Menschen reden schlecht über Deutschland, erleben ihr eigenes Leben aber als stabil. Beim „Zuversichts-Megathon“ im Rheingold Salon entwickeln Teams aus Medien, Politik und Wirtschaft nun konkrete Projekte, die Beteiligung stärken und diese Kluft überwinden sollen.
„Wer erlebt, dass sein Tun Wirkung hat, blickt anders nach vorn“Rheingold Salon startet Netzwerk für mehr Zuversicht in Deutschland

Jury-Mitglieder verfolgen die Pitches beim Zuversichts-Megathon im Rheingold Salon Köln.
Copyright: Alexander Schwaiger
Ob sie den Pitch auch erst um 14.35 Uhr abschicken können, wenn sie diesen doch erst um 15 Uhr vorstellen. „Ausnahmsweise“, sagt Lukas Struwe. Er hat für den Rheingold Salon das Projekt Zuversicht mitorganisiert, eine Kölner Marktforschungsagentur, die auf kultur- und tiefenpsychologischen Analysen arbeitet. Grundlage des Projekts ist eine Studie des Jahres 2025, in der das Team untersucht hat, warum viele Menschen düster über Deutschland sprechen, ihr eigenes Leben aber oft als stabil erleben.
Nun soll aus den Befunden Bewegung werden. Neun Gruppen arbeiten an diesem Freitag im April am Feinschliff ihrer Konzepte, wie Zuversicht in der Bevölkerung gestärkt werden kann. Jeweils drei Teams aus den Bereichen Politik, Unternehmen und Medien haben sich in einer Vorrunde durchgesetzt. Heute entscheidet eine Jury, welche Idee die überzeugendste ist.
Die Stimmung vor der Präsentation der Entwürfe in den Räumen des Rheingold Salons ist angespannt. Um jede Minute wird gerungen, neugierige Jury-Mitglieder werden beim ersten Rundgang mit knappen Antworten rasch wieder hinausgebeten.
Die Stimmung im Land
Alles wird teurer, es bewegt sich nichts. Solche Sätze fallen schnell, wenn Menschen über ihr Land sprechen. Doch sobald das Gespräch persönlicher wird, kippt die Stimmung. Plötzlich ist vieles in Ordnung: Der Job läuft, die Familie funktioniert, das eigene Leben fühlt sich stabil an.
Diese Kluft zieht sich durch die Tiefeninterviews des Rheingold Salons. Viele erzählen, dass sie im Alltag zwar funktionieren, aber kaum noch das Gefühl haben, irgendwo etwas bewirken zu können. Politik, Vereine, Parteien wirken weit weg. Also ziehen sie sich zurück in ihr privates Leben, das überschaubar und berechenbar ist.
Jens Lönneker ist Geschäftsführer und Inhaber des Rheingold Salons. Er hat die Studie, die im Mai 2025 erschienen ist, verantwortet. In den Interviews und der anschließenden Befragung sind er und sein Team noch auf „die anderen“ gestoßen. Die Frau, die in ihrer Reitgruppe dafür sorgt, dass die Leute nicht nur reiten, sondern sich wirklich begegnen. Den Mann, der im Heimatverein Wanderwege instandsetzt. Kleine Dinge, sagen sie selbst. Aber genau diese kleinen Dinge verändern etwas und geben ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden, sagt Lönneker „Wer erlebt, dass sein Tun Wirkung hat, blickt anders nach vorn. Zuversicht wächst dort, wo Menschen das Gefühl zurückbekommen, Teil von etwas zu sein.“
Vom Ideathon zum Megathon
Momentan beobachte er jedoch eine negative Spirale, sagt Lönneker. „Die Leute sehen, dass es nicht vorangeht, machen persönliche schlechte Erfahrungen und erleben, dass es in ihrem Umfeld ähnlich ist. Alle reden schlecht über das Land.“ Je weniger die Menschen das Gefühl haben, im öffentlichen Raum etwas bewegen zu können, desto mehr ziehen sie sich ins Private zurück.
„Wir haben gesagt, wir wollen in die Umsetzung kommen. Wir wollen nicht bei der Studie stehenbleiben, sondern Initiativen anstoßen, die dazu beitragen, dass wir mehr Zuversicht ins Land ausstrahlen können“, sagt Lönneker.
Das Ziel des Projekts Zuversicht sei es deshalb, nicht nur mit einer Studie Daten und Erkenntnisse zur Lage im Land zu liefern, sondern mit möglichst konkreten Ansätzen einen gesellschaftlichen Aufbruch hin zu mehr Vertrauen und Zuversicht auszulösen. Viele der besten Entwürfe sollen in einem nächsten Schritt in Pilotprojekten erprobt werden.
Gemeinsam mit der Nachrichtenkompetenz-Initiative Use The News und dem gemeinnützigen Verein Initiative 18 hat der Rheingold Salon Ende 2025 die sogenannten Ideathons veranstaltet. Angelehnt ist der Begriff an Hackathons aus der Computerwelt, bei denen innerhalb kurzer Zeit Lösungen für konkrete Probleme entwickelt werden.
Bei den Ideathons sollten Ideen für Projekte entstehen, die Menschen dazu ermächtigen, sich selbstwirksam zu fühlen. In drei Kategorien: Medien, Politik und Unternehmen. Aus den Ideen haben sich Teams gebildet, die ihre Konzepte weiterentwickelt und schließlich als Pitch vorbereitet haben. Die besten neun wurden zum Megathon eingeladen.

