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Toten Hosen im Rhein-Energie-StadionWorum Campino Köln beneidet

5 min
17.07.2026, Köln: Die Toten Hosen  spielen Open-Air-Konzert im Rhein-Energie-Stadion.

Tote-Hosen-Sänger Campino am Freitagabend (17.7.2026) im Rhein-Energie-Stadion. Die Düsseldorfer Band spielt zwei Konzerte in Köln-Müngersdorf.

Die Toten Hosen sind nach 44 Jahren Bandgeschichte auf großer Abschiedstournee. Am Freitag und Samstag spielen sie vor rund 84.000 Fans in Köln. Unsere Kritik vom ersten Abend.

„Kommt aus den Echokammern raus!“, fordert Campino im neuen Song „Was ist mit uns los?“ Dass sich heute nur die lautesten Meldungen durchsetzen, dass die Stimmung demagogisch ist. Obwohl es doch auch vor 40 Jahren schon scheiße war, hatte er vorher gesagt. Dass wir uns die Zuversicht nicht kaputtmachen lassen sollen.

Im Kölner Westen verwandeln die Toten Hosen ein ganzes Stadion in eine riesige Echokammer, zwei Mal 42.000 Menschen feiern mit ihnen Abschied, an zwei Abenden hintereinander. Wenn das eine Blase ist, muss es eine gewaltige sein und sehr viel stabiler und langlebiger, als es die Metapher suggeriert.

„Trink aus, wir müssen gehen“, haben die Düsseldorfer ihr vorgeblich letztes Album und auch diese letzte Tour durch Deutschlands Stadien getauft. Das klingt müde und melancholisch, aber Melancholie kommt zumindest in der ersten Dreiviertelstunde des Konzerts kaum auf. Dafür sind sie viel zu schnell, zu spielhungrig. Sind quicklebendig, diese Hosen.

Sie sind quicklebendig, diese Toten Hosen

Kommen auf die Bühne gerannt wie junge Hunde, Kuddel, Breiti, Andi, Vom und Campino, nicht wie Männer im besten Alter. Drücken das Gaspedal bis zum Boden durch und erklären sich noch einmal zu den Jungs aus der Opel-Gang. Ford versengt, Fiat ausgebremst, Bullen abgehängt. Lang ist das her. Mehr als 40 Jahre. War die Welt damals wirklich schon so scheiße?

Ginge es nicht so rasant weiter – „Die Show muss weitergehen“ vom neuen Album spielen sie gleich als zweites Lied –, man könnte wirklich melancholisch werden. Wie zuversichtlich soll man denn in eine hosenlose Zukunft schauen? Werden sich die Echokammern nicht noch weiter verengen, wenn sich keine Mehrheiten mehr um Deutschlands Lieblingspunks versammeln können?

17.07.2026, Köln: Die Toten Hosen  spielen Open-Air-Konzert im Rhein-Energie-Stadion.

Kündigt sich mit Sirenenton an: Campino im Rhein-Energie-Stadion.

Campinos deutscher Großvater war Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, sein englischer Granddad Member of Parliament für die Labour Party. Was der Enkel all die Jahrzehnte mit seinen Hosen betrieb, war staatstragende Subversion. Mit den Hosen kann man, auch an diesem Abend, als verfassungstreuer Bürger das Wir-gegen-alle-anderen von „Bonnie und Clyde“ feiern, die anarchische Horrorshow von Clockwork-Orange-Alex. Punk entstand aus einer Jugend, der keine Zukunft beschieden wurde, und die sich entschied, trotzig das Asoziale zu feiern. Die Düsseldorfer haben diese Feier in ein Gemeinschaftserlebnis verwandelt, so groß wie die Mitte der Gesellschaft. Ein fantastisches Paradox. Wenn sie irgendwann nicht mehr sind, wird dann die Zeit kommen, in der das Wünschen definitiv nicht mehr hilft?

Noch aber ist es nicht so weit. So ein letztes Glas trinkt man nicht in einem Zug, die Tour zieht sich bis mindestens zum nächsten Sommer hin. Es bleibt noch Zeit zum Abschiednehmen, bis zum bitteren Ende, wie es auf den beiden schwarzen Piratenflaggen mit dem skelettierten Adler heißt, die hoch über der Bühne wehen. 

Eigentlich geht es bei den Hosen nur um Liebe, sagt der Burgschauspieler

Eigentlich geht es bei euch immer nur um Liebe, habe Burgschauspieler Klaus Maria Brandauer einmal zu ihm gesagt, erzählt Campino, nach einem besonders wilden Gig in Wien. Prompt folgt „Alles aus Liebe“ – eigentlich ja ein tragisches Lied aus der Sicht eines Mannes, der nicht weiß, wie er seine Liebe ausdrücken soll. Aber das Rhein-Energie-Stadion weiß es ganz genau und verdient sich seinen dynamischen Namen als gigantische Mitgrölmaschine. „Die Kölner Domspatzen“, tauft uns Campino zärtlich. 

