Rheinland – Die Spende an das Freilichtmuseum Kommern war für Anne P. offenbar eine Herzensangelegenheit: „Im Kleiderschrank meiner 91-jährigen Mutter habe ich diese original verpackte Bettwäsche gefunden“, schrieb die Absenderin an Ann-Franziska Heinen, wissenschaftliche Referentin für Sammlung und Ausstellungen des Museums.
Die Absenderin legte dem Brief zwei Garnituren Kissenbezüge des Versandhauses Quelle bei. Denn die Stoffe, so Frau P., sollten nicht im Altkleidercontainer landen, sondern: „Für mich war klar, dass diese Bettwäsche noch eine Chance verdient hat.“ Nämlich zunächst im Depot.
Zu schade zum Wegwerfen – immer wieder hört Heinen diesen Satz, wenn Kommern eine Schenkung erhält, mal ein Lehrspiel für Verkehrserziehung der Marke „Progress“, mal Haushaltsgegenstände, mal Wohn- und Schlafzimmereinrichtungen der 1950er- und 1960er-Jahre, von denen in jüngster Zeit allein 26 angeboten wurden.
Brauchen volkskundliche Museen überhaupt Alltagsobjekte
Aber braucht ein volkskundliches Museum derlei Objekte aus den letzten Jahrzehnten überhaupt? Und was soll gesammelt und dem Publikum zugänglich gemacht werden? Diesen Fragen gehen 46 Fachleute in dem Buch „Gestern noch Alltag. Musealisierung von Zeitgeschichte“ nach. Es ist die voluminöse Festschrift für Josef Mangold, von 2007 bis 2022 Leiter des Freilichtmuseums Kommern, der erst kürzlich in den Ruhestand getreten ist.
Bis in die frühen 1980er-Jahre präsentierten die deutschen Freilichtmuseen vor allem bäuerliche Häuser aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die von den Ursprungsstandorten transloziert worden waren und die mit ihrem Inventar die Besucher ahnen ließen, wie unsere Vorfahren auf dem Land gelebt haben. Dann änderte sich die Sammlungspraxis, 1980/90 wurden Bauten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts interessant, wie Dampfsägewerke, Lagerhäuser und Bahnhofsgebäude.
2010 begann Kommern unter Mangolds Ägide mit den Planungen für den „Marktplatz Rheinland“, die jüngste der fünf Baugruppen, mit ihren Exponaten aus der Nachkriegsgeschichte. Dieses Beispiel wirkte, schreibt Herbert May, Leiter des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim, „regelrecht als Katalysator“: Ein Freilichtmuseum nach dem anderen „verspürte das dringende Bedürfnis nach eigener baulicher Artikulation dieser Zeit“, etwa durch den Wiederaufbau von still gelegten Tankstellen mit kühn geschwungenen Flachdachkonstruktionen: Sie seien zum „Must-have“ des musealen Repertoires geworden, sagt May. Auch Kommern will Zapfsäulen aufstellen – sie wären dann ein schöner photopoint beim traditionellen Oldtimerkorso der jährlichen Nostalgieshow „Zeitblende“.
Gab es früher im Katalog: Volkskunde-Museen bauen Fertighäuser auf
Nach den Tankstellen ließen Volkskundler in deutschen Open-Air-Museen Fertighäuser wiedererrichten, die man früher bei Neckermann oder Quelle aus dem Katalog bestellen konnte. Es folgten Milchbars, ein Trimm-dich-Pfad oder die Dorfdisco „Zum Sonnenschein“ aus dem niedersächsischen Flecken Harpstedt, die im Freilichtmuseum Cloppenburg das Flair der 70er mit Tangokugel und Glittergirlanden vermittelt. Historiker May fragt ein wenig maliziös, ob bald Agrarfabriken reif fürs Museum seien, damit sie nicht nur Spiegel einer verklärenden nostalgischen Welt sind.
Die Festschrift
Die 462 Seiten starke Festschrift für Josef Mangold „Gestern noch Alltag – Musealisierung von Zeitgeschichte“, herausgegeben von Ute Herborg, Raphael Thörmer und Carsten Vorwig, ist als Band 77 der Reihe „Führer und Schriften des LVR-Freilichtmuseums Kommern“ erschienen.
Für solche Monsteranlagen wird wohl kein Platz sein, doch es scheint nicht ausgeschlossen, dass sich die Kuratoren vermehrt den aktuellen Wohnformen in den Speckgürteln von Köln oder Bonn widmen werden, mit ihren „verdichteten“ Dorfstraßen, dem hölzernen Waschzuber von anno dunnemals, in dem nun Blumen wuchern, den Reihenhäusern mit versteinerten Vorgärten, aus denen ab und zu als ironischer Wink in die 50er ein Gartenzwerg lugt.
Styroporschachteln von McDonald’s ausgestellt
Wenn sich also ein Volkskundemuseum immer mehr zum Museum für Gegenwartsvolkskunde entwickeln muss, um heutige Zeitgenossen zum Staunen zu bringen, holt Carsten Vorwig, der neue Leiter in Kommern, vielleicht jene 110 Designobjekte der Alltagskultur aus dem Depot, die sein Haus 1976 erwarb.
Nur einmal, 1984, kuratiert von Michael Faber, wurden sie öffentlich – und höchst umstritten - präsentiert. Unter anderem so Banales wie Styroporschachteln von McDonald’s, ein Klo, ein Reißverschluss, ein schwarz-gelbes Taxischild, Formularblöcke von „Zweckform“ und Getränkekästen vom „Deutschen Brunnen“.
Einige dieser Gegenstände sind heute noch in Gebrauch oder werden von Replika-Verkäufern wie „Manufaktum“ wieder ins Sortiment genommen, doch manches, was in den 70ern zum täglichen Leben gehörte, wäre für Jüngere erklärungsbedürftig wie zum Beispiel ein Dia-Magazin, eine Fernseh-Dachantenne oder eine Bundesbahn-Fahrkarte aus brauner Pappe.
Um die regionalen und historischen Bezüge auch bei solchem „Alltagskram“ hervorzuheben, sind die Museumsleute mehr denn je auf die individuellen Geschichten „hinter“ den bloßen Inventarnummern angewiesen. Wie eben jene von der Frau, die Mutters Bettwäsche spendierte.
