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Vier Interpreten von Weltrang in der Kölner PhilharmonieDem Ende der Zeit entgegen

2 min
Isabelle Faust, Violinistin und Artist in Residence WDR Sinfonieorchester

Violinistin Isabelle Faust

Jörg Widmann, Isabelle Faust, Jean-Guihen Queyras und Pierre-Laurent Aimard spielten ein mitten im Zweiten Weltkrieg uraufgeführtes Stück in der Kölner Philharmonie.

Im Winter 1940/41 war der französische Komponist und glühende Katholik Olivier Messiaen im deutschen Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A bei Görlitz interniert. Hier kam am 15. Januar 1941 vor 500 Lagerinsassen in klirrender Kälte eines seiner Hauptwerke zur Uraufführung, das „Quatuor pour la fin du Temps“ („Quartett auf das Ende der Zeiten“). Figuren und Motive der biblischen Offenbarung fügen sich in acht Sätzen zu einem visionären Endzeit-Szenarium, das zugleich die Idee der Zeit selbst thematisiert – dafür konnte es kaum verständnisvollere Zuhörer geben als die Gefangenen, für die sich die Wartezeit im Lager zur schieren Ewigkeit dehnte.

In der Kölner Philharmonie war mit Jörg Widmann (Klarinette), Isabelle Faust (Violine), Jean-Guihen Queyras (Violoncello) und Pierre-Laurent Aimard (Klavier) ein Interpretenkreis angetreten, dem man ohne weiteres Weltrang bescheinigen darf. Die vier sind einander als Musizierpartner durchaus vertraut, aber sie bilden kein ‚stehendes‘ Ensemble, das auf äußerlich sichtbare Zeichen der Kommunikation gänzlich verzichten kann. So tut man dieser hochkompetenten und hochengagierten Interpretation sicher kein Unrecht, wenn man bemerkt, dass sie eher von Kontrolle und feinmaschiger Abstimmung geprägt war als von Durchlässigkeit und organischer Entfaltung.

Zwischen Klangspannung und fließender Linie

Die hakelig-irregulären, noch dazu in verräterischem Unisono ablaufenden Rhythmen des sechsten Satzes waren nicht nur atemberaubend gut koordiniert, sondern auf einem Energielevel präsentiert, das dem Titel „Tanz der Raserei“ vollauf gerecht wurde. Mehr als die Hälfte des Werkes beanspruchen drei extrem gedehnte, flächig ausgebreitete Monodien von Violine, Cello und Klarinette. Hier fanden die vom Klavier begleiteten Streicher eine überzeugende Balance zwischen Klangspannung und fließender Linie; noch fesselnder war das gänzlich in den leeren Raum getriebene Solo des Klarinettisten mit seinen aus dem Nichts zu markanter Körperlichkeit anschwellenden Tönen und Gesten.

Das fabelhafte Team hatte sich diesem überaus fordernden musikalischen Exerzitium auf verschiedenen Wegen angenähert: Pierre-Laurent Aimard eröffnete den Abend mit den aphoristisch verdichteten „Douze Notations“ des Messiaen-Schülers (und allzeit kritischen Bewunderers) Pierre Boulez. Messiaens Verankerung in der französischen Musiktradition wurde in Maurice Ravels Sonate für Violine und Cello erkennbar, die Faust und Queyras mit der gebotenen klassizistischen Kühle, aber auch mit einem animierend zugespitzten Tanz-Finale ausstatteten. Die vier Stücke für Klarinette und Klavier op. 5 von Alban Berg formten Widmann und Aimard mit äußerster Hingabe zu Fragmenten eines zerbrochenen romantischen Melos’.