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„Trink aus, wir müssen gehen!“Was macht Farin Urlaub bei den Toten Hosen?

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Die Toten Hosen veröffentlichen ihr letztes Album „Trink aus, wir müssen gehen!“

Die Toten Hosen verabschieden sich mit „Trink aus, wir müssen gehen!“. Es soll das letzte Studioalbum der Düsseldorfer Band sein. Unsere Kritik.

„Ich komm’ mir vor wie verprügelt“, sagt Campino am Anfang der ARD-Doku „Die Toten Hosen – das letzte Album“, und kämpft mit den Tränen. Die Aufnahmen zu „Trink aus, wir müssen gehen!“ sind beendet, die Hosen haben in ihrem Studio einen Stuhlkreis gebildet, nur Breiti steht, und ziehen Bilanz. Das soll es nun gewesen sein, nach 44 Jahren. Eine letzte Studioplatte, ein finales Statement, ein Vermächtnis. Aufhören, bevor es peinlich wird. Es mit Würde zu Ende bringen, wie es Campino in der Doku formuliert, die das Erste dann unwürdigerweise im Nachtprogramm versenkte.

Der Schlussstrich war seine Idee. Doch jetzt fällt ausgerechnet ihm das Loslassen am schwersten – oder ist er, der Punk, der durch tausend Talkshows tingelte, nur am ehesten dazu bereit, sich vor der Kamera zu öffnen? Jedenfalls, das Gefühl des guten Abschlusses, es will sich nicht so mir nichts dir nichts einstellen: „Ich fühle keine Euphorie, ich bin betrübt“, bekennt der Sänger. In drei Wochen wird er 64, ein Vorruheständler, der vor Kurzem zum zweiten Mal Vater geworden ist. So also fühlt sich No Future in echt an, fast wie das wirkliche Leben.

So fühlt sich also No Future im echten Leben an

Selbstredend haben die Toten Hosen den sicheren Hafen des Dagegenseins schon vor Jahrzehnten verlassen, und haben von ihren Punk-Wurzeln nur den Hang zur Direktheit und die stabile Haltung gegen Rechts behalten. Könnten im Sinne der Rolling Stones endlos weiter durch die Stadien rocken. Umso größer fällt der Respekt vor der schwierigen Entscheidung aus, zumal sie dieses Spätwerk mit Erwartungen belastet, die kaum einzulösen sind – auch weil jede und jeder ein wenig was anderes erhofft.

Immerhin, es fängt schon mal gut an, mit einem kleinen Geniestreich. „Ein ganzes Leben voller Schönheit, voller Liebe“, stellt eine viel zu klare Stimme zur sanft angeschlagenen Klavierbegleitung fest, „ein ganzes Leben, für die Freiheit, für die Kunst“, und betont dabei kunstliedhaft die Endkonsonanten. Irgendwann setzt dann doch ein Schlagzeug ein, bratzen die bis zum Gehtnichtmehr komprimierten Gitarren, schwillt das Pathos an. Aber diese Stimme, die jetzt auch noch behauptet, in Wirklichkeit gar kein Bandmitglied zu sein? Genau, sie gehört Farin Urlaub. Es ist ausgerechnet der Sänger der ewigen Konkurrenzband Die Ärzte, der „Hier sind die Hosen“ verkündet.

Könnten die nur auf ganzer Albumlänge derart gekonnt das Pathos des Abschieds unterlaufen. Es geht gut weiter, das Tempo zieht an, „Wir waren nie weg“, behauptet Campino – ab jetzt gröhlsingt er wieder exklusiv – im zweiten Stück, und beschwört noch einmal die wilden Zeiten: „Auf’m Kopfsteinpflaster, mein gold’ner Zahn.“ 

„Die Show muss weitergehen“ ist dann schon der dritte Statement-Song, mit schunkelndem Schlagerrefrain. Er handelt vom Scheitern und vom Weitermachen und findet die richtigen Worte dafür: „Müde Augen, Café Crèma/Macht die Welt jetzt auch nicht schöner“ oder „Hamsterrad statt Loopingbahn/Was ist da bloß schiefgegang'n?“. Hier erst zunächst einmal noch gar nichts und das bleibt auch so, als es plötzlich politisch wird: In „Schlechte Nachbarn“ malen die Hosen das Bild einer heilen Nachbarschaft, in der man gerne unter sich bleibt: Die Hüpfburg ist von der AfD, und nach zwei, drei Schnäpsen hebt man gerne den rechten Arm. „Wir sind schlechte Nachbarn“, heißt es darauf zum forcierten Pogo-Tempo, und schon beim heimischen Hören bildet sich ein inneres Moshpit.

