Doha – Nachts auf den Straßen von Doha ist es taghell. Große Scheinwerfer strahlen die Baustellen an, auf denen wenige Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft rund um die Uhr gearbeitet wird. Hotels werden noch fertiggestellt, Gehwege gepflastert, Fanzonen gebaut. Und damit alles schön grün ist, werden Bäume gepflanzt, Rasen wird verlegt. An der Corniche, der Wasserpromenade gegenüber der glitzernden Skyline, soll es besonders hübsch werden.
Nachts gegen halb zwei gähnt einer der Arbeiter tief und setzt sich kurz. Die Augen sind klein, der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Das Wetter ist drückend in Katar. Anfang Oktober sind es selbst nachts noch Mitte 30 Grad. Bis zur WM soll es sich abkühlen. Gerade ist die Luftfeuchtigkeit so hoch, dass sie vor einem Restaurant in Doha Eimer aufgestellt haben, um das vom Dach tropfende Kondenswasser zu sammeln.
Die Männer auf der Baustelle sind dick vermummt. Mittags, wenn es in diesen Tagen noch 41 Grad heiß ist, schützen sie sich so vor der Sonne, nachts vor dem Staub. Der Mann auf der Baustelle gähnt noch einmal. Feierabend? „Nein“, sagt er und schüttelt den Kopf. Bis neun, zehn Uhr morgens müsse er noch. Wann er angefangen habe? Der Mann aus Südostasien winkt ab. Lange Tage? Er nickt und geht wieder an die Arbeit. Einer seiner Kollegen, offenbar sein Vorgesetzter, schaut schon misstrauisch.
Katar: Menschenunwürdige Unterkünfte
Seit der Vergabe des Turniers 2010 an das Emirat prägt die Kritik an den Arbeitsbedingungen der Migranten die Diskussion. Bei der Fahrt durch die Straßen des Industriegebietes kann man erahnen, unter welchen Bedingungen die Menschen hier leben. Staubig ist es. Die Baracken der Arbeiter liegen zwischen Zementfabriken, Werkstätten, Lagerhäusern und Schrottplätzen. Zwischen 1,5 und zwei Millionen Menschen leben hier, Sie kommen aus Bangladesh, Nepal, Pakistan, Indien, Sri Lanka – und immer häufiger aus afrikanischen Ländern, weil Arbeiter von dort noch günstiger sind. Fenster gibt es kaum. Die Türen sind verrammelt, um dem Dreck keine Möglichkeit zu geben hineinzugelangen.
Im WM-Land
Weniger als einen Monat ist es noch bis zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Es wird das erste Turnier dieser Art sein, das im Winter stattfindet, das erste in einem arabischen Land. Für eine Woche war Susanne Fetter mit einer kleinen Gruppe von Kollegen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, organisiert von der Wiener Journalistenakademie fjum, im Land des WM-Gastgebers und hat sich umgesehen.
Bis zum Start der WM am 20. November nähern wir uns in einer Serie diesem besonderen Turnier, das von so viel Kritik begleitet wird. Wir wollen zeigen, wie es aussieht, in einem Land, auf das bald die ganze Welt schaut und über das viele sprechen, das die meisten aber noch nicht gesehen haben. (EB)
Florian Bauer, sportpolitischer Journalist, hat die Unterkünfte schon von innen gesehen. „Es ist menschenunwürdig, wie diese Arbeiter dort zusammengepfercht leben“, sagt er. „Auf zwölf, 14 Quadratmetern wohnen sechs, acht, zehn oder zwölf Leute auf Stockbetten. Unter dem Bett lagern Kartoffeln, Ingwer, Knoblauch, davor steht ein sehr kleiner Schrank“, sagt Bauer: „Ein Leben in der Schuhschachtel.“
Am Rand des Industriegebietes befindet sich ein riesiger Parkplatz. Tausende Busse fahren von hier die Arbeiter zu den Baustellen und holen sie wieder ab. Im katarischen Winter starten die ersten Busse um fünf Uhr morgens, gegen sechs Uhr bringen sie die Nachtschicht zurück. Acht bis zwölf, manchmal auch 13 Stunden sind die Arbeiter im Einsatz.
