Savita Wagner aus Bonn starb in der Ukraine. Um ihre Mutter zu schützen, verschwieg sie ihr Dasein als Frontsanitäterin.
Ihr geheimes Leben an der FrontBonnerin Savita Wagner starb als Sanitäterin in Ukraine

Savita Wagner ist in der Ukraine unvergessen - immer wieder wird mit Blumen und Fotos an sie erinnert.
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Ula Wagner hielt die Mitteilung über den Tod ihrer Tochter an der ukrainischen Front anfänglich für einen Irrtum. Ihr war zwar bekannt, dass Savita sich freiwillig der ukrainischen Armee angeschlossen hatte. Jedoch ging sie von einer Tätigkeit als Sanitätshelferin aus, die 50 Kilometer vom Kampfgeschehen entfernt stattfand. Diese Information hatte sie stets von ihrer Tochter erhalten. Die Vorstellung ihres Todes schien ihr daher ausgeschlossen.
Es stellte sich jedoch heraus, dass Savitas tatsächliche Aufgabe die einer Frontsanitäterin war. Sie agierte stets an den Orten mit dem höchsten Risiko. Bei dem Versuch am 31. Januar 2024, zwei verwundete Kameraden zu retten, traf ein Schrapnell ihre Halsschlagader tödlich. Nur einen Tag vorher war sie einem ähnlichen Splitter knapp entgangen. In ihrem Tagebuch notierte sie als letzte Worte: «Ich habe so viel Glück wie kein anderer Mensch auf dieser Welt!» Savita Wagner verstarb im Alter von 36 Jahren.
Von Bonn in den Krieg: Ein freiwilliger Entschluss
Savita Wagner bezeichnete ihre Existenz an der Front als «die Hölle». Diesen Weg hatte sie jedoch aus eigenem Antrieb gewählt. Ihr früheres Leben, das sie dafür aufgegeben hatte, war im Kontrast dazu eine intakte Welt. Ihre Mutter Ula wohnt in der Bonner Innenstadt, in einer jener Straßen, die erst kürzlich wegen der Kirschblüte zahlreiche Besucher anlockten.
Einige Fotografien an der Wand zeigen Savita in jungen Jahren. Eines der Bilder hält den Moment fest, wie sie ihre von einer Geschäftsreise heimkehrende Mutter freudig in die Arme schließt. Sie erlebte eine beschützte Kindheit während der 90er-Jahre. Niemand hätte zu dieser Zeit geahnt, dass ihre letzte Ruhestätte auf der «Allee des Ruhms» eines Friedhofs in Kiew sein würde.
«Savita war überhaupt kein Kriegstyp», versichert ihre Mutter, die heute 73 Jahre alt ist. «Sie hat sich nie einen Kriegsfilm angeschaut, sie konnte kein Blut sehen. Hätte mir das alles vor fünf Jahren jemand gesagt, hätte ich geantwortet: völliger Quatsch.» Im Anschluss an ihr Abitur nahm Savita ein Medizinstudium auf, das sie jedoch zur Hälfte abbrach, um in Halle ein Studium der Mathematik zu beginnen.
Über das Internet machte sie die Bekanntschaft des Kanadiers Karl Stenerud. Das Paar schloss die Ehe, und er siedelte seinen Arbeitsplatz als Softwareexperte nach Deutschland um. Der 24. Februar 2022 markierte mit dem russischen Angriff auf die Ukraine einen Wendepunkt.
Die damalige Empörung war weit verbreitet, doch für Savita Wagner schien sie eine tiefere Bedeutung zu haben. Ula Wagner fasst die Sichtweise ihrer Tochter so zusammen, dass deren Zuhause und ganz Europa attackiert worden seien, wodurch Freiheit und Demokratie auf dem Spiel stünden. Savita wollte praktisch helfen und registrierte sich als Fahrerin für den Transport von Hilfsgütern. Dies war ein politisch motivierter Schritt.
Der Weg an die Front und die verborgene Gefahr
Später transportierte sie einen Journalisten nach Butscha. Dort wurde sie Zeugin der auf den Straßen liegenden Opfer des Massakers, das von russischen Einheiten begangen wurde. Dies war ein prägendes Ereignis für sie. Anschließend war sie überzeugt, dass ihr bisheriges Engagement nicht genügte. Sie durchlief eine militärische Schulung und diente fortan unter dem Kampfnamen «Snake» als Sanitäterin an der Front.
In der Diele ihrer Wohnung hat Ula Wagner eine kleine Gedenkstätte für ihr einziges Kind gestaltet. Darauf befindet sich auch eine Aufnahme, die Savita in Uniform, mit Schutzweste und Waffe an der Front abbildet. Ihre Haltung ist aufrecht, und ein leichtes Lächeln umspielt ihre Lippen. Ihre Mutter kommentiert: «Ich sehe Stolz und Zufriedenheit in ihrem Blick».
