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Pferdeklinik LeichlingenZwischen OP und Intensivstall herrscht Betrieb rund um die Uhr

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Bis zu 1500 Operationen werden jedes Jahr in der Pferdeklinik Leichlingen durchgeführt.

Bis zu 1500 Operationen werden jedes Jahr in der Pferdeklinik Leichlingen durchgeführt. 

Ob Kastration oder Kolik, vom Shetlandpony bis zum Turnierpferd: Zu Besuch in der Pferdeklinik Leichlingen, die in diesem Jahr ihr 15-jähriges Bestehen feiert.

Ein Hengst liegt auf dem Rücken auf einem OP-Tisch. Er ist narkotisiert, die Augen hat er noch leicht geöffnet. Die Hufe sind geschützt. Auf einem kleinen Rollwagen warten die Instrumente für den Eingriff. Neben dem kräftigen Pferd wirken selbst gewöhnliche chirurgische Geräte auffallend klein. Metall klappert, irgendwo quietscht eine Vorrichtung. Die Haut rund um die Hoden wird immer wieder gereinigt und desinfiziert. Eine  Kastration wie diese gehöre zum Klinikalltag, erklärt Dr. Julien Racine, Teamleiter der Chirurgie. „Eine solche Operation ist kein großes Risiko. Aber man muss immer aufpassen, dass es nicht zu Komplikationen kommt.“ Das Pferd müsse noch ein paar Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben, könne sich aber schon nach rund einer Woche wieder uneingeschränkt bewegen.

Nach ungefähr einer Stunde ist die Behandlung vorbei. Dann befindet sich das Pferd in einem ausgepolsterten, geschlossenen Aufwachbereich. Für den Weg wird ein Kran genutzt. Das gibt dem schweren Tier Halt und ermöglicht es dem Klinikteam, es sicher auf den OP-Tisch und zurück zu transportieren.

Eine Kastration ist in der Pferdeklinik Leichlingen ein typischer Routineeingriff.

Eine Kastration ist in der Pferdeklinik Leichlingen ein typischer Routineeingriff.

Der morgendliche Check

Im Intensivstall stehen die Pferde in ihren Boxen. Einige mit dicken Verbänden, andere mit speziellen Vorrichtungen, zum Beispiel damit sie sich nicht hinlegen. Bei dem morgendlichen Rundgang wird jeder Patient überprüft. War das Tier in der Nacht auffällig? Hat sich sein Zustand verschlechtert? Welche Medikamente muss es heute bekommen?

Auf einem Laptop sind alle wichtigen Informationen gebündelt: der Name des Pferdes, die Kontaktdaten der Besitzer, die Aufenthaltsdauer, Medikamente und die Aufgaben für den Morgen. An den Boxen selbst hängen keine weiteren Angaben. Die Informationen bleiben aus Datenschutzgründen auf dem Bildschirm.

Auch beim Futter wird genau hingeschaut. Für Pferde mit Atemwegserkrankungen kann normales Heu problematisch sein. Es wird dann bedampft oder nass gemacht, um Staub zu reduzieren. Auch Tiere mit Darmproblemen bekommen vorerst teilweise nur Wasser oder ein Ergänzungsfutter aus Weizenkleie, Leinsamen und Getreide.

Im Intensivstall gibt es Boxen für insgesamt 16 Pferde.

Im Intensivstall gibt es Boxen für insgesamt 16 Pferde.

„Beine hochlegen“ funktioniert beim Pferd nicht

In zwei Boxen gibt es eine besondere technische Hilfe: das Swing-Lifter-System. Über der Box verlaufen Schienen. Das Pferd kann an einem Bauchgurt darin eingehängt werden. Es steht weiterhin auf dem Boden, ein Teil des Gewichts wird jedoch von den Beinen genommen. Das kann beispielsweise bei Erkrankungen der Huflederhaut helfen, wenn die Belastung der Hufe reduziert werden soll. Auch bei Knochenbrüchen kann die Vorrichtung eingesetzt werden, wenn ein Bein möglichst wenig beansprucht werden darf. So kann sich das Pferd trotzdem durch die Box bewegen.

Auch bei Knochenbrüchen kann die Vorrichtung eingesetzt werden, wenn ein Bein möglichst wenig beansprucht werden darf.

Auch bei Knochenbrüchen kann die Vorrichtung eingesetzt werden, wenn ein Bein möglichst wenig beansprucht werden darf.

Für Menschen müsste ein solcher Aufwand nicht betrieben werden. Die Anweisungen wären klar: Bein hoch, möglichst nicht auftreten, liegen bleiben. Aber ein Tier folgt seinem natürlichen Bewegungsdrang. 

Die Medizin wird schonender

Die Versorgung der Intensivpatienten zählt mit zu den Aufgaben von Lena Bockemühl. Sie hat ihre Ausbildung zur Tiermedizinischen Fachangestellten im August 2022 in der Klinik begonnen und im Januar des vergangenen Jahres abgeschlossen. „Jedes Pferd ist unterschiedlich und darin liegt die Herausforderung“, sagt sie.