„Guardian“ spricht von 6500 gestorbenen Arbeitern
Lauscht man den Ausführungen von Mahmoud Qutub, im WM-Organisationskomitee zuständig für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, könnte man meinen, Katar und die FIFA seien Anwärter auf einen Menschenrechtspreis. Während etwa die britische Zeitung „Guardian“ im Februar 2021 von 6500 gestorbenen Arbeitern in Katar seit der Vergabe der WM im Jahr 2010 sprach, nennt Qutub drei Tote auf den WM-Baustellen in diesem Zeitraum. Max Tuñón hat wieder andere Zahlen parat. Er arbeitet für die internationale Arbeiterorganisation ILO, eine Sondereinrichtung der UN, die von Katar finanziert wird. 50 arbeitsbezogene Todesfälle, sagt er, habe es 2020 gegeben.
Woher rühren die Differenzen? Vor allem daher, dass es kaum belegbare Zahlen gibt, aber viele Fragen: Was ist ein Arbeitsunfall, was nicht? Zählt man nur die Toten auf den WM-Baustellen oder alle gestorbenen Gastarbeiter im Land? Schließlich sind viele wegen des Turniers in Katar, auch wenn nicht alle an Stadien mitbauen. Und was ist mit Männern, die erschöpft in der Pause oder im Schlaf sterben?
Kaum belegbare Zahlen
Der Menschenrechtler Nick McGeehan von der Organisation Fair Square mahnt an, dass „69 Prozent der Todesfälle nicht aufgeklärt sind“. Oft wird Herzversagen als Todesursache genannt. Woher es rührt, ist unbekannt. Auch weil die Arbeiter kaum Zugang zum Gesundheitssystem haben – obwohl die Arbeitgeber dies gewähren müssten. Es ist eine der Änderungen, die es in Katar geben sollte, seitdem sich das Land 2020 zumindest offiziell vom Kafala-System verabschiedete. Doch die Modernisierung geht schleppend voran.
Das Kafala-System basiert auf dem Prinzip der Bürgschaft. 2013 hat der deutsche Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer in Katar „keinen einzigen Sklaven g’sehn“. Er hat nicht genau hingeschaut. Denn dieses System ist moderne Sklaverei. Der Arbeitgeber bestimmt die Arbeitsdauer. Er kann Pässe einziehen und Lohn vorenthalten. Ob der Fokus der WM geholfen habe, überhaupt etwas zu verbessern? McGeehan braucht nur ein Wort: „No!“ ILO-Chef Tuñón sieht das anders. Auch wenn er gesteht: „Wir sprechen nicht von der Abschaffung des Kafala-Systems. Aber wir haben die größten Probleme abgebaut.“
Mindestlohn bei 300 Euro
Im Emirat fühlt man sich daher oft missverstanden. Man mache doch schon so viel. In anderen Regionen des Golfs gibt es nicht einmal einen Mindestlohn. In Katar schon. Er liegt, je nach Umrechnungskurs, zwischen 260 und 300 Euro. Mehr als in anderen Ländern am Golf. Lächerlich im Vergleich zu einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, das bei 104000 Euro liegt – vermutlich deutlich darüber.
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Alle ein bis zwei Jahre sind die Gastarbeiter sechs bis acht Wochen zu Hause. Die Flüge sind teuer. Dennoch werden zur WM wohl einige in die Heimat fliegen – nicht alle freiwillig. Viele Bauprojekte sind abgeschlossen, andere stehen wegen der WM still. Entledigt man sich so eines Teils der Arbeiter, um sie nicht weiter bezahlen zu müssen? Oder um sie aus der Öffentlichkeit zu halten? Schon jetzt dürfen die Arbeiter am Wochenende nicht die großen Einkaufszentren besuchen. Wenn die reichen Familien shoppen gehen, wollen sie kein Elend sehen.


