Der umstrittene Kölner Bananensprayer Thomas Baumgärtel feiert seine Karriere mit einer Mammuttournee durch den Niederrhein.
Thomas BaumgärtelIn Köln verachtet, in der Provinz geliebt

Thomas Baumgärtel mit seinem Markenzeichen, der Sprühbanane
Copyright: Atelier Baumgärtel
Man kann es getrost einen Rückblick der Superlative nennen: Thomas Baumgärtel, besser bekannt als Bananensprayer, zeigt derzeit Arbeiten aus 40 Jahren in 40 Museen und Kulturorten des Niederrheins. Dafür mussten rund 1500 Kunstwerke verpackt und auf die Reise von Köln nach Bedburg, Goch, Kalkar, Kleve, Moers oder Xanten geschickt werden, eine logistische Herkulesaufgabe, für die der Niederrhein ihm seine schönsten Häuser öffnete und die Bundesstraße 9 sogar in Bananenstraße umbenannte. Nicht schlecht für jemanden, der in seiner Wahlheimat Köln verlässlich zu den gering geschätzten Propheten zählt.
Für Baumgärtel ist es eine Heimkehr. Er wurde 1960 in Rheinberg geboren und wuchs dort auch auf, bevor er 1985 zum Doppelstudium (Psychologie und nebenbei Kunst) nach Köln zog. Sein Vater hätte es lieber gesehen, so Baumgärtel, wenn er Medizin studiert hätte. Stattdessen absolvierte er seinen Zivildienst in einem Rheinberger Krankenhaus und erlebte dort sein „Erweckungserlebnis“. Als in einem Krankenzimmer ein Kruzifix zu Bruch ging und er die Scherben der Jesusfigur zusammenkehrte, überkam ihn die Idee, das benagelte Kreuz mit seiner Frühstücksbanane als Hauptfigur an die Wand zu hängen. Die Ordensschwestern seien auf diese Gotteslästerung schlecht zu sprechen gewesen, so Baumgärtel, aber unter den Patienten sei es vor Freude zu Spontanheilungen gekommen. Beides, der Widerspruch wie auch die Zustimmung, weckte den Wunsch in ihm, Künstler zu werden.
Widerspruch spornt Thomas Baumgärtel eher noch an
„Kunst muss etwas bewirken“, das ist bis heute Baumgärtels oberster Glaubenssatz. Zustimmung und Widerspruch haben ihn verlässlich durch seine 40-jährige Karriere begleitet, wobei sich der Widerspruch nicht nur bei verballhornten kirchlichen und politischen Autoritäten ballte, sondern auch aufseiten der seriösen Kunstwelt. Die erste Riege der Kölner Galeristen und Museumsdirektoren wollte mit Baumgärtel selten etwas zu tun haben, und mancher klagte sogar auf Schadenersatz, wenn ihm Baumgärtel seine Banane als Gütesiegel auf die Fassade sprühte. Aber solcher Widerspruch spornte den Verstoßenen eher an. Dass ihn die Kunsthändlerlegende Rudolf Zwirner vor wenigen Jahren lautstark als „Arschloch“ beschimpfte, empfindet er als Auszeichnung. Auch unter denen, die sein Werk verachten, hat er sich einen Namen gemacht.
Am Niederrhein sieht man Baumgärtels Verdienste offenbar weniger streng. Seine Niederrhein-Tournee steht unter dem Motto „Freiheit für Kunst“ und macht auch an Orten Station, die einen guten Ruf zu verlieren haben: das Kurhaus Kleve etwa, das Museum Schloss Moyland, Stammhaus der Joseph-Beuys-Verehrung, die Galerie Löhr in Mönchengladbach und das LVR-Landesmuseum in Wesel. In seiner Geburtsstadt weiht Baumgärtel mit seiner Ausstellung immerhin den neuen Rathausanbau ein, und auch sonst verbindet er entlang der Bananenstraße etliche schöne Ausflugsziele, angefangen mit Burg Brüggen bis zum Siegfried-Museum in Xanten.

