Der Kölner Soziologe Wolfgang Streeck ist eine Berühmtheit seiner Zunft und wegen seiner Haltung zum Ukraine-Krieg umstritten. Jetzt wird er 80 Jahre alt.
Wolfgang StreeckAlles wandelt sich, aber nicht notwendig zum Besseren

Wolfgang Streeck vor seinem 80. Geburtstag
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Residiert der Karl Marx unserer Zeit in Köln? Und wäre das so schlimm? Es wäre jedenfalls passend, denn schon den Karl Marx seiner Zeit hatte der revolutionäre Weg gleich zwei Mal nach Köln, in die Redaktionsräume der „Rheinischen Zeitung“, geführt. 1849 wurde er allerdings aus der Stadt hinausgeworfen, mit den bekannten Folgen.
Dem Soziologen Wolfgang Streeck dürfte dieses Schicksal erspart bleiben, obwohl ihn ein Kolumnist der „New York Times“ vor zwei Jahren zum Marx unserer Zeit ernannte, vermutlich als Hommage an Jürgen Habermas, den Streecks Suhrkamp-Bestseller „Gekaufte Zeit“ an Marxens „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ erinnerte. Darin beschreibt der emeritierte Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, wie die westlichen Staaten zunehmend verzweifelt versuchen, die horrenden Kosten des globalisierten Kapitalismus mit immer neuen und immer höheren Schulden auszugleichen.
1998 gehörte Streeck dem „Bündnis für Arbeit“ an
Im Gegensatz zu den meisten Ökonomen hält Streeck den Kapitalismus nicht für die natürliche Lebensform des Menschen; der Frage, wie dieser enden könnte, hat er ein ganzes Buch gewidmet. So weit wäre Marx mit seinem mutmaßlichen Nachfolger noch zufrieden. Anders als Marx glaubt Streeck jedoch nicht daran, dass sich die gesellschaftliche Entwicklung in einem klassenlosen oder anderweitig utopischen Zustand zum Stillstand bringen lässt. Nichts ist für die Ewigkeit, und alles wandelt sich. Aber nicht notwendig zum Besseren.
Wer wie Streeck die erste Hälfte seines Arbeitslebens der Sozialdemokratisierung der westlichen Gesellschaften widmete, hat wohl seinen Frieden mit der Revolution, die auf sich warten lässt, gemacht. Der Soziologe verglich Wirtschaftssysteme in verschiedenen Ländern, streng wissenschaftlich, aber durchaus mit dem Hintergedanken, die Arbeitspolitik nicht nur zu erforschen, sondern durch überzeugende Daten auch zu verbessern. 1998 gehörte er dem „Bündnis für Arbeit“ an, das vom damaligen Kanzler Gerhard Schröder durch die Hartz-Kommission ersetzt wurde. Dieses Kapitel scheint geschlossen. „Ich bin hier doch nicht im Beratungsgeschäft“, sagt Streeck heute. „Es ist schwer genug, das alles zu verstehen.“
Jetzt sickert es langsam bei den Leuten ein, dass Trump kein Ausreißer ist, dass es da eine lange Vorgeschichte gibt
Die Mühen des Verstehens haben Streeck etliche Ehrungen eingetragen und ihn offenbar gelehrt, gerade auf Dinge, die ihm nahegehen, mit distanziertem Blick zu schauen. Sollte ihn der Niedergang der SPD (deren Mitglied er ein halbes Leben lang war) betrüben, lässt er sich das nicht anmerken. „Ich sehe in allen demokratischen Gesellschaften, dass die zentralen Großparteien, die Sozial- und Christdemokraten, zerbrechen und sich als kleine Unterabteilungen ihrer selbst wiederfinden. Man kann in Deutschland die Linke als Zerfallsprodukt der SPD und die AfD als Zerfallsprodukt der CDU/CSU verstehen, und damit muss der Zerfall nicht schon beendet sein.“
Als Soziologe versucht Streeck, gesellschaftliche Prozesse zu beschreiben, die sich über Jahrzehnte hinziehen. Vielleicht disqualifiziert ihn das schon als Politikberater: Er rechnet nicht in Wahlperioden. Zugleich macht ihn seine Profession gegen kurzfristige Hoffnungen immun: „Man kann gesellschaftliche Prozesse nicht ohne weiteres umdrehen. Auch die unglaubliche Ungleichheit der Vermögen, die sich in den letzten 30 Jahren in allen unseren Gesellschaften aufgebaut hat, können sie nicht einfach abschaffen. Ein Privatmann wie Elon Musk, beziehungsweise seine Firma, kann jetzt einem ganzen Land, das Ukraine heißt, den Saft abdrehen.“