In ihren Tagebuchaufzeichnungen gestand Savita jedoch freimütig: «Natürlich habe ich Angst.» Sie fürchtete sich vor Verletzungen oder Lähmung. Ebenso befürchtete sie, in Gefangenschaft zu geraten und als Trophäe zur Schau gestellt zu werden. «Aber ich habe keine Angst, im Kampf zu sterben.» Aus diesem Grund wünschte sie kein Mitleid, sollte dieser Fall eintreten.
In akut bedrohlichen Lagen blieb ihr keine Zeit für Furcht. In solchen Momenten herrschte reine Konzentration. Möglicherweise stand dies im Zusammenhang mit ihrer Autismus-Diagnose. «Ich "fühle" nichts, solange ich ein Ziel vor Augen habe», bemerkte sie. «Ich weiß nicht, ob das Professionalität ist oder eine autistische Eigenschaft. Auf jeden Fall bin ich glücklich, dass mein Gehirn so arbeitet.»
Die pensionierte Verwaltungsfachfrau Ula Wagner hatte keine Kenntnis von diesen Umständen. Savita führte zwar einen Blog, um ihre Gedanken zu teilen, doch ihre Mutter in Bonn erfuhr davon nichts. Ob sie es vielleicht nicht wissen wollte? «Nein», erwidert sie nach einer kurzen Pause. «Ich habe wirklich nichts geahnt.» Ein Video existiert, das Savita ihr von einem vermeintlichen Standort in einer Arztpraxis, 50 Kilometer von der Front entfernt, zusandte. Es fängt an mit den Worten: «Hallo Mama». «Ich dachte, du freust dich vielleicht über ein Video. Hier arbeite ich als eine Art Krankenschwester.»
Die harte Realität des Krieges
Ihre tatsächliche Lebenssituation wird in einem anderen Video deutlich, gefilmt von einem ihrer Kameraden: Man sieht Soldaten im Schützengraben, während Projektile über ihre Köpfe hinwegfliegen. Eine Detonation folgt, begleitet von Schreien. Doch die permanente Bedrohung war nicht das Einzige, woran sie sich gewöhnen musste. «Es ist immer kalt und feucht. Alle Sachen, die Kleidung, der Schlafsack, einfach alles ist ständig feucht. Es gibt überall Insekten, Spinnen und Schnecken. Im Bett, im Essen, unter der Kleidung.»
Macht die Mutter ihr einen Vorwurf, die Wahrheit verschwiegen zu haben? Die Antwort ist nein. «Sie hat das getan, um mich zu schützen. Ich hätte sonst kein Auge mehr zugetan. Genauso wie Karl, ihr Mann. Mir hat sie das erspart. Und verhindern können hätte ich es sowieso nicht. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie nicht davon abzubringen.»
Da Savita trotz mehrfacher Bitten nicht für einen Urlaub nach Deutschland zurückkehren wollte, kündigte Ula Wagner schlussendlich einen eigenen Besuch an. «Da bekam sie dann Panik. Welchen Schützengraben hätte sie als Adresse angeben sollen?»
Die Lage entspannte sich, als Savita ein Treffen Anfang Januar 2024 in Kiew vorschlug, bei dem auch ihr Ehemann Karl anwesend sein würde. Während dieses Wiedersehens bemerkte Ula Wagner die starke Veränderung ihrer Tochter. «Ich hatte den Eindruck, da steht ein anderer Mensch vor mir. Es waren vor allem ihre Augen, die sich so verändert hatten. Die hatten eine Tiefe, die vorher nicht da war. Heute ist mir natürlich klar, warum. Diese Augen haben Dinge gesehen, die man nicht sehen will.»
Ein Vermächtnis in Bonn
Am Valentinstag, einen Monat darauf, reiste Ula Wagner erneut nach Kiew, dieses Mal zur Beisetzung ihrer Tochter. Erst zu diesem Zeitpunkt wurde ihr bewusst, dass Savita durch ihre Tätigkeit als Sanitäterin an der Front zahlreichen Menschen das Leben gerettet hatte. Die genaue Anzahl ist unbekannt.
Für ihre Tapferkeit wurde Savita mit vier Medaillen ausgezeichnet. Das Haus der Geschichte in Bonn hat auf eigenen Wunsch zwei dieser Auszeichnungen in seine Sammlung integriert. Ebenfalls aufgenommen wurden Savitas Stiefel, ihr Helm, ihre Feldjacke sowie ihr Tagebuch von der Front. Dieses Tagebuch wurde mittlerweile unter dem Titel «Eine Deutsche im Ukraine-Krieg» als Buch publiziert.
«Es ist mir wichtig, dass sie nicht vergessen wird», erklärt Ula Wagner. Sie möchte zudem das Vermächtnis ihrer Tochter fortführen. Aus diesem Grund befindet sie sich in der Gründungsphase einer Stiftung. Ein Teil des Verkaufserlöses ihres Elternhauses in der Bonner Altstadt soll in diese Stiftung einfließen. Die Mittel sind unter anderem für Hilfsprojekte in der Ukraine vorgesehen. Auf die Frage, was Savita dazu sagen würde, lächelt Ula Wagner. «Sie würde sagen: "Mama, machst du richtig."» (dpa/red)
Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.