Ein Audiowalk der Schauspielerin Nicola Schubert zeigt, wie sich Gewalt gegen Frauen über Jahrhunderte hinweg verändert – und doch ähnlich bleibt.
Performance über FrauenhassAudiowalk in Köln schlägt Bogen von Hexenprozessen zu Femiziden

In der Gegend rund um Groß St. Martin ist die Performance von Nicola Schubert zu erleben.
Copyright: Nicola Schubert
Jeden Tag wird in Deutschland eine Frau Opfer eines Femizids, das heißt, sie wird von Männern, meist aus dem engsten familiären Umkreis, getötet, weil sie eine Frau ist. Gut in der Hälfte aller Morde war der (Ex)-Partner der Täter. 90 Prozent aller Hinrichtungen im Spätmittelalter betrafen Frauen. Die Opfer wurden zumeist als Hexen verfolgt, gefoltert und in der Regel verbrannt. Die Schauspielerin und Autorin Nicola Schubert schlägt in ihrer Audiowalk-Performance „to #allmen“ einen zeitlichen Bogen zwischen dem Hexenwahn des Mittelalters und der grassierenden Gewalt gegen Frauen in heutiger Zeit.
Der Audiowalk entstand in Koproduktion mit der Studiobühne Köln. Ort der Inszenierung ist die Gegend rund um Groß St. Martin. Hier auf mittelalterlichem Boden erfährt das Publikum, das den Walk mit Kopfhörern verfolgt, vom Schicksal der Postmeisterin Katharina Henot, einer Kölner Bürgerin, die 1627 trotz – oder gerade wegen? – ihres wirtschaftlichen Erfolges als „Hexe“ denunziert, verfolgt, angeklagt und hingerichtet wurde.
Weitgehend stumme Spielweise und pointierte Kostüme
Das Hörspiel um eines der berühmtesten Opfer der Hexenverfolgung in Köln, wechselt sich ab mit der fiktiven Geschichte eines heutigen drohenden Femizids. Wir verfolgen die toxische Dynamik in der Beziehung der jungen Eltern Katharina und Max. Dass Katharina sich weiterhin mit eigenen Freunden treffen möchte, wird von ihrem Mann als Bedrohung seines Besitzdenkens wahrgenommen. Max macht Geschenke und übt gleichzeitig zunehmend direktere Gewalt aus.
Nicola Schubert spielt beide Katharinas weitgehend stumm. In Windeseile wechselt sie die pointiert ausgestatteten Kostüme (Clara Kulemeyer), eine Halskrause aus Verpackungsmaterial führt ins Mittelalter, wo strukturelle Gewalt gegen Frauen auf andere Art und Weise sichtbar wird, als in heutiger Zeit. Dass Nicola Schubert ihr Publikum mitunter für kurze Zeit im Unklaren lässt, welcher Katharina es gerade folgt, ist beabsichtigt. Als Wanderin zwischen den Zeiten zeigt sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf, wenn es darum geht, dass Männer mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln Kontrolle über Frauen ausüben wollen.
Das Publikum wird zum Augen- und Ohrenzeugen
Vom mittelalterlichen Traktat des Hexenhammers des Theologen Heinrich Kramer bis hin zu den perfiden Internetkampagnen, in denen toxische Alpha-Male- und Incel-Ideologien verbreitet werden, ergibt sich eine düstere Verbindung, wenn es darum geht, Frauen systematisch dem männlichen Willen unterzuordnen. Katharina Henot wird am Ende öffentlich zur Schau gestellt, erwürgt und im Feuer vernichtet. Die mittelalterliche Atmosphäre in der Dämmerung vor den Mauern der Kirche lässt die Anwesenden hautnah in das Geschehen eintauchen. So als ob das Publikum zum Augen- und Ohrenzeugen der historischen Ereignisse wird.
Die moderne Katharina wiederum wagt die Flucht. Mit raschem Schritt führt uns Nicola Schubert durch die Altstadt, gehetzt und getrieben, gleichzeitig teilnahmslosen Blicken der Besucher der Altstadt ausgesetzt. Gelingt es ihr, anders als vielen ihrer Leidesgenossinnen, sich zu retten? Ihr Schicksal wird im Stück zur Aufforderung, Anteil zu nehmen an Strukturen, die Gewalt gegen Frauen in solch großem Maße erst möglich machen. Ein Mikrofon im Kreis der Zuschauenden, lädt am Ende dazu ein, im Gespräch miteinander Anregungen und Akzente zu setzen für einen gleichberechtigten und angstfreien Umgang der Geschlechter.
Termine „to #allmen“: Groß St. Martin, 28. bis 30. Mai, 20 Uhr, 31. Mai 18 Uhr, Tickets gibt es unter rausgegangen.de: regulär 15 Euro, ermäßigt 7 Euro
