„The Center Will Not Hold“ von Ephrat Asherie & Michelle Dorrance gastierte im Rahmen von Tanz Köln im Depot 1.
US-Ensemble im DepotDie Welt zerfällt, sie tanzen weiter

Szene aus „The Center Will Not Hold“ von Dorrance Dance Production
Copyright: Christopher Duggan
Was wäre der Tanz, was wäre jede Kunst ohne das Kopieren und Klauen? Ohne das Transformieren und Fusionieren? Elf starke Tänzer-Persönlichkeiten treffen sich in der Performance „The Center Will Not Hold“ und mit ihnen elf individuelle Stilformen aus Tapdance und dem mittlerweile kaum mehr überschaubaren Urban Dance: House, Breakdance und Body Percussion sind noch die bekanntesten Richtungen, dazu weitere spezielle Ausprägungen mit rasend schneller Fußarbeit wie „Detroit jit“ oder „litefeet“.
Ein fantastisch „multi-ästhetisches“ Ensemble tritt da auf, dessen Mitglieder doch eines teilen: Ihre Tänze wurzeln allesamt in der afroamerikanischen Diaspora-Kultur, sie wurden kolonialisiert, angeeignet, überschrieben. Eine Erblast, die die US-amerikanische Stepptänzerin und Choreografin Michelle Dorrance, selbst weiß, mitbedacht haben will. Als sie nun also im vergangenen Jahr ein großes Fusions-Projekt mit der Breakdance-Choreografin Ephrat Asherie auf die Bühne brachte, musste das heißen: Tanz, der sonst oft als spaßiges „Show-Entertainment“, auch als Sport-Event inszeniert wird, ist an diesem Abend historisch reflektiert, verblüffend kontemplativ, fragil.
Differenzen muss man manchmal einfach aushalten
Jetzt gastierte ihre Kooperation bei Tanz Köln. In einen nachtblauen Raum leuchtet ein ausgefeiltes Lichtdesign einzelne Spots: wie kleine Bühnen auf der großen Bühne des Depots für extravagante Soli, aber auch für Duos, in denen zwei Tänzer frontal zum Publikum erst ihre eigenen „Moves“ vorführen, dann die des anderen in Fragmenten imitieren, zugleich ihre Eigenheiten behalten und manchmal wie im Paartanz gemeinsam davongrooven. Differenzen ausbalancieren, lautet die Devise. Manchmal aber auch einfach aushalten, wenn etwa zwei Tänzerinnen, eine schwarz, eine weiß, aggressiv aufeinanderprallen und am Ende auseinanderdriften wie ein getanztes „we agree to disagree“.
Ein cleveres Konzept, das zwar Raum lässt für die typische Virtuosität des Stepp- und Breakdance, für gummigelenkige Lässigkeit, Akrobatik und rasante Tapdance-Machtkämpfe mit der Live-Percussion von Musiker John Angeles. Dass die Einzigartigkeiten aber nie spektakelsüchtig ausreizt, sondern die „Spots“ bald wieder auf eine gebeugt marschierende Gruppe lenkt, die auf die Tradition der unterdrückten südafrikanischen Gumboot-Dancer zu verweisen scheint, oder auf Szenen, in denen Tänzerinnen und Tänzer die eigenen Körper abtasten, als wären sie versehrt. Der Titel, „The Center Will Not Hold“ stammt aus einem Gedicht von William Butler Yeats über eine Welt im Umbruch, in der das Zentrum, die bestehende Ordnung zerfällt. Eigentlich eine düstere Vision. Im sensiblen, feingesponnenen Crossover-Tanz von Asherie und Dorrance eher Anlass zur Hoffnung.
Nächste Vorstellungen bei Tanz Köln: „Chora – The Void as Origin“ von Sofia Nappi am 17./18. April 2026 im Depot 2
