Ballerino-Attitüde. Bei Goecke dagegen fährt der Geist der Tänzerin als schnaufender Odem in den Leib. Sie schlängelt sich selbst wie eine ätherische Schwade sekundenlang auf der Stelle, um dann energisch den Männer-Spuk nach ihren Vorstellungen im typisch flatterhaften Goecke-Style über die Bühne zu jagen. Ein charmanter Emanzipations-Twist im Ballettklassiker, der als Abschluss des dreiteiligen Abends nahtlos anknüpft an das Mindset von Hans van Manen im Mittelteil.

Denn wie kein anderer Choreograf zelebrierte der in seinen Stücken den Geschlechterkampf zwischen Gleichberechtigten: taffe Frauen, sture Männer, intensive erotische Spannung. So ist das auch in seinem Duo „The Old Man and Me“. Eine Miniatur, die in wenigen Minuten und mit größtmöglicher choreografischer Prägnanz die Gefühlspalette eines ganzen Paarlebens auffächert.

Szene aus „Bella Figura“ vom Ballett Basel

Bei van Manen ist es der Mikrokosmos der Zweierbeziehung. Bei Jiří Kylián gleich das menschliche Universum, die Conditio humana im Welttheater. Es gilt, in der Sinnlosigkeit unserer Existenz stets „Bella Figura“ zu machen, so der Titel des 1995 entstandenen Stücks, mit dem der Abend eröffnete. Darin behauptet sich der Mensch gegen Daseinsschmerz und Ausweglosigkeit durch Ironie und zärtliche Solidarität. Eine Choreografie des „trotzdem“ – auch trotz des Eigenlebens eines tiefschwarzen Theatervorhangs: Er entscheidet über wechselnde Perspektiven, folgt langsam einem tanzenden Paar, als wolle er ihren Raum schließen, greift gar zu Beginn nach einer Tänzerin und lupft sie sacht in die Höhe.

So lässt der Vorhang seine Bühnenwesen schweben. Oder verschwinden. Dazwischen macht das Ballett Basel durchgehend „Bella Figura“, haucht allen drei Choreografien verspielt-melancholisches Leben ein. Den Choreografien – und der Oper Köln.

Nächste Vorstellungen bei Tanz Köln: „Delay the Sadness“ von SED – Sharon Eyal Dance am 23.–25.10.2026 im Schauspielhaus