Den Abend umweht der Geist rheinischer Versöhnung. Campino frotzelt über den hohen Eintrittspreis des Kölner Doms („Wie sollen wir so den Glauben an Gott wiederfinden?“), über den Poldi-Aufschlag für dessen Döner. „Wer ist denn jetzt die Schickimicki-Stadt?“ Aber: „Wir brauchen euch. Ihr braucht uns. Zusammen sind wir unschlagbar!“

„Arschloch!“, rufen die Domspatzen später wie aus einem Schnabel. Aber das ist nur der Refrain von „Schrei nach Liebe“, dem großen antifaschistischen Song der ewigen Konkurrenz von Die Ärzte. „Warum nicht mal ein Lied von so einer Loserband aus Berlin?“, scherzt Campino. Bevor er austrinkt, macht er reinen Tisch. Versöhnung ist angesagt. 

17.07.2026, Köln: Die Toten Hosen  spielen Open-Air-Konzert im Rhein-Energie-Stadion.

So wild feierten die Hosen-Fans im Rhein-Energie-Stadion.

Das Tolle am Älterwerden, sagt der Sänger mit der auch nach zweieinhalb Stunden noch beeindruckend druckvollen Nicht-Stimme, sei, zu erkennen, wie dumm man früher war. Wie man gegen die Hippies wetterte, obwohl die doch gar nichts anderes wollten, als man selbst. Frei sein, anders sein. Dass sie sich mal in einem Stück des Bielefelder Liedermachers Hannes Wader wiederfinden würden, hätten sich die blutjungen Punks vom Ratinger Hof jedenfalls nicht träumen lassen: Jetzt spielen sie „Heute hier, morgen dort“, wie sie es bereits vor einigen Jahren auf ihrem Coveralbum „Die Geister, die wir riefen“ taten. Und es klingt wie eine klassische, leicht angetrunkene Hosen-Hymne. 

Das Tolle an den Hosen ist, dass sie allen Reifeprozessen zum Trotz im Grunde dieselben geblieben sind. Ja, sie haben irgendwann gelernt, wie man radiotaugliche Hits mit Wohoho-Refrains schreibt. Sonst wären wir hier nicht im Stadion. Aber diese Band spielt immer noch, als wäre sie von Bommerlunder und belegten Broten angetrieben, eins mit Schinken, eins mit Ei. Spielt schnell und schnörkellos. Klingt nach dem Glas zu viel, nach sinnfreien Abzählreimen, die plötzlich in tiefgründelndes, trunkenes Pathos umschlagen. Ist noch immer die Band, die damals im Jugendzentrum meines Allgäuer Heimatkaffs für einen Kasten Altbier gespielt hat. 

Campino selbst greift erst im dritten Zugabenblock, zwischendurch hat er sich das neue Auswärtstrikot seiner heiß geliebten Fortuna übergeworfen, zur Bommerlunder-Flasche, sinniert: „Wann wird diese Rentnerscheiße endlich hip?“, gerät ins quasi-trunkene Philosophieren, zählt fast vergessene Zigarettenmarken auf, Overstolz, Lord Extra, Roth-Händle, Ernte 23. Ach, rauchen. Alle, Schnaps wie Kippen, aus einer anderen Zeit. Wie die Band selbst. „Alles wird vorübergehen“, heißt das Memento mori dazu: „Ob du loslässt oder ob du kämpfst, es reißt dich einfach mit.“ 

Dann spielen sie doch noch ein letztes Sauflied, „Zehn kleine Jägermeister“, beschwören noch einmal die „Freunde“. An diesem Freitagabend waren es Broilers-Sänger Sammy Amara, die Antilopen Gang vom Hosen-eigenen Plattenlabel und die legendären irischen Proto-Punks The Undertones.

Zum Schluss bekundet Campino seinen Neid auf Köln, wenn auch nur wegen unserer britischen Partnerstadt Liverpool. Prompt stimmt er die Vereinshymne des Liverpooler FC an, zu der er zweieinhalb Stunden zuvor bereits auf die Bühne gerannt war: „You'll Never Walk Alone.“ Das Stadion stimmt ein, singt noch lange weiter, nachdem die Band schon verstummt ist. Es wirkt, als würden hier 42.000 Menschen trainieren, für ein Gemeinschaftsleben nach den Toten Hosen.