Dann tritt Schlagzeuger Vom Ritchie auf die Bremse und die Gitarristen Kuddel und Breiti zitieren Black Sabbaths „Iron Man“-Riff. Die folgende Aufzählung irritiert ähnlich wie die AfD-Hüpfburg: „Am Weltfrauentag im Rammstein-Pullover“, „mit der Aida einmal um die Welt“, „mit dem SUV zum Klimastreik“. Woraufhin Campino und Kuddel im Refrain johlen: „Komm, lass mal nicht machen.“ Dazu gehört zum Glück auch „Die Toten Hosen bei Sing meinen Song“.

Von der Opel-Gang zur Staatsbürgerkunde

Bis hierhin ist alles gut, beinahe könnte man meinen, die gestandenen Herren hätten die Schülerband-Leichtigkeit aus frühen „Opel Gang“-Zeiten zurückgewonnen, als sie für einen Kasten Altbier in jedem Jugendzentrum auftraten. Aber dann legt sich die Pathetisierung des eigenen Lebens und Wirkens wie Raucherzahnbelag auf die Lieder, wird die Zeit ins Heroische zurückgedreht, die Band als Schicksalsgemeinschaft beschworen, wird in gleich zwei Stücken mit stadionkompatiblen Whoa-oh-oh-Chören tapfer nach vorn geschaut.

In „Düsseldorf“ gehen die Hosen lokalpatriotisch bewegt vor ihrer Heimatstadt in die Knie – dabei hatten sie 1983 in ihrem Frühwerk „Modestadt Düsseldorf“ längst alles gesagt: „Wir sind nur aus Düsseldorf/Wo kein Mensch irgendwelche Sorgen hat“. Wenn Campino schließlich in „Ich will“ der Angebeteten einen Punk-Heiratsantrag mit Aussicht auf ganz viele Kinder und einen Bausparvertrag macht, möchte man am liebsten Farin Urlaub zurückrufen, damit die Sache mit der Ironie besser klappt.

Ach nein, am besten, man nimmt die Toten Hosen einfach so, wie sie sind. So nah am Wasser gebaut, wie es das Coverfoto von niemand Geringerem als Andreas Gursky suggeriert: Es zeigt die Band am Ufer des Rheins beim Entladen des hellblauen Opel Rekord C Caravan, der bereits ihre allererste Platte zierte.

In „Glück“ lobt Campino den inzwischen erwachsenen Sohn: „Blick ich zurück auf die Fehler von mir/Es kam niemals der kleinste Vorwurf von Dir“. Beschreibt in „Augen zu (Es regnet Blumen)“ den Abschied vom langjährigen Drummer Wolfgang „Wölli“ Rohde, der 2016 an Nierenkrebs verstarb. Wendet sich in „Was ist mit uns los?“ direkt an die Hüpfburg-Ausgrenzer aus der Nachbarschaft: „Du sagst, du willst dein Land zurück, ich versteh’ nicht, was du meinst/Das Dritte Reich von Hitler oder Deutschland in zwei Teil’n?“ und verbrüdert sich in „Kein Blatt zwischen uns“ mit allen, „die nicht einfach nur spalten“.

Das ist in seinem väterlichen, freundschaftlichen, staatsbürgerlichen Ernst schlicht entwaffnend. Campino und seine Mitstreiter sind eben gute Menschen, das kann man hier ganz unironisch festhalten, die noch im letzten Song dieses letzten Albums, dem Titelstück, nicht das Mädchen Rieke vergessen, das auf ihrem 1000. Konzert im Jahr 1997 im Düsseldorfer Rheinstadion starb.

Das Pathos vernebelt nicht den klaren Blick. Der Abgang ist würdig, es gibt keinen Grund, betrübt zu sein.

„Trink aus, wir müssen gehen!“ erscheint zusammen mit der Duett-Kompilation „Alles muss raus!“ am 29. Mai. Fast alle Termine der Abschiedstournee, auch die zwei Konzerte im Kölner Stadion (17., 18. Juli), sind ausverkauft. Karten gibt es noch für die Show am 17. Juni in Mannheim.