Das Week-End-Fest feiert sein 15-jähriges Bestehen mit einem tiefen Tauchgang in die Musikgeschichte.
Week-End-Fest im StadtgartenAcid-Jazz-Erfinder Gilles Peterson kehrt nach 38 Jahren nach Köln zurück

Ein Höhepunkt des Week-End-Fests: Sängerin Liv.e und der gefragte Hip-Hop-Schlagzeuger Karriem Riggins bilden das Duo Gena
Copyright: Christian Bos
Gestern, plaudert Gilles Peterson von der DJ-Kanzel, habe er in London Stevie Wonder gesehen, „da musste ich also erst 62 werden, um das beste Konzert meines Lebens zu sehen“. Es ist nie zu spät für gute Musik. Das predigt Peterson bereits seit Mitte der 80er Jahre, auf ehemaligen Piratenradiostationen, für die BBC und in zahllosen Clubs, indem er dezidiert unhippe, oft obskure Jazz-Aufnahmen mit neueren Funk-, Soul- und Hip-Hop-Stücken kombinierte, später auch mit der neuesten elektronischen Musik aus Chicago und Detroit.
„Acid Jazz“ nannte man das damals, die Genrebezeichnung stammt von Peterson selbst, aber eigentlich handelt es sich weniger um eine eigene Stilrichtung, sondern eher um den rundum gelungenen Versuch, weit ausgreifende Verflechtungen zwischen Vergangenheit und der aktuellen Musik zur Zeit zu knüpfen, die Musikgeschichte nicht als einen gerade dem Himmel entgegenwachsenden Baumstamm zu betrachten, sondern als unterirdisches, rhizomatisches Geflecht.
Nichts geht jemals verloren
So könnte man auch die Philosophie hinter dem Kölner Week-End-Fest beschreiben, das gerade an drei Abenden Saal, Kellerclub und Lounge des Stadtgartens bespielt und Peterson zu einer Geschichtsdoppelstunde an den Plattentellern eingeladen hat. Schon seit 15 Jahren legt das Week-End neue Nervenbahnen zwischen Tradition und aktuellen Mikrotrends, gräbt Festivalmacher Jan Lankisch regelmäßig fast vergessene – oder nicht ausreichende wertgeschätzte – Künstler, Künstlerinnen, Szenen und Projekte aus. Und setzt sie mit nachwachsenden Musikschaffenden in Verbindung, frei nach Walter Benjamins Forderung nichts, was sich jemals ereignet habe, sei für die Geschichte verloren zu geben.
Peterson mischt ein Techno-Stück des jüngst verstorbenen Juan Atkins unter eine Anrufung des Free-Jazzers Albert Ayler, erzählt, dass er zum letzten Mal 1988 in diesem Raum aufgelegt habe: „Wir machen hier gerade Geschichte.“ Später lösen ihn Daddy G (66) und Don Letts (70) ab, letzterer versorgte die Londoner Punk-Kids Mitte der 1970er zuerst mit Second-Hand-Klamotten, dann mit den verhallten Reggae-Sounds von der Heimatinsel seiner Einwanderereltern. Dass sich ausgebremster jamaikanischer Downbeat und vorwärtspreschender britischer Pubrock gegenseitig derart befruchteten, mutet im Rückblick beinahe noch verrückter an als die Kombination von 60er-Jahre-Jazz und dem Techno der 80er und 90er.

Acid-Jazz-Erfinder Gilles Peterson erzählte mit Musik aus seinem Leben.
Copyright: Christian Bos
Der ausgelassenen Stimmung nach dem Mauerfall fügten vier junge Männer aus Bristol – unter ihnen Grant „Daddy G“ Marshall – eine tief melancholische Note hinzu, als sie 1991 ihr Debüt als Massive Attack veröffentlichten und damit den Trip-Hop erfanden, Post-Punk, Dub-Reggae, Hip-Hop und Elektronik zu einem apokalyptischen Malstrom verrührten. Im Stadtgarten-Saal ärgert sich Daddy G anfangs über Soundprobleme, dabei passte der Übergang von dumpfem Unterwasserklang zu endlich hörbaren Höhen und die Eingeweide massierenden Bässe ausgezeichnet zu seinem ästhetischen Programm.
Da spannte sich ein Bogen zum geheimnisvollen Detroiter Unterwassertechno-Projekt Drexciya. Dessen überlebende Hälfte Gerald Donald hatte mit seinem Nachfolge-Projekt Dopplereffekt das Festival am Donnerstag eröffnet. Verborgen unter schwarzen Masken beschwor das Duo noch einmal die transatlantische Brücke zwischen teutonischem Zukunftsentwürfen und afrofuturistischen Visionen. Während Donald zunehmend fieberhaft die Regler seiner Drum-Machines bediente, warf ein Beamer kontrastreiche Bilder an die Wand, in denen sich Fritz Langs Maschinenfrau Maria in einen schwarzen Übermenschen verwandelte.

Die türkische Sängerin Peki Momés kombinierte französischen Kaugummi-Pop mit gut gelaunten Grooves.
Copyright: Christian Bos
Weniger hochkonzeptuell, dafür deutlich humorvoller ging es am Freitag weiter: Der Kölner Schlagzeuger und Komponist Opek, bürgerlich Lukas Joachim, beschwor mit seiner jungen Jazz-Kombo und dem gefühlvollen Gast-Gitarrist Gianni Brezzo ein Ideal-New-York der 70er Jahre. Dazu, bemerkte Opek, könne man sich dampfende Gullideckel denken: „Dabei war ich noch nie in New York und schon gar nicht in den 70ern. Stellt Euch doch einfach Duisburg vor.“ Der Ruhrhafen klang jedenfalls noch nie so sexy.
Im Saal hoben anschließend Schlagzeuger Karriem Riggins – wir sind zurück in Detroit – und Sängerin Liv.e als Duo Gena den seelenvollen Groove noch einmal auf ein ganz neues Niveau. Riggins hat bereits für Common, Kanye West, Jazz-Pianist Rober Glasper und Beatles-Legende Paul McCartney die Becken gerührt. Genas Song-Miniaturen beantworteten die Frage, wie Neosoul-Göttin Erykah Badu klingen könnte, wenn sie gelernt hätte sich kurz zu fassen.
Sehr viel wilder gerieten die Ausschläge am Samstag. Was haben die warmen, so klaren wie konzisen Songs der Kopenhagener Klangkünstlerin ML Buch mit dem gut gelaunt groovigen Ye-Ye-Pop der türkischen Sängerin Peki Momés zu tun? Gar nichts, außer dass sie den vielleicht größtmöglichen Kontrast des Festivals bilden. Die letzte Runde, mit dem Postrock-Quartett Moin – herausragend die italienische Schlagzeugerin Valentina Magaletti – und dem Londoner Avantgarde-Elektroniker Actress, geriet etwas humorlos, der Tanz in die tiefe Nacht mit dem Frauen-DJ-Kollektiv E.P.I.Q. war dann umso willkommener. „Wir sehen uns in 38 Jahren“, hatte sich Gilles Peterson scherzend verabschiedet. Aber wer weiß schon, wie es weiter geht. Wir warten sehnsüchtig auf das nächste Week-End-Fest. Es ist nie zu spät für gute Musik.