Gemeinsam haben Jens Lönneker (l.) und Lukas Struwe vom Rheingold Salon die Studie zum „Projekt Zuversicht“ 2025 durchgeführt.
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„Es sollen natürlich keine Luftschlösser gebaut werden. Wir wollen, dass die Ideen in die Umsetzung kommen“, sagt Lukas Struwe vom Rheingold Salon. Sie wollen, dass jedes Team eine klare Rückmeldung von der Jury bekommt, was noch getan werden muss, um die Idee in die Praxis umzuwandeln. Einige Teams haben gute Chancen, schon kurz nach Ende des Megathons in die Umsetzung zu gehen, sagt Struwe.
Drei Projekte im Blick
Ein Beispiel ist das Projekt Überbrücke. Sechs junge Journalistinnen und Journalisten haben ein generationsübergreifendes Videoformat entwickelt. In 30 Minuten sollen gemeinsame Erlebnisse zwischen einer jungen und einer älteren Person begleitet, über aktuelle Themen der jeweiligen Generation gesprochen und kleine Aufgaben gemeinsam bewältigt werden.
Die Idee stammt von Anna Steininger und ihrer Oma: „Wir waren gemeinsam auf einer Flusskreuzfahrt und ich war mit Abstand die jüngste Person. Nach ein paar Tagen war es aber normal, dass ich nicht Mitte 70 war, und auf einmal haben wir angeregt diskutiert und gelacht.“ Aus der eigenen Blase bewusst herauszugehen, wollte sie als journalistisches Projekt umsetzen. Drei aus dem Team machen eine Ausbildung an der RTL-Journalistenschule. Ihr Ausbildungsleiter sei interessiert an dem Projekt, es könnte im Rahmen der Ausbildung realisiert werden.

In den letzten Minuten arbeiten die Teams am Feinschliff ihres finalen Pitches – hier das Team Überbrücke.
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Sandra Gärtner setzt sich zwar nicht mit einem Dialog zwischen den Generationen auseinander, ist dafür aber Teil eines generationsübergreifenden Teams. Gemeinsam mit Auszubildenden des Immobilienunternehmens Vivawest bildet sie die Gruppe Society Connect. Sie und zwei andere Frauen im Team gehören eher der „Generation 50 plus“ an, wie sie selbst sagt.
Die Idee für eine Vernetzungsplattform für große Wohnanlagen haben die Auszubildenden schon zum ersten Ideathon mitgebracht. Das habe gut zu Gärtners eigenen Überlegungen zu einem Tauschkonzept gepasst. „Nachbarschaft ist so ein großer Faktor für Lebensqualität“, sagt sie. Dass man die Leute im direkten Umfeld kenne, sich wieder grüßen.