Gegen Phänomene wie Big Tech helfen die alten technokratischen Rezepte nicht mehr, meint Streeck. „Wir können alle sagen, wir sollen die großen Unternehmen zerschlagen. Dann gehen wir nach Hause, trinken ein Kölsch und denken, wir hätten das Problem gelöst. Nein, es muss in jede Theorie mit rein, wer soll es denn machen? Und wann? Und wie lange wird es dauern? Und was sind die Kosten davon? Und was machen die dann, wenn ich anfange, die zu zerlegen?“
Selbst wenn im Kreml der heilige Franziskus gesessen hätte, wäre er nervös geworden angesichts einer USA, die in den Nullerjahren ihren Verteidigungshaushalt verdoppelte, sämtliche Rüstungskontrollabkommen in Europa kündigte und die Ausweitung der NATO, insbesondere auf die Ukraine, verkündete
Am 27. Oktober wird Wolfgang Streeck 80 Jahre alt, und den kleinen Rummel, den das Max-Planck-Institut für ihn betreibt, nimmt er so pflichtschuldig wie ergeben hin. In seinem Kölner Büro wirkt der gebürtige Westfale nicht wie ein verhinderter Revolutionär, sondern eher wie ein Chefarzt, der seinem Patienten auf die denkbar herzlichste Weise die Hoffnung auf rasche Gesundung nimmt. „Jetzt sickert es langsam bei den Leuten ein“, sagt Streeck ein wenig amüsiert, „dass Trump kein Ausreißer ist, dass es da eine lange Vorgeschichte gibt. Ich habe schon seit Jahren auf die Staatsverschuldung hingewiesen, als einen ungeheuer wichtigen Indikator. Vor allem die Progressiven unter den Ökonomen und Politikwissenschaftlern haben das nicht ernst genommen. Heute steht es sogar manchmal in der Zeitung, dass die Befriedungsfähigkeit der Demokratie unter den sich entwickelnden Kräften des Kapitalismus gescheitert ist. Und dass die Lücken gefüllt werden durch buchstäblich grenzenlose Schuldenaufnahme.“
Diese durch Schulden „gekaufte Zeit“ scheint abzulaufen, jedenfalls fällt es den westlichen Industrienationen zusehends schwer, die tiefe Legitimationskrise des Spätkapitalismus zu kaschieren. Wie soll man den Bürgern eines Exportweltmeisters auch erklären, warum die in wirtschaftlich besseren Zeiten aufgebaute Infrastruktur bröckelt, die Rente nicht mehr sicher ist und ein Kamel eher durchs Nadelöhr geht, als Familie Mustermann in begehrten Lagen eine bezahlbare Wohnung findet? Streeck sieht eine wesentliche Funktion von Gesellschaften darin, sich über sich selbst zu verständigen, um handlungsfähig zu sein. Wenn Politiker etwas als alternativlos darstellen, wird er hellhörig, weil diese Vokabel jede Debatte unterdrückt. Seine Beiträge in Büchern und Zeitschriften sollen hingegen die gesellschaftliche Selbstverständigung befördern, was von den „Konsensfabrikanten“ (Streeck) nicht immer freundlich aufgenommen wird.
Besonders umstritten sind Streecks Aufsätze zum russischen Krieg gegen die Ukraine, dessen Ursache er nicht allein in Moskau sieht. „Selbst wenn im Kreml der heilige Franziskus gesessen hätte, wäre er nervös geworden angesichts einer USA, die in den Nullerjahren ihren Verteidigungshaushalt verdoppelte, sämtliche Rüstungskontrollabkommen in Europa kündigte und die Ausweitung der NATO, insbesondere auf die Ukraine, verkündete.“ Auch mit jemandem wie Putin müsse man manchmal Frieden schließen: „Allmählich wird den Europäern klar, dass sie keinen unendlichen Krieg in der Ukraine finanzieren können. Warum unendlich? Weil man keinen Krieg gegen eine Atommacht gewinnen kann.“
An diesem Punkt würde Streeck vielleicht selbst gerne zur Vokabel „alternativlos“ greifen: „Die großen Außenpolitiker haben eigentlich immer verstanden, dass es in der Außenpolitik nicht darum geht, einen anderen umzuerziehen oder zu bekehren. Man muss vielmehr Interessen abwägen und sehen, wie kann man diese Interessen so ausbalancieren, dass wir uns dieses wahnsinnige Ding ersparen, das Krieg heißt.“
Beim Thema Krieg wird Wolfgang Streeck ein wenig unversöhnlich. Auch als Soziologe kann man nicht immer die Distanz wahren. Schließlich geht es hier nicht nur um das mögliche Ende einer Gesellschaftsform, sondern um alles. „Wir Deutschen haben zweimal versucht, in Russland die politische Führung militärisch abzuräumen. Beim letzten Mal waren danach Millionen Deutsche tot.“
