Die Ukraine setzt ihre Angriffsserie fort – und sorgt für sichtbar miese Stimmung in Russland. Putin setzt wohl dennoch auf Eskalation.
Angriffe zeigen deutliche Wirkung„Dieb, Mörder, Versager“ – In Russland wächst die Wut auf Putin

Ein brennendes Wildberries-Lagerhaus in Russland. Die Ukraine hat den russischen Onlinehändler in den vergangenen Wochen mehrfach angegriffen – und damit für Frust in Russland gesorgt. (Archivbild)
Copyright: Telegram/Exilenova+
Die Ukraine hat ihre Angriffsserie gegen strategisch wichtige Ziele in Russland in der Nacht auf Freitag (7. August) erneut fortgesetzt. Nach einem neuen Drohnenangriff ist ein Feuer in einem Logistikzentrum des russischen Onlinehändlers Wildberries ausgebrochen. Die Feuerwehr sei im Logistikzentrum des Unternehmens in Jekaterinburg im Einsatz, erklärte Wildberries. Das Personal sei rechtzeitig evakuiert worden.
Wildberries ist in Russland sehr beliebt und wird häufig als „russisches Amazon“ bezeichnet. Seit Mitte Juli wurden nach Angaben russischer Behörden rund 20 Standorte von Wildberries in verschiedenen Teilen Russlands und auf der von Moskau annektierten ukrainischen Halbinsel Krim angegriffen.
„Beeinflussungsoperation“ wird zum Erfolg
Die Angriffe auf den Onlinehändler geschehen im Rahmen der erklärten ukrainischen Strategie, den Krieg „nach Russland zu tragen“, wie der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj erklärt hatte. Selenskyj hatte zudem von einer mysteriösen „40-tägigen Beeinflussungsoperation“ der ukrainischen Geheimdienste gesprochen, um Moskau zu einem Kriegsende zu bewegen – diese Ankündigung ist nun genau 40 Tage her.

Kremlchef Wladimir Putin bleibt auf Kriegskurs. (Archivbild)
Copyright: AFP
Der Krieg ist nicht vorbei – und dennoch kann die Ukraine die Angriffsserie als Erfolg verbuchen. Nicht nur zahlreiche Wildberries-Logistikzentren gingen in Flammen auf, auch die Drohnenangriffe gegen die russische Ölinfrastruktur wurden erfolgreich fortgesetzt – erst am Donnerstag (6. August) ging eine der größten russischen Raffinerien in Jaroslawl in Flammen auf.
Nahezu täglich neue Putin-Kritik in russischen sozialen Netzwerken
Rund 40 Prozent der Raffineriekapazitäten soll Russland nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters mittlerweile eingebüßt haben. Immer wieder kursieren Aufnahmen von langen Schlangen an russischen Tankstellen. Immer mehr wütende Videos von russischen Bürgerinnen und Bürgern landen im Netz – und belegen so, dass die andauernden Angriffe bei der Bevölkerung ihre Wirkung entfalten.
Der Ton ist dabei für russische Verhältnisse mitunter ungewohnt scharf – und ungewohnt kritisch gegenüber Kremlchef Wladimir Putin. Auch in dieser Woche kursierten wieder entsprechende Wortmeldungen in russischen Telegram-Kanälen.
„Mögen alle, die diesen Krieg begonnen haben, verflucht sein“
„An jeden verdammten Mistkerl, der diesen Krieg unterstützt, darauf wartet, dass die ‚militärische Spezialoperation‘ ihre Ziele erreicht, und immer noch dieses Blutvergießen will: Geht und kämpft darin und sterbt dort“, schimpft eine Russin in einem der Videos aus dieser Woche etwa. „Mögen alle, die diesen Krieg begonnen haben, verflucht sein. Aber noch mehr verfluche ich diejenigen, die ihn am Laufen halten“, heißt es weiter.
In einem anderen Video wendet sich ein Russe direkt an Putin: „Wladimir Wladimirowitsch, ich möchte Ihnen im Namen der Mehrheit des Volkes, das Angst hat, die allgemeine Meinung übermitteln: dass Sie ein Dieb, ein Mörder und ein Versager sind – und außerdem einfach nur ein Dreckskerl. Ich bin dagegen, dass mein Staat zu einem faschistischen Staat wird“, heißt es dort.
Wut und Frust in Russland sichtbarer
Aus den vergangenen Wochen lassen sich zahlreiche weitere Beispiele für die steigende Wut und den Frust in Russland finden. Weiterhin gibt es jedoch auch viele Russen, die den Krieg weiterhin unterstützen, wie aus Befragungen etwa des unabhängigen russischen Online-Nachrichtenportals „Sota“ hervorgeht.
Dennoch sehen Experten in der ukrainischen Kampagne einen Erfolg. „Das formale außenpolitische Ziel wurde zwar nicht erreicht, doch die neue ukrainische Kampfstrategie des massiven Einsatzes von Langstrecken-Drohnen zur Schädigung der russischen Wirtschaftsinfrastruktur hat sich in dieser Zeit als erfolgreich erwiesen“, sagte etwa der Osteuropa-Experte Andreas Umland der „Bild“-Zeitung.
Experte: Stimmung in Russland „merklich verändert“
Die Stimmung in Russland habe sich in den vergangenen Wochen „merklich verändert“, erklärte Umland weiter. „Es ist eine immer stärkere Polarisierung zwischen Befürwortern und Gegnern einer Fortsetzung des Krieges zu beobachten.“
Der Militärexperte und Politikwissenschaftler Carlo Masala betonte gegenüber „Bild“ unterdessen, dass die Ukraine ihre Angriffsserie fortsetzen müsse, um Russland ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. „Entscheidend wird sein, ob die Ukraine das operative Tempo aufrechterhalten kann. Nur dann können sich daraus wirklich spürbare Folgen für Russland ergeben“, so Masala.
Kremlkritiker: „Putin ist die Verkörperung des absoluten Bösen“
Kremlkritiker wie Garri Kasparow rufen unterdessen weiterhin zum Kampf gegen Putin und sein Regime auf. „Putin ist der Feind jedes normalen, freien Menschen. Er ist die Verkörperung des absoluten Bösen, das ausgerottet werden muss“, erklärte die russische Schachlegende in dieser Woche in einem Interview. „Der Kampf gegen Putin, der Kampf gegen Putins Regime, ist Teil eines globalen Krieges zwischen den Kräften der Freiheit und der Tyrannei.“

