Ein Abend mit Wladimir Kaminer ist immer amüsant und nie langweilig. Und ein Beitrag zur Völkerverständigung.
Wladimir KaminerLiebeserklärung an Deutschland

Wladimir Kaminer plauderte im ausverkauften „Gloria“ amüsant aus seinem neuen Buch „Das geheime Leben der Deutschen“
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Sonst kommt er immer am 3. Januar ins Gloria, diesmal ist er einen Tag früher dran. Ausverkauft ist der bestuhlte Club an der Apostelnstraße trotzdem. „Mit einem Fuß bin ich noch am Silvestertisch, ich bitte um Nachsicht“, begrüßt Wladimir Kaminer sein Publikum, um nahtlos dazu überzugehen, aus dem Familien-Nähkästchen zu plaudern: „Früher haben meine Kinder das genannt: Die lange Nacht vom 31. Dezember bis zum 3. Januar.“ Kaminer, 1967 in Moskau geboren und seit 1990 in Berlin lebend, kultiviert das Image des trink- und feierfreudigen Russen. Wozu auch gehört, dass man ihn auf der Bühne (und auch am Büchertisch) nie ohne ein Glas Wein sieht. Oder ohne ein Glas mit etwas drin, das aussieht, als könnte es Wein sein. Mit derzeit 33 lieferbaren Erzählbänden ist er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands avanciert. Im Gloria stellt er seine neueste Sammlung von Geschichten vor: „Das geheime Leben der Deutschen.“ Der Titel, der an den Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ erinnert, ist eigentlich Quatsch. Denn das, was der 58-Jährige in Göttingen, Bremen oder Aurich, im Schwarzwald, in der Kaiserpfalz oder auf Hiddensee entdeckt hat, spielt sich keineswegs im Geheimen ab, sondern ist, im Gegenteil, omnipräsent. „In jeder Region, an jeder Ecke, gibt es hier Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Attraktionen für Groß und Klein, die kein Palmenland zu bieten hat, die aber von vielen vorschnell auf Spreewaldgurken und Schloss Neuschwanstein reduziert werden“, wirbt Kaminer fürs Urlaubsparadies Deutschland.
Vom rheinischen Frohsinn zu georgischen Trinksprüchen
Das Buch ist trotzdem ungemein amüsant. Und sein Autor live allemal. Statt sklavisch kapitelweise vorzulesen, springt er immer wieder zu anderen Themen (aus anderen Büchern). Macht einen Schlenker zu georgischen Trinksprüchen, lobt den rheinischen Frohsinn („Bei Ihnen ist doch wie in Brasilien das ganze Jahr Karneval!“) oder packt, immer wieder gern, das Familien-Nähkästchen aus („Ich hab' einen verliebten Sohn, das ist ein ganz anderer Mensch.“) Manches täuscht er auch nur an oder verzögert es. Bis „Die schönsten Blitzer Brandenburgs“, womit keine Nudisten gemeint sind, zum Zuge kommen, ist die Pause im Zwei-Stunden-Abend schon vorbei. Manches modifiziert er. So wird beim Brandenburger Heinz Jürgen der Heinz aus dem Doppelnamen gestrichen. Nur „Jurgen“ mit ohne deutsches „ü“, das klingt einfach besser.
Kaminer hat fantastischen Sinn für Überspitzungen
Kaminer hat einen fantastischen Sinn für Überspitzungen. Er liebt das Absurde im Alltäglichen, seine Zuhörerinnen und Zuhörer tun das auch: „In Wirklichkeit ist Berlin eine Kindertagesstätte. Das würde auch die kindgerechte Berlinausstattung erklären, beispielsweise die ungeheure Anzahl an Eisdielen, die Vielfalt der Eissorten bis zum Vanille-Eis mit gezuckertem Ätna-Staub.“ Und wenn er sagt, dass „Das Dreckschweinfest in Hergisdorf“ sein Leben verändert habe, glaubt man ihm das sofort. Mit anzusehen, wie ein ganzes Dorf in Sachsen-Anhalt mitsamt Kapelle ein Schlammloch entert, bei gleichzeitiger Druckbetankung ab morgens um Acht, das kann schon etwas von einem Erweckungserlebnis haben. Die vergnügliche Reise durch die Republik vom Allgäu bis zur Nordsee endet mit einem ernst gemeinten Versprechen: „Wir werden diese Kriege, diese Krisen, die neue Bundesregierung, alles, alles werden wir überleben. Wenn wir uns begegnen und ab und zu mal persönlich in die Augen sehen.“ Insofern ist ein Abend mit Wladimir Kaminer auch immer ein Beitrag zur Völkerverständigung.
Wladimir Kaminer: Das geheime Leben der Deutschen. Wunderraum, 224 S. 24 Euro.