Sandra Gärtner vom Team Society Connect entwickelt beim Zuversichts-Megathon eine Nachbarschaftsplattform für große Wohnanlagen.
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Über eine App sollen Nachbarn unkompliziert in Kontakt kommen. „Das kann sein, dass ich dort frage, wer meine alte Pflanze haben möchte, oder anbiete, Pakete anzunehmen, oder ein Grillfest darüber organisiere.“ Society Connect soll es niedrigschwellig ermöglichen, wieder eine gute Nachbarschaft aufzubauen. Intern haben die Auszubildenden die Idee bereits bei ihrem Unternehmen gepitcht. Die Chancen für einen Pilotversuch stehen gut.
Im Bereich Politik hat das Team von Reversed Politics gute Chancen. Auch die Jury hat es im Vorfeld als einen der Favoriten gelistet. Ada Führling, Carl-Linus Deichert, Charlotte Jürgens und Hicham Rhannam wollen die klassische Podiumsdiskussion umdrehen. Die Bühne gehört der Jugend, die Politiker hören zu, so die Idee.
Schülerinnen und Schüler sollen über Umfragen und Projekttage konkrete Vorschläge zur Verbesserung ihres Alltags in den Landkreisen erarbeiten. Gemeinsam mit Politikerinnen und Politikern analysieren sie anschließend, wie sich diese lokalen Projekte tatsächlich umsetzen lassen. Einmal im Monat hat sich das Team zwischen Ideathon und Megathon mit seiner Coach Victoria Luh von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung getroffen. Luh begleitet normalerweise Kommunen bei der Jugendbeteiligung. Zwei Landkreise aus ihrem eigenen Arbeitsumfeld hätten bereits Interesse an dem Projekt bekundet.
Um 15 Uhr suchen sich die letzten ihren Platz vor der kleinen Bühne. Einige Teilnehmende wippen nervös mit dem Bein, andere stehen lieber. Hannah Wulf und Raperin Hussein sind aus Lübeck angereist und die Jüngsten im Raum. Beide sind 18 Jahre alt und haben für den Tag schulfrei bekommen. Ihr Alter habe aber keine Rolle gespielt, sagt Hussein. „Es war toll festzustellen, dass unser Wort genauso viel zählt wie das von jemandem, der schon mitten im Berufsleben steht.“
„Dass die Leute das Gefühl haben, ich kann mitentscheiden, was passiert“
Bei ihrer Auswahl achtet die Jury auf verschiedene Kriterien. Welches Problem adressiert die Idee? Welche Vision verfolgt sie? Wie viel Zuversicht steckt darin? Und vor allem: Wie realisierbar ist das Konzept? Jury-Mitglied Christian Schoon hat bereits die drei Teams aus dem Bereich Stadt und Politik mitausgewählt. „Für mich ist sehr zentral, welchen Mehrwert diese Projekte in den nächsten Jahren für eine demokratische Gesellschaft oder für deren Erhalt schaffen“, sagt er.
Ein Projekt, das ihm besonders in Erinnerung geblieben sei, ist Reversed Politics. Er finde es spannend, dass Bürgerinnen und Bürger so wieder das Gefühl bekommen, ihnen werde zugehört. „Genau das erzeugt Selbstwirksamkeit. Dass die Leute das Gefühl haben, ich kann mitentscheiden, was passiert.“
Nicht nur Schoon scheint das Projekt überzeugt zu haben. Auch der Rest der zehnköpfigen Jury sieht das so und kürt am Ende des Tages die Gruppe zum Sieger. Carl-Linus Deichert aus dem Siegerteam zeigt sich erleichtert, aber auch weiterhin zielstrebig: „Durch geloste Beteiligung in Schulen holen wir Jugendliche da ab, wo sie sind. Und das nicht mit einer fertigen Lösung, sondern mit einer Frage: Was brauchst du, um dich gesellschaftlich einzubringen?“ Er und sein Team seien überzeugt, dass darin eine Antwort auf Polarisierung und Politikverdrossenheit liege.

Drei von vier Gewinnern: Carl-Linus Deichert (v.l.), Ada Führling, und Hicham Rhannam
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Gleichzeitig sei das Team nun auf den nächsten Schritt des Projekts Zuversicht angewiesen: die Zusammenführung mit Förder- und Durchführungspartnern. Gespräche dafür seien in den kommenden Wochen geplant.
Der Abschluss des Megathons markiert zugleich den Startpunkt für das Netzwerk Zuversicht. Die Initiatorinnen und Initiatoren haben dafür bereits die Domain www.netzwerk-zuversicht.de gesichert. Auf dieser digitalen Plattform sollen die Konzepte der neun Finalteams präsentiert, neue Ideen vorgestellt und die Bewegung für mehr Zuversicht in Deutschland weiterentwickelt werden.
