Starke Inszenierung: „Die Möwe“ nach Anton Tschechow in der Werkstatt des Bonner Schauspiels. Stück vom Ende des 19. Jahrhunderts wird von Regisseur Sascha Hawemann sehenswert in die Moderne projiziert.
Theater BonnTschechows "Die Möwe" in die Moderne projiziert

Imke Siebert und Riccardo Ferreira: Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" in der Werkstatt des Bonner Schauspiels.
Copyright: Matthias Jung
Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler. In Anton Tschechows 1896 uraufgeführtem Stück „Die Möwe“ fühlen sich alle Figuren, als seien sie in ihrer Welt vollkommen fehlbesetzt. Sie leiden daran, dass ihnen das Leben Rollen zumutet, die sie nicht spielen wollen, und sie träumen von Rollen, die sie nie spielen werden. Der junge Kostja zum Beispiel hat ein symbolistisches Drama geschrieben, das niemand ernst nimmt. Er scheitert an der Gleichgültigkeit seiner Umwelt, mit Kostjas Selbstmord endet das Stück.
In der Werkstatt des Bonner Theaters hat Regisseur Sascha Hawemann Tschechows Personal von rund einem Dutzend auf ein Quintett reduziert und zudem auch zwei Geschlechtsumwandlungen vorgenommen: Die Schauspielerin Irina Arkadina wird hier zu Pawel und der Autor Boris Trigorin zu Alexandra. Die Bonner „Möwe“ nach Anton Tschechow hat sich auf eine Zeitreise begeben und ist in der Gegenwart angekommen. Tschechow trifft auf Techno, Laptop und Handy in der Werkstatt, und die von einer Theaterkarriere träumende Nina (Imke Siebert) trägt ein T-Shirt mit dem Sex-Pistols-Motiv „God Save The Queen“. Die Aufführung nimmt sich also Freiheiten mit Tschechows Text, aber sie entfernt sich nicht von dessen Essenz. Zu vernehmen ist ein tiefer melancholischer Seufzer über menschliches Streben und Scheitern; zu sehen ist aber auch die darin eingekapselte Komödie.
Vater-Sohn-Konflikt: Dialoge und ein Squash-Duell
Alexander Wolfs Bühne spiegelt mit Schminktisch und Garderobe die Tatsache, dass Tschechow auch ein Stück übers Theater geschrieben hat. Riccardo Ferreiras Kostja ist aus Sicht seines Vaters Pawel (Alois Reinhardt) als Theaterautor der Hauptdarsteller im Drama eines unbegabten Kindes. „Quark“ lautet Pawels Rezension des mit Nina besetzten symbolistischen Stückes; die „Harmonie von Geist und Stoff“ bleibt ihm offenbar verborgen. Der Vater-Sohn-Konflikt entfaltet sich in Dialogen, aber auch in einem Squash-Duell. Es ist in Pützchen abgefilmt worden und als Projektion erlebbar (Video: Lars Figge). Pawel gewinnt. Er spielt übrigens auch Bühnen-Tennis und sieht dabei aus wie einst Björn Borg. Auseinandersetzungen sind das eine, Annäherungen das andere. Immer wieder umarmen und umschlingen sich die Figuren, doch kommen sie sich nicht wirklich näher. Jeder bleibt auf seine Art einsam und allein.

Szenen aus dem Stück "Die Möwe" von Anton Tschechow in der Werkstatt des Bonner Schauspiels.
Copyright: Matthias Jung
So geht es der anfangs zukunftsoptimistisch strahlenden und exaltierten Nina, deren Gefühle die Schriftstellerin Alexandra (Ursula Grossenbacher) nur unvollkommen erwidert. Alexandra mag an ihrer Schreibsucht leiden, aber sie lässt ihr keinen Raum für wahre Zuneigung; auch ihre Selbstliebe mag sie nicht wirklich teilen. Pawel ist als alternder Theaterstar ebenfalls auf einem nicht enden wollenden Egotrip. Verlorener Jugend und verblassendem Erfolg widersetzt er sich im weißen Tschechow-Anzug (Kostüme: Ines Burisch), mit divenhafter Grandezza und sportlich – einmal sogar mit einem den Rücken strapazierenden Breakdance-Power-Move. Umwerfend komisch.
Pawel wie auch die anderen Figuren bewegen häufig Objekte im Raum, möblieren die Bühne neu. Ein solides Fundament für ihre eigene Existenz legen sie jedoch nicht. Riccardo Ferreira als Kostja definiert mimisch Lebensmüdigkeit und Liebestristesse auf berührende Weise.
Theater im Theater: Stück wirft viele aktuell Fragen auf
Ninas Gesicht spiegelt das Dilemma: anfangs hell leuchtend, am Ende erloschen. Aber dann findet Imke Siebert als Nina doch noch ein Lebens- und Kunstgleichgewicht: im historischen Kleid und im Bewusstsein, dass der Mensch auszuhalten hat, „was ihm geschieht“. Ein Tschechow-Theater-Schrank wird für sie ein neues, sicheres Zuhause. Ein großartiges Schlussbild.
Christian Kuchenbuch als schriftstellernder Arzt Dorn vertritt in vielen Szenen mit großer Intensität den Autor Anton Tschechow: in dessen Selbstverständnis und Selbstzweifeln. Theater im Theater wirft in der Werkstatt Fragen über neue Formen auf, über Generationenkonflikte und Künstlerexistenzen in der Krise. Und über Zukunftssorgen. Die bewegen derzeit angesichts von Einspar-Visionen im städtischen Haushalt ganz real das Bonner Schauspiel. Die „Möwe“ kann man auch als Plädoyer in eigener Sache betrachten. Mit schlagender Wirkung. In dieser Form beweist das Theater, dass es einfach unersetzlich ist.
Die nächsten Vorstellungen (knapp zwei Stunden ohne Pause): 5., 21. und 28. Februar; 6. und 26. März. Karten gibt es bei Bonnticket.