Julien Racine arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Tierarzt, etwa die Hälfte der Zeit als Chirurg. „Ich habe meine ganze Kindheit in Reitställen verbracht und war später Springreiter.“ Deshalb war für ihn schon früh entschieden, wohin sein beruflicher Weg führen soll.

Wichtige Veränderungen in der Tiermedizin seien immer schonendere Behandlungsverfahren „ohne Trauma“. Schnitte würden kleiner und die Tiere könnten sich dadurch schneller von Eingriffen erholen. Es werde häufiger am stehenden Pferd gearbeitet. Auch die Bildgebung hat neue Möglichkeiten geschaffen. Computertomografie-Untersuchungen und dreidimensionale Darstellungen könnten bei der Planung helfen. Dadurch ließen sich Eingriffe präziser vorbereiten.

Zwei Leben auf dem Spiel

Besonders erinnert er sich an eine Stute im Frühjahr dieses Jahres. Sie hatte sich einen schweren Bruch am Vorderbein zugezogen. Da sie hochtragend war, kam eine Vollnarkose nicht infrage. Die Operation musste im Stehen durchgeführt werden. Stute und Fohlen wurden beide gerettet. „Mir ist in dem Beruf Transparenz sehr wichtig. Wir sagen den Besitzern immer ganz offen, wie die Lage der Tiere ist. Das braucht Zeit und auch Präsenz. So was lässt sich nicht nur über SMS regeln.“

Viele Besitzer würden ihm mitunter sehr persönliche Geschichten erzählen. Über ihre Pferde würden sie nicht nur als Tiere, sondern als Familienmitglieder sprechen. Umso schöner sei es, mitteilen zu können, wenn es den Pferden wieder gut gehe. „Wenn eine Situation am Anfang hoffnungslos schien, es das Pferd aber trotzdem geschafft hat“, das sei einer der schönsten Momente, sagt Julien Racine.

Ständig auf Abruf

Laetitia Stoll leitet die Intensivmedizin. Die 28-jährige Tierärztin kam 2022 als Assistenzärztin an die Klinik und arbeitet inzwischen in einer Funktion, in der sie nicht nur Patienten, sondern auch Menschen koordinieren muss. Elf Tierärzte gehören zum Bereich, gearbeitet wird im Schichtsystem. „Kein Tag ist wie der andere“, beschreibt sie ihren Beruf. Für sie ging damit ein Kindheitstraum in Erfüllung. Die Arbeit in der Klinik könne man nicht planen. „Notfälle kommen, wann sie wollen.“ Und schon wird sie zum nächsten Patienten gerufen.

Im Intensivstall muss sie die Tiere genau beobachten: Wie verhält sich ein Pferd? Frisst es? Wie sieht die Wunde aus? Wie stark ist die Schwellung? Muss ein Verband gewechselt werden? Die Pferde wirken dabei erstaunlich gelassen. „Ein Pferd, das zum ersten Mal von zu Hause weg ist, kann die neue Umgebung zunächst als Stress erleben. Andere kennen wechselnde Ställe, Transporte oder Turniere bereits“, erklärt Laetitia Stoll.

Letitia Stoll untersucht per Ultraschall den inneren Bauchbereich des Pferdes.

Laetitia Stoll untersucht per Ultraschall den inneren Bauchbereich des Pferdes.

Wo alles ineinandergreift

Hinter dem Klinikalltag steckt eine große Organisation: 24-Stunden-Bereitschaft, verschiedene Fachbereiche, Diagnostik, Operationen, Intensivmedizin und die Versorgung der Pferde rund um die Uhr. So blickt Klinikleiter Michael Eckebrecht auf die Einrichtung.

Michael Eckebrecht und Leatitia Stoll gehören zu den rund 150 Mitarbeitenden der Pferdeklinik.

Michael Eckebrecht und Leatitia Stoll gehören zu den rund 150 Mitarbeitenden der Pferdeklinik.

Die Klinik besteht seit 2011 und verfügt über bis zu 100 Boxen. Im Intensivstall gibt es 16 Plätze. Insgesamt arbeiten hier rund 35 Tierärzte und etwa 150 Menschen. „Wir haben an 365 Tagen im Jahr geöffnet und halten den Betrieb rund um die Uhr aufrecht“, sagt der Klinikleiter. Das Kerneinzugsgebiet umfasse rund 200 Kilometer, aber natürlich kämen vorwiegend Sportpferde auch aus ganz Deutschland. „Vom Shetlandpony bis zum Turnierpferd ist alles dabei“, so der 45‑Jährige. Im Jahr würden im Schnitt 1500 Operationen durchgeführt. Die Klinik entwickele sich immer weiter. „Mich fasziniert, wie alles ineinandergreift.“ Maßgeblich sei eine gute Organisation.

Für die Zukunft gelte allerdings: „Der Markt wird kleiner.“ Pferde würden älter und „die Lebensumstände der Menschen machen es herausfordernd, ein Pferd zu halten.“