Gerade erst wurde, bekannt, dass sie Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln erhält, jetzt hat Kathrin Röggla ihren neuen Roman „Laufendes Verfahren“ veröffentlicht.
Neues Buch von Kathrin RögglaWas die Böll-Preisträgerin vom NSU-Prozess hält

Kathrin Röggla lebt in Köln und unterrichtet hier an der KHM.
Copyright: Jessica Schäfer
„Wie kann man mit dem Fragen aufhören?“, heißt es an einer Stelle in Kathrin Rögglas neuem Roman „Laufendes Verfahren“ — und schon die Existenz des Buches liefert die Antwort: Fünf Jahre nach der Urteilsverkündung im NSU-Prozess ist das Verfahren als solches vielleicht abgeschlossen. Aber zu viele Fragen sind unbeantwortet geblieben.
Die frisch gekürte Trägerin des Heinrich-Böll-Preises der Stadt Köln liefert mit ihrer literarischen Aufarbeitung eines der wichtigsten Prozesse der Neueren Deutschen Geschichte einen Beitrag zur aktuellen Debatte: Wie kann man der politischen Rechten entgegentreten?
Mysteriöse erzählende Figur
Die erzählende Figur beobachtet die Verhandlung von der Empore aus, spricht dabei von sich als „wir“; Geschlecht, Anzahl, persönliche Merkmale bleiben im Dunkeln. Dabei scheint sie fast wie eine Zeitreisende, berichtet immer wieder, was als nächste geschehen, wie etwas ausgehen wird. Der Gebrauch des Futur schafft eine intensive Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenem.
Um diese Stimme herum versammelt Röggla eine Gruppe von Prozessbeobachtern: der „Bloggerklaus“, der hauptberuflich Bäcker ist, die „Omagegenrechts“, die „Frau aus der türkischen Botschaft“, der „O-Ton-Anwalt“ oder der „Gerichtsopa“.
Gemeinsam verfolgen und kommentieren sie das Geschehen, lassen ihre unterschiedlichen Meinungen aufeinanderprallen. Man setzt sich nebeneinander oder voneinander weg, taucht für einige Tage ab und dann wieder auf.
„Die Frau mit den Haaren“
Der Prozess, in dessen Mittelpunkt „die Frau mit den Haaren“ steht, geht unterdessen weiter. Schlaglichtartig behandelt Röggla die unterschiedlichen Aspekte, widmet sich all denen, die neben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt ihren Anteil hatten an den neun Morden und den vielen weiteren Straftaten. „Die Dinge sprechen hier nun mal nicht alleine, sie sprechen immer im Chor.“
Da gibt es unwillige Zeugen, vergessliche Zeugen, Ämter, die dicht machen, eine föderale Struktur Deutschlands, die Ermittlungen behindert: „Bestehend aus einem radikalen Nebeneinander von Zuständigkeitsbereichen, während die Terroristen von einem Bundesland ins andere reisen können und dort ihre Taten begehen.“
Unrühmlicher Verfassungschutz
Und sie ruft uns in Erinnerung, welch unrühmliche Figur etwa der Verfassungsschutz abgegeben hat. „Aus einem akribischen Mitarbeiter eines Landesamtes wird nämlich über Nacht ein Allesverwechsler geworden sein, dem Täterwissen unterstellt werden kann, weil er noch vor den Medien die Tatwaffe kannte“ schreibt sie, „wir werden das Wundern diesbezüglich zurückgefahren haben“.
Nicht nur, wenn man weiß, dass Kathrin Röggla auch für das Theater schreibt, wird man an die Kaskaden einer Elfriede Jelinek denken. Röggla verdichtet und poetisiert die Vorgänge zu einem sprachlichen Fluss, bei dem man aufpassen muss, dass man sich nicht von ihm mitreißen lässt, zu groß ist die Gefahr, dabei den Inhalt aus den Augen, aus dem Bewusstsein zu verlieren.
Elliptische Sätze, fast lyrische Wortkreationen und Satzkonstruktionen, verkürzende Umgangssprache erzeugen einen eigentümlichen, einzigartigen Rhythmus.
Gefahr von Rechts
Am eindringlichsten sind die Passagen über die feixenden Rechten, die sich ebenfalls auf der Empore einfinden — und von denen die Gruppe der Prozessbeobachter auf die eine oder andere Weise bedroht wird. Es besteht nur die Gewissheit, dass das Gefühl der Ohnmacht mit dem Ende des Prozesses sich nicht verflüchtigt: „Und so wundern sie sich gewaltig, dass sie immer noch in einem Land leben, in dem man einen Menschen aufgrund von rechtsextremen Äußerungen nicht als rechtsextrem bezeichnen darf, weil es ihm einen größeren Schaden zufügt als seine hasserfüllten Äußerungen gegenüber anderen.“
Dem ist nichts hinzuzufügen — bis auf: „Wie kann man mit dem Fragen aufhören?“
Kathrin Röggla: Laufendes Verfahren. Roman. S. Fischer Verlag, 208 S., 24 Euro. Am 19. September stellt die in Köln lebende Autorin ihr Buch im Literaturhaus vor.