Kremlkritiker Garri Kasparow. (Archivbild)
Copyright: IMAGO/Xinhua
Insbesondere die Russen müssten deshalb auf einen Sieg der Ukraine hoffen, führte der Kremlkritiker aus. „Es gibt für Russlands Zukunft keinen anderen Weg als die Niederlage von Putins Regime“, sagte Kasparow. „Die russische Geschichte zeigt deutlich, dass ein Wandel erst nach einer militärischen und geopolitischen Niederlage möglich ist.“
Stellt Wladimir Putin bald die Nato auf die Probe?
Dass Putin ohne eine Niederlage von seinem Kriegskurs ablässt, glaubt Kasparow unterdessen nicht – im Gegenteil. „Ich gehe davon aus, dass Putin als Nächstes die Nato auf die Probe stellen wird – höchstwahrscheinlich in Estland oder Lettland“, prophezeite der Kremlkritiker.
Denkbar sei ein Angriff mit Raketen oder Drohnen auf eine Stadt mit einem hohen Anteil an russischsprachiger Bevölkerung, „um zu zeigen, dass die Nato in Wirklichkeit nicht funktioniert“, führte Kasparow aus.
US-Geheimdienste: Eskalation „innerhalb weniger Wochen“ möglich
Diese Einschätzung deckt sich mit einer aktuellen Warnung der US-Geheimdienste, die Moskau ebenfalls auf Eskalationskurs sehen. Russland könnte „innerhalb weniger Wochen“ ein Nato-Land angreifen, um die Entschlossenheit der Allianz zu testen, warnen die US-Dienste laut einem Bericht des „Wall Street Journal“.
Zuletzt war bereits eine russische Rakete in Polen eingeschlagen. Auch nach dem Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle gilt Russland als möglicher Drahtzieher.
Signale der Entspannung kommen aus Moskau derweil weiterhin nicht. Sowohl Putin als auch Außenminister Sergej Lawrow und Kremlsprecher Dmitri Peskow haben in den vergangenen Wochen die russischen Kriegsziele bekräftigt – ungeachtet der erfolgreichen ukrainischen Angriffe und der offensichtlich angespannten Stimmung in Russland.