Thomas Baumgärtels „Kunst als Religion“
Copyright: Atelier Baumgärtel
In der Regel hat Baumgärtel ein Gastgeschenk mit Lokalkolorit dabei. Das Siegfried-Museum schmückt jetzt eine comichafte Heldenfigur, die den Drachen mit goldgelben Bananen ertränkt, statt ihn kaltblütig zu ermorden; in Rheinberg ist mit Claudia Schiffer eine berühmte Tochter der Stadt als Bananenkönigin zu sehen; und in der Beuys-Stadt Kleve hängt Baumgärtel den Künstlerhut an die gebogene Frucht. Überhaupt gibt es im Werk des Bananensprayers wenig, was sich nicht mit seinem Markenzeichen kreuzen lässt: sei es die Friedenstaube, der Bundesadler oder der Hintern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.
Bei Baumgärtel ist die Banane eine Allzweckwaffe. Mal hilft sie ihm, Autoritäten wie Putin, Jesus Christus oder einen im Bananen-pointillistischen Stil gehaltenen Adolf Hitler zu persiflieren; mindestens genauso oft rühmt er mit der Banane allerdings Kunstwerke und Museen als exotische Inseln im Alltagsleben. Es ist ein Phänomen: Baumgärtel gelang es, sein Markenzeichen als Gütesiegel an Hunderte Museumsfassaden zu sprühen, und das, obwohl sich einige der betroffenen Direktoren vermutlich eher die Hand abhacken würden, als einen Baumgärtel in ihren Sälen aufzuhängen.
Selbst die Freiheitsstatue reckt Baumgärtels Banane in den Himmel
Mittlerweile reckt selbst die Freiheitsstatue eine Banane in den Himmel – und Baumgärtel kämpft für die Freiheit der Kunst, indem er Friedrich Merz auf einer alten Schulkarte des deutschen Wirtschaftslebens den amtierenden US-Präsidenten die Füße küssen lässt. Daneben sitzt ein wohlgefällig lächelnder Netanjahu, und so darf man die derbe Karikatur als Angriff auf die Haltung der Bundesregierung zum Krieg gegen den Iran ansehen. Gefördert wird die Ausstellungsreihe vom NRW- Kulturministerium, ein Zeichen dafür, dass die Meinungsfreiheit wenigstens am Niederrhein noch von Staats wegen garantiert wird.
Bisweilen scheint Baumgärtel den Erfolg seines Markenzeichens zu bereuen, denn eigentlich will er mehr sein als der Bananensprayer. Bereits in den 1980er Jahren habe er alte Meister, Ölschinken vom Flohmarkt, übersprüht, sagt er, ein Einfall, der später durch Banksy noch einmal zu Popularität gelangte. Außerdem gibt es von ihm fotografische „Spraygamme“, Waldlandschaften in Pop-Art-Manier, Brückenbilder auf alten, vom Mauerwerk gezeichneten Plakatwänden und sogar Bilder der Vernichtungslager in verschwommener Gerhard-Richter-Optik.
Auch die Straßenkunst hat der gelernte Maler nie hinter sich gelassen. Spektakulär war eine Guerillaaktion am Hauptportal des Kölner Doms, das Baumgärtel morgens um neun Uhr mit einer riesigen, per Lkw transportierten und in wenigen Minuten aufgebauten Bananenskulptur verstopfte. Ob man darin nun die Wiederbelebung des vertrockneten kirchlichen Geistes durch das saftige Fruchtfleisch erkannte oder nicht – für reichlich Wirbel war gesorgt.
Am 10. Juli steht die letzte große Eröffnung der Baumgärtel-Tournee an – im Museum Kurhaus Kleve, das die Werkgruppe der Künstlerbananen zeigt. In dieser Hommage an große Künstler haben Thomas Baumgärtels Verächter wenig mehr als Trittbrettfahrerei gesehen. Dabei ist sie eher ein leuchtendes Symbol für seine Liebe zur Kunst, die wiederum nichts anderes will, als andere in die Kunst verliebt zu machen.
