Köln – Die Kölner Grünen im Höhenflug: Seit Annalena Baerbock am 19. April ihre Kanzlerkandidatur bekannt gegeben hat, erlebt der Kreisverband Köln ein nie dagewesenes Wachstum. Stand gestern hatten 2573 Kölnerinnen und Kölner ein grünes Parteibuch – 360 mehr als bei Baerbocks Antritt vor zehn Wochen und 1600 mehr als Anfang 2018. Parteichefin Katja Trompeter ist begeistert. „Es freut uns total, dass uns nicht nur viele Menschen wählen, sondern sich auch aktiv bei uns einbringen wollen.“
Doch wer sind die neuen Grünen, warum sind sie eingetreten? „Es ist eine Mischung von Menschen mit unterschiedlichsten Interessen – von der Kommunal- bis zur Bundesebene“, so Trompeter. Das Spektrum reiche von engagierten Klimaschützern bis hin zu stillen Unterstützern. Corona-bedingt fanden Treffen monatelang nur virtuell statt, was die Integration der Neuen erschwert hat. Wir haben mit zwei von ihnen gesprochen.
„Schon länger überlegt, in eine Partei einzutreten“
Studentin Meret Lenze (21) ist in Ehrenfeld aufgewachsen. Im Mai kam sie zu den Grünen. Sie habe sich schon als Jugendliche für Politik und Geschichte interessiert, sich mit dem Nahostkonflikt befasst und ein freiwilliges soziales Jahr in Israel absolviert, erzählt die junge Frau, die auf „Fridays-for-future“-Demos für konsequenten Klimaschutz protestiert. Warum die Grünen? „Ich hatte schon länger überlegt, in eine Partei einzutreten. Als ich ein Praktikum im NRW-Landtag gemacht und mir die Plenardebatten angehört habe, gefielen mir die Redebeiträge der Grünen am besten.“ Baerbocks Kanzlerkandidatur habe dann den Ausschlag gegeben.
„Mir gefällt gut, dass die Grünen eine junge Partei sind und Aufbruchstimmung verbreiten. Dass sie so stark geworden sind und vielleicht sogar die Kanzlerin stellen können, lässt mich hoffen, dass sich jetzt wirklich etwas bewegt “, meint Lenze.
Die Politik dürfe nicht mehr warten, sondern müsse jetzt sofort handeln. „Wir stehen vor einer Klimakatastrophe. Uns läuft die Zeit davon.“ Die Interessen der jungen Generation würden zu oft außer Acht gelassen. „Junge Menschen haben in der Politik keine starke Stimme.“ Zu ihrer Motivation für den Parteieintritt sagt die Kölnerin: „Ich will mich nicht nur aufregen, sondern aktiv etwas ändern.“
Schon einmal in der Politik
Bildung und soziale Gerechtigkeit seien für sie zentrale Themen. „Bildung ist das höchste Gut, aber sie hat in der Politik nicht den Stellenwert, den sie verdient.“ Sie freue sich schon auf den bevorstehenden Bundestagswahlkampf, so Lenze. „Ich möchte mit den Menschen ins Gespräch kommen und bin gespannt, welche Fragen sie haben.“ Ein Amt in der Kölner Politik strebe sie derzeit aber nicht an – denn möglicherweise stehe fürs Studium demnächst ein Wechsel in eine andere Stadt an.

Zwei Grüne, zwei Generationen: Meret Lenze (21) und Hans-Bernhard Lahme (79) sind beide im Mai bei den Kölner Grünen eingetreten, die seit der Kanzlerkandidatur von Annalena Baerbock 360 neue Mitglieder aufgenommen haben.
Copyright: Thomas Banneyer
Auch Hans-Bernhard Lahme (79) aus Urbach ist im Mai eingetreten. 29 Jahre lang hat der Jurist als Unternehmensberater in Polen gearbeitet und gelebt, seit 2020 wohnt er wieder in Köln, wo er früher eine Anwaltspraxis hatte. Parteipolitisch aktiv war er auch schon mal – von 1972 bis 1982 engagierte er sich in Köln und im Erftkreis in der FDP. „Die war mir dann aber zu sehr auf Wirtschaft fixiert. Das war nicht meine Vorstellung von liberal.“
39 Jahre später zieht es ihn wieder in die Politik, auch er wurde durch Baerbocks Kandidatur inspiriert. „Die Frau hat Charisma.“ Als Rentner nur Hobbys zu frönen, sei ihm zu langweilig, betont Lahme. „Dafür bin ich zu neugierig. Neugierde macht einen zehn Jahre jünger.“
Verhaltene Reaktionen
Daher habe er beschlossen, wieder in der Politik mitzumischen, und sich das gut überlegt. „Ich habe mir die Programme der Parteien durchgelesen und fand das der Grünen am besten“, so der vierfache Familienvater. Die Reaktionen im Freundeskreis auf den Parteieintritt seien verhalten ausgefallen. „Das reichte von Augenbrauen hochziehen bis: Wie konntest du nur?“ Jetzt will sich Lahme mit seiner Erfahrung in die Parteiarbeit einbringen. „Mehr in der Strategie als beim Plakatekleben auf der Leiter“, so der 79-Jährige.
Einen digitalen Neumitgliederabend hat er schon hinter sich, nun hofft er, dass bald wieder persönliche Treffen möglich sind. Worauf es ihm ankommt? „Umwelt- und Klimaschutz halte ich für Jahrhundertaufgaben. Dazu kommt die soziale Gerechtigkeit.“ Mit Blick auf Umfragen, in denen die Grünen erst die CDU überflügelten und dann wieder zurückfielen, meint Lahme, die Ökopartei habe „viele gute Ideen, verkauft sich aber oft schlecht. Die Öffentlichkeitsarbeit der Grünen ist durchaus verbesserungswürdig.“
Das könnte Sie auch interessieren:
Man müsse in der Partei auch „den Drang bremsen, alles sofort und gleichzeitig durchsetzen zu wollen“. Bei Großstädtern kämen die Grünen hervorragend an, doch es fehle ihnen bislang ein überzeugendes Programm für den ländlichen Raum. „Wenn sie das hätten, würden sie jede Wahl gewinnen.“

