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Wahlschock von Sachsen-AnhaltWie lange bleibt Hendrik Wüst noch in Düsseldorf?

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Hendrik Wüst und Stefan Evers (r.) geben nach einer CDU-Veranstaltung zur Berlin-Wahl ein Statemenmt ab.

Hendrik Wüst und Stefan Evers (r.) geben nach einer CDU-Veranstaltung zur Berlin-Wahl ein Statemenmt ab. 

Friedrich Merz gerät zunehmend unter Druck. In der CDU wachsen die Spekulationen über einen möglichen Wechsel des NRW-Ministerpräsidenten.

Hendrik Wüst steht in Berlin vor dem Brandenburger Tor und erhält Beifall für seine Wahlanalyse. „Schnellschüsse sind jetzt nicht die Antwort des Tages“, sagt der Ministerpräsident von NRW bei einer Wahlkampfveranstaltung der Berliner CDU. Viele Menschen in Sachsen-Anhalt würden sich nach dem Wahlergebnis Sorgen machen. „Der Bund und die Länder werden darauf achten, was dort passiert“, verspricht er den Zuhörern. „Auch in Sachsen-Anhalt gilt das Grundgesetz und nicht das völkische Programm der AfD.“

Wüst war von der Sitzung des CDU-Bundesvorstands zu dem Termin am Brandenburger Tor gefahren, um dort Stefan Evers im Wahlkampf zu unterstützen, den Spitzenkandidaten der CDU bei der Berlin-Wahl. Der habe „das Herz am rechten Fleck“ und sei ein „Typ, der anpackt“. Ähnliches hatte Wüst in der vergangenen Woche in Halle über Sven Schulze gesagt, den Spitzenmann der CDU in Sachsen-Anhalt. Der habe „alles gegeben“. In Berlin, so gibt sich Wüst zuversichtlich, werde es besser laufen. „Ich komme ja gelegentlich hierher und möchte, dass die Stadt stabil bleibt“, sagt der NRW-Ministerpräsident.

Noch kommt er nur gelegentlich. Aber bleibt das so? Eine Frage, die die Landespolitik in Düsseldorf in Unruhe versetzt. Wüst gilt seit dem Start der Merz-Regierung als „Reservekanzler“ und wird neuerdings als das „freundliche Gesicht“ der CDU bezeichnet. Er ist 51 Jahre alt und hat eigentlich keine Eile, das nächste Karriereziel anzustreben. Vor der Landtagswahl in NRW im nächsten Jahr sei ein Wechsel ausgeschlossen, hieß es bislang in der NRW-CDU. Geht jetzt doch alles viel schneller? „Herr Wüst ist ja schon auf dem Weg nach Berlin, der steht gerade am Kamener Kreuz“, scherzte Achim Post, der Co-Vorsitzende der SPD in NRW, in einem Interview.

„Der Friedrich ist natürlich angezählt“

Doch Wüst stand nicht im Stau. Er war am frühen Morgen von Düsseldorf in die Bundeshauptstadt geflogen. Zu diesem Zeitpunkt war dem Regierungschef Wüst noch völlig unklar, wie der Tag verlaufen würde. In Düsseldorf war nicht ausgeschlossen worden, dass es zum großen Knall kommen würde, wenn der Bundeskanzler in der Sitzung nicht den richtigen Ton treffen würde. „Dann kann das disruptiv verlaufen“, sagte ein Mitglied der CDU-Landtagsfraktion, das sich selbst zu den Unterstützern von Merz zählt. „Der Friedrich ist natürlich angezählt. Er kocht innerlich, weil er merkt, dass der Gegenwind immer stärker bläst.“

Nicht nur der ständige Ärger mit dem Koalitionspartner verhagele dem Bundeskanzler die Stimmung, heißt es. In Sachsen-Anhalt würden viele den Hauptgrund in der krachenden Niederlage bei Merz sehen. Dass der nun Sepp Müller, den viele in Magdeburg für einen Hoffnungsträger halten, scharf attackiert habe, könne sich zu einem Bumerang entwickeln. Denn Müller habe ein gutes Standing in der Bundestagsfraktion. Merz hatte erklärt, Müller sei dem Spitzenkandidaten Sven Schulze „in den Rücken gefallen“.

Kritik aus NRW an Friedrich Merz

Ein Schicksal, das Merz nun möglicherweise selbst ereilen könnte. Denn in der CDU-Bundestagsfraktion gibt es eine Gruppe von jungen Abgeordneten, die aus ihrer Kritik an der Performance des Bundeskanzlers kaum noch einen Hehl machen. Auch in der Landesgruppe der Abgeordneten aus NRW gibt es Strippenzieher, die die Kanzlerschaft von Merz schnellstmöglich beendet sehen wollen. „Es wird zunehmend zur Unmöglichkeit, mit ihm die nächste Bundestagswahl zu gewinnen“, heißt es. Sein schlechtes Image sei „betoniert“. Viele der jungen Abgeordneten sehen ihre Wiederwahl in Gefahr.

