Bonn – Drei G beim Einlass, 3 D auf der Bühne: Die wundersame Restaurierung eines seit bald 130 Jahren boomenden Bühnenhits erlebten jetzt die Bonner Operngänger mit der Neuinszenierung des Weihnachtsklassikers „Hänsel und Gretel“. Frappierend geeignet erwies sich das zeitdurchlässige Libretto für die in Bonn hinlänglich bekannte und weiterhin verzaubernde Regiekunst des Teams „fettFilm“, die auf der Bühne Träume sichtbar werden lassen und Illusion und Wirklichkeit grenzenlos verschmelzen – so kann Märchen-Oper im 21. Jahrhundert unvermindert begeistern.
Im 100. Todesjahr des rheinischen Komponisten Engelbert Humperdinck erschien es der Oper Bonn zwingend angemessen, eine längst überfällige Neuauflage seiner einzig bekannten Oper auf die Bühne zu stellen. Sind doch weite Teile des Werkes in der schwiegerelterlichen Villa des in Siegburg geborenen Komponisten zwischen Poppelsdorf und Kessenich entstanden. Das verschweißt Bonn mit dem „Kinderstubenweihfestspiel“, wie es Wagner-Freund Engelbert selbst bezeichnete.
Eine Welt mit Pippi Langstrumpf, den Schlümpfen und Super Mario
Von Wagner bezog der junge Humperdinck seine so bildhafte Tonsprache, die moderne Bühnentechnik bereits während der Ouvertüre mit einer Collage aus Bühnenspiel, Illustration und Film nutzt, um die Spielsituation zu erzählen. Schwingen in den Klängen Emotionen wie Trauer, Geborgenheit, Waldeinsamkeit und Ruhelosigkeit, so etabliert reales Bühnenspiel den hoffnungslosen Besenverkäufer Peter als sorgendes Familienoberhaupt, bei dem nur Hexen ihre Fluggeräte kaufen. Eine Art grafischer Zeittunnel saugt das Auge des Betrachters durch dichten Wald in eine vorstädtische Wohnhaussiedlung und dort in das kleinbürgerliche Küchen-Idyll, in dem die Geschwister spielen – Ausgangspunkt für einen Zeitsprung der gesamten Geschichte in die nicht so ferne Welt mit Pippi Langstrumpf, den Schlümpfen und Super Mario.
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Das volkstümliche „Brüderlein, komm tanz mit mir“ mutiert auf dem Küchensofa zur Vorstufe zum so beliebten Formationstanz im Discofieber unter dem eingefärbten und drehenden Deckenleuchter. Hänsel spielt Luftgitarre. Zu Mutters besungenen Geldsorgen flimmert auf dem Bildschirm des Fernsehers „Wer wird Millionär“ – kleine Späße, die überhaupt nie mit der Musik kollidieren. Der Schlumpf als Männlein im Walde ist ein dezenter Knaller, und dass die Knusperbude im Wald weniger aus Lebkuchen als aus reinen Gummifiguren eines Bonner Süßwaren-Produzenten bestehen, ist ein weiterer Standort-Joker wie der finale Gefangenchor, nicht aus Beethovens Fidelio, sondern gesungen von den befreiten Lebkuchenkindern.
Auf einen Blick
Länge: knapp zwei Stunden plus Pause
Vorstellungen am 20., 24.11. und 4./18./25./30.12.2021sowie 7.01.22
Die Regie: Konservative, liebevolle Bühnenregie baut auf die bruchlose Vereinigung mit aktuellen technischen Fantasie-Ebenen.
Das Ensemble: Jeder im Saal spürte die Geschlossenheit der Sänger und Musiker bis in den Graben, ein Team von Überzeugungstätern.
Wie geschlossen und unverwüstlich das Spiel mit den vielen Ebenen und Möglichkeiten dem fettFilm-Team (Regie und Bühne: Momme Hinrichs, Video: Torge Moller) gelungen ist, bewies die aus der Not geborene kurzfristige Einbindung einer Singstimme: Ulrike Helzel, morgens plötzlich stimmlos, spielte die Mutter in den Szenen, Jessica Stavros, Leihgabe aktuell aus dem Ring für Kinder in Köln, sang von der Seitenbühne. Auch Charlotte Quadt sprang für die eigentlich vorgesehene Amira Elmadva ein, die sie eh bei einigen Terminen ersetzt hätte. Mit der Gretel von Lada Bocová bot sie ein stimmschön adäquates Geschwister-Duo. Mark Morouse gab den besorgten Vater Peter, Susanne Blattert auf dem Hexen-Chopper wirkte wenig Furcht einflößend angemessen grausam, wunderbar eingekleidet von Sven Bindseil.
Im Graben regierte Daniel Johannes Mayr, der diesen Schatz aus Musik manchmal etwas zu erhaben für die lyrischen Stimmen aufblühen ließ, aber dazu verführt die wirklich herrlich gelungene und so unverbrauchte Komposition. Im Wald mit Langohren, Füchsen und sogar einem Einhorn fantasierten virtuose Flöten und Klarinetten, und Mayr führte seine tüchtige Truppe an jeder Kitschklippe vorbei. Der Qualität des Materials zollten alle Musiker und das gesamte Team ihre Hochachtung. Das kam in Bonn glaubhaft gut an und darf den kommenden Inszenierungen der Oper Köln und der „Deutschen Oper am Rhein“ nur empfohlen werden.


