Mit einer spektakulären Inszenierung wirbt die Künstlerinitiative „Raum13“ für den Erhalt eines „Weltortes“
Theater um einen WeltortFür die Rettung der schönen Künste

Aufgeben ist keine Option: Bei der Uraufführung des Stücks auf dem ehemaligen KHD-Gelände werden riesige Fahnenbanner mit der Aufschrift „Hoffnung, Mut, Schönheit und Genuss“ gehisst.
Copyright: Martina Goyert
„Rettet die schönen Künste für die Stadt der Zukunft“, schallt es aus dem Lautsprecher. Wie ein kleiner Demonstrationszug marschiert das Ensemble über den roten Teppich, der durch einen der vielen Höfe der ehemaligen Hauptverwaltung von KHD in Köln-Mülheim ausgelegt ist. „Wer ist hier verantwortlich?“, fragen Arbeiter, Angestellte und ein Vorstandsmitglied des ehemaligen Weltkonzerns als Boten aus der Vergangenheit. „Da ist ja nichts! Auf weiter Fläche nichts als Geröll und Gruben“, staunen sie über die plattgewalzte Umgebung des Otto-und-Langen-Quartiers. Ein „merkwürdiges, sonderbares Volk“ müsse das sein, das alles brachliegen lässt und nichts dagegen unternimmt. Investoren haben die alten Industrieflächen gekauft, aber nichts neu gebaut. Waren nicht auf großen Reklametafeln Wohnraum, Arbeitsplätze, Grünflächen und Kultureinrichtungen versprochen worden? „Alles nur Papier und Abriss!“ Ob man noch in Köln sei, fragt eine andere staunende Zeitreisende. Sie habe zwar die Spitzen des Doms gesehen, aber vielleicht seien die auch nur die „Kulisse für das nächste Event in der Stadt“.
Eine Reise durch Raum und Zeit
Der Auftakt des Stücks „Sichtbarmachung eines Weltortes“ – so der etwas sperrige Titel – ist bitterböse und fulminant. Mit der ersten Produktion, zwei Jahre nach dem Wiedereinzug der Initiative „Raum 13“ in die ehemalige Hauptverwaltung von KHD an der Deutz-Mülheimer Straße, soll sich eine Reise durch „Raum und Zeit" verbinden, „auf der Geschichten, Entwicklungen und Zukunftsvisionen gemeinsam durchstreift werden“. Die Tour durch zwei Höfe und zwei Hallen, die zu Bühnenräumen für Theater, Soundinstallationen und Agitation für eine bessere Welt werden, wird dank des Spiels der Akteure, der Inszenierung und der Texte von Anja Kolacek und Marc Leßle sowie des Sounddesigns von Matthias Hornschuh und Andreas Hanten zu einer sehr sinnlichen Erfahrung. Das alte Gemäuer lebt. Und als dann noch Dalia Schächter mit Theresia Renelt am Klavier Lieder von Johannes Brahms singt, kommen manchem Premierengast sogar die Tränen. Da macht das „Zentralwerk der schönen Künste“, wie die Künstlerinitiative den Ort genannt hat, seinem Namen alle Ehre. Selbst beim Blick auf die Zeit der rauen Industrialisierung im 19. Jahrhundert gibt es eben auch sehr viel Schönes zu entdecken. Brahms war nur ein Jahr jünger als Nikolaus August Otto, der mit der Erfindung des Otto-Motors vor 150 Jahren von Köln aus die Motorisierung der Welt revolutionierte.