Friedrich Merz (.) und Sven Schulze treten nach dem Wahldebakel am Montag (7. September) in Berlin vor die Presse.

Friedrich Merz (.) und Sven Schulze treten nach dem Wahldebakel am Montag (7. September) in Berlin vor die Presse.

Nach dem Wahlschock von Sachsen-Anhalt droht in zwei Wochen möglicherweise das nächste Schreckensszenario. Sollte bei der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern der schwarze Balken unterhalb der Zehn-Prozent-Marke verharren, könnten vielleicht die letzten Dämme brechen, warnt eine Bundestagsabgeordnete. „Vielleicht wirft der Friedrich dann von sich aus hin.“

Manche halten eine „Kurzschlussreaktion“ für nicht ausgeschlossen. Der Bundeskanzler habe schon jetzt keinen großen Spaß daran, sich von den eigenen Leuten wie ein „dummer Esel“, der an allem schuld sei, durch den Ring führen zu lassen. Ein freiwilliger Rückzug wäre den Kritikern aus mehreren Gründen am liebsten.

Nur Wüst könnte Merz ablösen

Denn: Ein offener Angriff sei mit hohen Risiken verbunden. Die „Königsmörder“ könnten nicht nur selbst in der Beliebtheit abstürzen, was – im Fall Merz – möglicherweise der CSU in die Karten spielen könne. Schließlich habe Markus Söder seine Hoffnung, Bundeskanzler werden zu können, noch nicht endgültig begraben. In Düsseldorf gibt es Gerüchte, dass sich auch Bundesinnenminister Alexander Dobrindt für kanzlertauglich hält. „Das muss unter allen Umständen verhindert werden“, sagt ein Mitglied der Landtagsfraktion.

Dort bereiten die Spekulationen über eine bevorstehende Kanzlerdämmerung vielen Kopfschmerzen. Ihnen ist klar, dass es in der Bundes-CDU nur einen gibt, der das Standing hat, Merz abzulösen. Das ist Hendrik Wüst. Der Ministerpräsident soll seine Partei als Spitzenkandidat in die Landtagswahl im April nächsten Jahres führen. Ein vorzeitiger Wechsel ins Kanzleramt könnte bei der NRW-CDU für Chaos sorgen.

In Düsseldorf hegen aber manche CDU-Politiker die Hoffnung, dass die SPD im Bund einen Kanzlertausch nicht ohne Weiteres mitmachen würde. „Warum sollten die Sozis zum Steigbügelhalter des smarten Hendrik Wüst werden“, fragt sich eine Abgeordnete. „Die sind doch froh über jeden Tag, an dem Merz im Amt ist, weil der Misserfolg nur mit ihm nach Hause geht.“

Wüst sich kämpferisch in Berlin

Auch Kevin Gniosdorz, Landeschef der Jungen Union in NRW, hält nichts von einem Kanzlertausch. Der Wahlausgang in Sachsen-Anhalt sei für die CDU zwar „insgesamt eine Katastrophe“. Sowohl der Bundesvorstand als auch die Bundesregierung müssten sich daher „dringend hinterfragen“, erklärt der JU-Chef. „Aber Parteien, die nur Nabelschau betreiben, die von Angst getrieben sind und nur über sich und ihr Personal sprechen, sind für die Bürgerinnen und Bürger höchst unattraktiv.“

Die Menschen im Land würden schließlich ganz andere Sorgen plagen, mahnte Gniosdorz. „Sie fragen sich, ob ihr Arbeitsplatz in fünf Jahren noch da ist und ob ihre Kinder es einmal besser haben werden. Darauf müssen wir Antworten liefern, die im Alltag zu spüren sind.“ Die CDU solle lieber „weniger versprechen und es dann auch halten, als allzu vollmundige Ankündigungen zu machen, an denen wir nachher gemessen werden“.

In Berlin gibt sich Wüst kämpferisch. Man dürfe sich nicht darauf verlassen, dass die AfD sich selbst entzaubere, sagt der Ministerpräsident bei der Wahlkampfveranstaltung. Die CDU müsse um das Vertrauen der Enttäuschten kämpfen, auch wenn das oft unbequem sei: „Demokratie lebt vom Gespräch. Wir müssen das Gespräch mit denen suchen, die nicht unserer Meinung sind.“

Das kommt gut an. Wüst lächelt in die Kameras. Der Tag hätte schlechter laufen können.