Ein Besuch des Witzheldener Friedhofs ist lehrreich und kann erheiternd sein.
Leichlinger FriedhöfeWo der „Entdecker“ des Kaiser-Wilhelm-Apfels begraben liegt

Der kommunale Friedhof in Witzhelden
Copyright: Peter Seidel
Wir schreiben das Jahr 1864. Carl Hesselmann, „Hauptlehrer“ in Witzhelden, ist in Monheim am Rhein unterwegs, als er eine ihm bis dahin unbekannte Apfelsorte entdeckt. Hesselmann, dessen Leidenschaft die Pomologie, also die Apfelzucht, ist, hält diesen Apfel für den wertvollsten aller von ihm entdeckten oder selbst gezüchteten Sorten überhaupt – immerhin 1200 wird er über die Jahrzehnte in seinem eigenen Zuchtbetrieb schließlich ausprobiert haben. Und was liegt da näher, als den Apfel nach dem höchsten Mann im wenige Jahre später entstandenen Kaiserreich benennen zu wollen? Lehrer Hesselmann schreibt an Kaiser Wilhelm I. mit der Bitte, das rheinische Obst nach dem Imperator benennen zu dürfen. Er darf. Kaiser Wilhelm bedankt sich sogar mit einer Fotografie mit eigenhändiger Unterschrift für das Ansinnen Hesselmanns.
Apfel- und Rosenzüchter Hesselmann
Also hieß der Apfel seit 1875 Kaiser-Wilhelm-Apfel. Was der Apfel-Experte Hesselmann nicht wusste: Der Apfel hatte seit den 1830er Jahren bereits einen Namen: Er war als Peter-Broich-Apfel bekannt. Doch erst unter seinem neuen majestätischen Namen machte das Obst Karriere und verbreitete sich im ganzen Reich.

Das Grabmal von Carl Hesselmann auf dem Witzheldener Friedhof
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Diese Anekdote und weitere interessante Details aus Hesselmanns Leben erfährt der Besucher, wenn er gleich am Eingang zum Witzheldener Friedhof den QR-Code auf einem kleinen Schild rechts des Wegs einscannt und dann die digitale Stadtführung der Stadt Leichlingen öffnet. Das Grabmal der Familie Hesselmann, ist ebenfalls gleich am Eingang rechts auf einer Rasenfläche erhalten – ein dunkelgrauer Obelisk, der von Rosen umrankt ist. Kein Zufall: Hesselmann war auch ein leidenschaftlicher Rosenzüchter und gründete 1877 den noch heute bestehenden Verein zur Förderung der Rosenkultur des Bergischen Landes in Solingen, der im kommenden Jahr also seinen 150. Geburtstag feiern kann.
Hesselmanns Grabmal aus dem Jahr 1902 gehört zu den ältesten auf dem Friedhof, der selbst freilich laut Auskunft der Stadtverwaltung fast ein Jahrhundert älter ist. Die erste Beisetzung gab es hier Anfang Januar 1807. Der Witzheldener Friedhof ist damit nicht nur der älteste in Leichlingen, sondern auch einer der ältesten heute noch genutzten in der ganzen Region.

Das Gräberfeld mit den Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs
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Gleich links vor der Trauerhalle sind die Witzheldener Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs begraben. Auch eine Ukrainerin und ein „Pole“, wie es auf der schlichten Grabplatte heißt, haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Zwei junge Leute, die eine keine 20, als sie starb, der andere gerade 25 Jahre alt bei seinem Tod. Immerhin: Von beiden gibt es vollständige Geburts- und Todesdaten, und sie werden auf den schlichten Grabplatten mit vollem Namen genannt. Das ist nicht selbstverständlich auf den Friedhöfen der Region.
Weltersbach schlug „Witzlingen“ vor
Der erste frei gewählte Bürgermeister Witzheldens nach dem Zweiten Weltkrieg, August Weltersbach, liegt ebenfalls auf dem Friedhof begraben. Weltersbach gehörte dem Gemeinderat ab 1949 an und stand Witzhelden bis zu seinem Tod 1963 als Bürgermeister vor: 14 Jahre lang. Auch über ihn weiß der digitale Stadtführer erheiternde Anekdoten zu berichten, etwa seine ausgeprägte Rivalität zum Landwirt Richard Claasen. Beide, Weltersbach wie Claasen, waren Jäger. Und Weltersbach, der nicht nur ehrenamtlicher Bürgermeister, sondern auch Betreiber einer Bäckerei und eines Cafés an der Wersbacher Mühle war, soll Claasen einmal zu dessen Geburtstag eine Torte mit der wenig schmeichelhaften Aufschrift „Dem größten Wilddieb aller Zeiten“ geschenkt haben.

Das Familiengrab Weltersbach auf dem Witzheldener Friedhof
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Weltersbach war nicht nur im Ort sehr präsent. An den Erntedankumzügen nahm er hoch zu Ross teil. Er dachte auch über die Zukunft der bis 1975 selbständigen Gemeinde Witzhelden nach. Für eine eventuelle Vereinigung mit der Stadt Leichlingen schlug der Bürgermeister mit Sinn für Humor den neuen Stadtnamen „Witzlingen“ vor. Das Familiengrab der Weltersbachs findet sich recht nah am Eingang vor der Trauerhalle auf der linken Seite.

Der VVV stellt auf dem Witzheldener Friedhof Gartengeräte zur freien Verfügung.
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2017 wurde die Erinnerung an den ersten frei gewählten Witzheldener Bürgermeister der Nachkriegszeit noch einmal wachgerufen. Damals wurde der nicht mehr benötigte Witzheldener Fernsehturm gesprengt. Das 57 Jahre alte Wahrzeichen des Höhendorfs hieß seit den 1980er Jahren in der Bevölkerung liebevoll „Äu“ – nach August Weltersbach.
In die Amtszeit von Weltersbach fällt auch die Gründung des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV) Witzhelden, der 1953 aus der Taufe gehoben wurde. Und der VVV, auch das eine Besonderheit in Witzhelden, ist auch auf dem Friedhof präsent. Man mag das als Ausdruck des überaus ausgeprägten Vereinslebens und des Zusammenhalts im Höhendorf werten.
Wer hat nicht schon einmal beim Besuch des Grabes eines Angehörigen eine Harke oder ein paar Gartenhandschuhe vergessen, um die Grabstätte verschönern zu können? Da schafft der Verein praktische Abhilfe. An einem überdachten Zaunstück hängen allerlei nützliche Werkzeuge für die Grabpflege, verbunden mit der Bitte: „Bringen Sie die Geräte nach Beendigung der Arbeiten wieder zurück!“
Mehr als zwei Hektar groß
Der Friedhof Witzhelden ist laut Auskunft der Stadtverwaltung genau 22.689 Quadratmeter groß, also etwa zweieinviertel Hektar. Lediglich 6930 Quadratmeter, ein knappes Drittel, sind Bestattungsfläche. Seit 5. Januar 1807 werden hier Menschen beigesetzt. Die erste urkundliche Erwähnung einer Beerdigung ist vom 7. Februar 1877. Die Kapelle stammt aus dem Jahr 1931. Wie auf dem Friedhof Kellerhansberg in Leichlingen auch gibt es hier Platz für Urnen- oder Sargbestattungen sowie Urnennischen in Kolumbarien. In näherer Zukunft sollen in Witzhelden auch Baumbestattungen möglich werden. (ps)