„“Ganz dicht dran am Geschehen: Die Schauspielerinnen und Schauspieler ziehen durchs Publikum in einem Raum der ehemaligen KHD-Hauptverwaltung, die zur Zeit von der Initaitive Raum 13 umgebaut wird.
Copyright: Martina Goyert
Das Publikum ist bei dieser Zeitreise immer mittendrin, Bühne und Zuschauerraum sind nicht getrennt. Nur die Vertreter der drei für das Kulturerbe zuständigen Dezernate der Stadt Köln hat man in Form von drei Figuren eines Kinderkarussells mit etwas Abstand ins Fenster gesetzt: Die Verantwortlichen für die städtischen Liegenschaften, Kultur und Stadtentwicklung sind nur stille Beobachter bei diesem Spiel. Müssten sie nicht eigentlich verantwortlich sein für diesen Ort? Die Frage beantwortet das Ensemble mit Gelächter. Die Stadt Köln hat es sich als teilnahmsloser Zuschauer bei diesem Spiel bequem gemacht. Sie lässt sich von Investoren narren. Sie kümmert sich noch nicht einmal um den eigenen Besitz. Bis heute ist der riesige Gebäudekomplex der KHD-Hauptverwaltung nicht wieder ans städtische Stromnetz angeschlossen. Für die umfassenden Sanierungsarbeiten auf dem Gelände durch die Künstler und viele ehrenamtliche Helfer wie auch für die aufwendige Theaterproduktion hat ein Unterstützer von „Raum 13“ seine private Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach installiert. So lässt sich wenigstens ein bisschen Licht machen.
Die Künstler Kolacek und Leßle haben im Umgang mit der Stadt jahrelang auf Diplomatie, Gemeinsamkeit und Freundlichkeit gesetzt. Bei dieser Inszenierung lassen sie mal ihren ganzen Frust raus. Dass zeitgleich in Sachsen-Anhalt eine historische Wahl stattfindet, ist Zufall. Und doch bekommt die Kunst durch die Parallelität der Ereignisse noch einmal eine ganz andere Wucht: Der Vertrauensverlust in Politik und staatliche Institutionen hat Gründe. „Da wirste ganz mürbe im Kopf“, ruft eine Protagonistin verzweifelt.
Mit Hoffnung und Mut gegen die Verzweiflung
Doch die Enttäuschung führt nicht zur Verzweiflung. Aufgeben ist keine Option. So werden riesige Fahnenbanner an der Hausfassade gehisst: Mit den überdimensionalen Aufforderungen „Hope“ und „Enjoy“ war das Publikum bereits begrüßt worden. Nach dem Exkurs über das städtische Versagen und philosophischen Betrachtungen über den Wert der „Freiheit“ werden neben „Hoffnung“ und „Genuss “auch noch „Courage“ und „Schönheit“ proklamiert. Die Schauspieler skandieren dazu: „Wir gehen rückwärts in die Zukunft mit Empathie und Interesse.“

Tolles Spiel an geschichtsträchtigem Ort: Florian Lenz und Esther Krist bei der Uraufführung des Programms „Sichtbarmachung eines Weltortes“.
Copyright: Martina Goyert
Der lehrreiche Blick zurück berichtet von Zeitenwenden und Transformationen, Arbeiterleben und Chefs mit Verantwortung, von Aufstiegsversprechen, aber auch von Managementversagen. Die spektakuläre Tour durch das Gebäude endet damit, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler Zeitzeugenberichte von ehemaligen Beschäftigten nachsprechen. Noch einmal wird spürbar, welche Geschichte, aber auch welche Dynamik und welches Potenzial in diesem „Weltort“ stecken. Gesucht werden Antworten auf die Frage, wie in einer kapitalistischen Welt eine Orientierung am Gemeinwohl zu ihrem Recht kommt. „Wir brauchen eine neue Zauberformel“, ruft das Ensemble, das sich zum Abschluss noch einmal zu einem kleinen Demonstrationszug mit Megafonen und Breakbeats formiert. Der Ausgang der Zeitreise bleibt ungewiss.
Das Stück „Sichtbarmachung eines Weltortes“ im „Zentralwerk der Schönen Künste“, Deutz-Mülheimer-Straße 147-149, wird noch viermal – am kommenden Sonntag, 13. September, sowie am 3., 4. und 18. Oktober – aufgeführt. Der Eintritt kostet 26, ermäßigt 12 Euro. Um Voranmeldung per Mail unter info@raum13.com wird gebeten. „Raum 13 “ beteiligt sich am kommenden Wochenende auch am „Tag des offenen Denkmals“.