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Kommentar

„Timmy“-Rettung
Ein Wal, wie ein Zerrbild der Gesellschaft

2 min
Ein privater Rettungsversuch für den Wal dauert weiterhin an. Das Leidensweg des 13,5 Meter langen Buckelwals begann Ende März 2026, als er in der Nähe der Stadt Lübeck auf einer Sandbank festsaß. Zunächst konnte er sich befreien, strandete jedoch weiter östlich an der deutschen Küste erneut. Anfang April 2026 erklärten Behördenvertreter, sie gingen davon aus, dass das Tier sterben werde, da es durch seine Odyssee zu geschwächt sei, um zu überleben und den Weg zurück in seinen natürlichen Lebensraum im Atlantik zu finden.Helpers are seen standing in the shallow water close to a stranded humpback whale as one of them covers the animal with blankets to protect its skin in the Wismarer Bucht bay of the Baltic Sea off the island of Poel, northern Germany, on April 24, 2026. A private rescue attempt for the whale still goes on. The 13.5-metre (44-foot) humpback whale's ordeal first began in late March 2026 when it was spotted stuck on a sandbank near the city of Luebeck. It first freed itself only to become stuck again further east along the German coast. Earlier in April 2026 officials said they expected the animal to die, saying it had been too weakened by the odyssey to survive and make its way back to its natural habitat in the Atlantic. Coverage of the whale's struggle for survival and efforts to rescue it have gripped the German public, with some of the press calling the animal "Timmy". (Photo by FRANK MOLTER / AFP)

In der Wismarer Bucht der Ostsee vor der Insel Poel in Norddeutschland sind am 24. April 2026 Helfer zu sehen, die im seichten Wasser in der Nähe eines gestrandeten Buckelwals stehen, während einer von ihnen das Tier mit Decken bedeckt, um seine Haut zu schützen. Ein privater Rettungsversuch für den Wal dauert noch an. Die Tortur des 13,5 Meter langen Buckelwals begann Ende März 2026, als er in der Nähe der Stadt Lübeck auf einer Sandbank festsaß.

Tausend Meinungen brechen wie Wellen am Körper des gestrandeten Wals. Das Tier leidet stumm inmitten eines Jahrmarkts der Deutungen.

Über die ungeheuerlichen Zerrbilder von Walen: So hat Herman Melville Kapitel 55 seines Romans „Moby-Dick“ übertitelt. Darin beschreibt er die Unmöglichkeit, sich ein vollständiges Bild des Tieres zu machen. Von Land aus lasse sich keine Vorstellung von der Gestalt des Wals gewinnen. Wer sich aber in seine Nähe begibt, laufe Gefahr, „von ihm in alle Ewigkeit zerschmettert und versenkt zu werden“.

Das gilt selbst, wenn der Meeressäuger auf einer Sandbank strandet, so wie der Buckelwal Timmy vor nun schon einem Monat am Timmendorfer Strand: Er produziert Zerrbilder. Der Wal steckt fest, er siecht dahin, nicht ahnend, wie sich tausend Meinungen an seinem erschlafften Körper brechen, wie die Wellen an der Ostseeinsel Poel. Nicht anders als Melvilles weißer Wal – weiß, wie eine Projektionsfläche – ist Timmy ein Symbol, ein obszön großes noch dazu. Nur für was?

Timmy kann für alles stehen – und für nichts

Für das, sagt eine Meeresbiologin, was wir den Meeren antun. Für alles, so der umtriebige Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, was uns Anlass zur Hoffnung gibt. „Hope“ haben Aktivisten das Tier getauft, bevor sie sich heillos über die Maßnahmen zu seiner Rettung zerstritten.

Nicht nur sie. Die ganze Nation streitet seit Wochen über Sinn und Unsinn des Eingreifens. Kreative Zyniker haben einen „Wal-O-Mat“ programmiert, mit dessen Hilfe man feststellen kann, ob man „Team Sprengen“ oder „Team Liegen lassen“ ist.

Das Land streitet auch darüber, ob man überhaupt in dieser Ausführlichkeit berichten (und kommentieren) sollte. Haben wir nichts Besseres zu tun? Was ist mit dem Schicksal der Millionen Nutztiere, die nicht auf einer Sandbank, sondern auf Tellern und zwischen Brötchenhälften landen?

Steht Timmy für die Unmöglichkeit, sich in polarisierenden Zeiten neutral oder abwägend gegenüber einer Sachlage zu verhalten? Oder für das schleichende Ohnmachtsgefühl, die Menschheit habe sich festgefahren?

Moby-Dick, bekannte Melville, sei eine Metapher für alles und nichts. Ein Symbol für die Unmöglichkeit, der Welt einen abschließenden Sinn zu geben. Das Leid ist real, aber wir blicken auf das stumme Tier wie in einen Jahrmarkt-Spiegel.