Köln – Markus Gabriel (Jg. 1980) ist Ordinarius für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn und leitet das Internationale Zentrum für Philosophie NRW. Auf der Phil.Cologne (6.-13. Juni) ist er zweimal zu Gast und sprach mit Hartmut Wilmes über künstliche Intelligenz.
Der Historiker Caspar Hirschi hat jüngst in der FAZ geschrieben, dass bei vielen technischen Fortschritten meist zu Unrecht Massenarbeitslosigkeit vorhergesagt wurde. Sorgen wir uns zu Unrecht über den Siegeszug des Digitalen?
Man muss eine gewisse Technophobie einräumen, die schon einsetzte, als der erste Hammer da war. Es gibt eine menschliche Urangst, dass unsere Produkte lebendig werden und sich gegen uns wenden. Aber es ist deshalb nicht so, dass das Internet nur die nächste Dampflok wäre.
Inwiefern?
Es geht nicht darum, dass Computer so werden wie wir und uns dann attackieren. Die Gefahr liegt darin, dass die Prozesse der Umgestaltung nicht der Logik folgen, die wir kennen. Alonzo Church und Alan Turnig (bekannt aus dem Film "The Imitation Game") haben bewiesen, dass kein Computer außerhalb der klassischen Logik operiert.
Was ist daran gefährlich?
Dass der Mensch als intelligentes Lebewesen selten nach diesen Prinzipien operiert. Wir widersprechen uns dauernd, und keiner von uns ist völlig konsistent. Was wir jetzt in der digitalen Welt bekommen, ist eine formale Logik, die sich verselbstständigt hat, eine riesige, stupide Berechnung. Die wird immer komplizierter, sodass die Rechenvorgänge nicht mehr von einem Menschen, ja nicht einmal von allen Menschen insgesamt nachvollziehbar sind.
Was folgt daraus?
Diese Vorgänge erzeugen Tatsachen, und diese Maschinen bauen sich schon lange selber. Wir sind schon in "Terminator". Das Problem liegt in der Selbstorganisation der Daten. Wir müssen erst einmal verstehen, was es bedeutet, dass es so etwas gibt. Hier entsteht eine andere Art von Umweltverschmutzung als durch Autos. Einmal ist es buchstäblich Umweltverschmutzung, weil die Daten Energieverbrauch bedeuten. Und wenn man schaut, was gerade in einem präferierten sozialen Netzwerk los ist, taucht man seinen Geist in eine Müllhalde. Und das hat Konsequenzen.
Welche denn?
Wenn im Mittelmeer zu viel Müll ist, kann ich da nicht mehr schwimmen. Wenn im Raum des Geistes Müll ist, kann ich da nicht mehr denken. Deshalb bedroht die autonom gewordene künstliche Intelligenz den Geist höchstpersönlich, also den Kern des Menschen.
Das ist mehr als ein Arbeitsmarktproblem.
Ja, denn viele von uns, die in der digitalen Welt Arbeit haben, leiden an Burnout, Depressionen, Aufmerksamkeitsstörungen. Das kommt durch den Müll, den etwa Emails verursachen. Wobei es ja interessant ist, dass seit einiger Zeit Leute in die Mails schreiben, von wo sie die schicken. "Viele Grüße aus Berlin, Ihr..." Das ist der Versuch, Boden zurückzugewinnen: Hey, ich bin wirklich irgendwo, ich bin nicht nur Datensalat.
Ist dieser Kampf denn überhaupt noch zu gewinnen?
Wir brauchen Theorien, die das Thema anlysieren, statt immer nur neueste Fortschritte abzufeiern. Wir haben hierzulande keinen einzigen Lehrstuhl für Internetphilosophie, das ist nicht gerade viel.
Welche Gegenwehr wäre noch nötig?
Die wird dadurch erschwert, dass die digitale Kommunikation aufgrund ihrer logischen Organisation sehr leicht zu überwachen ist. Es wäre für die amerikanischen Geheimdienste gar kein Problem, sich mit drei Klicks in unser Telefongespräch zu hacken. Kurzum: Hinter dieser Digitalisierung stecken handfeste Überwachungsinteressen. Sie können keine Sicherheitssoftware schreiben, die niemand knacken kann.
Hilft da ziviler Ungehorsam?
Ja, die einzige Chance sind Bewegungen, die nicht mehr mitmachen. Server der Unternehmen für Angestellte müssten etwa am Wochenende ausgeschaltet werden.
Ist das, was das Internet macht, als Intelligenz zu bezeichnen?
Intelligenz ist ausschließlich eine Eigenschaft von Lebewesen. Das Internet ist so intelligent wie ein Telefonbuch, also gar nicht. Wir kommen schneller an Lösungen für einfache Fragen: Wann hat Rilke gelebt? Das weiß ich in Sekunden. Wenn Sie das Internet fragen, was die ersten sieben Verse von Rilkes dritter Duineser Elegie bedeuten, bekommen Sie entweder gar keine Antwort oder werden an die Hausarbeit eines Studenten verwiesen, die der irgendwann online gestellt hat.
Was ist für die Zukunft zu wünschen?
Die Welt ist komplizierter geworden, wir brauchen mehr Aufklärung, mehr Philosophen und - wenn ich an mein zweites Thema "Fake News" denke - mehr Journalisten.
Markus Gabriel spricht über "Herrschaft der Computer?" am 10. 6., 18 Uhr in der Comedia (Roter Saal), Vondelstraße 4-8. Ebenfalls dort findet am 11. 6. um 20 Uhr seine Veranstaltung über "Fake News" statt.
