- Im hohen Norden ändert sich das Klima, und viele Staaten wittern das große Geschäft im bald nicht mehr ewigen Eis.
- Die wirtschaftliche Ausbeutung scheint eine Frage der Zeit.
- Ein politisches Gremium versucht, zumindest Regeln zu setzen.
Wenn Russland in wenigen Tagen für zwei Jahre den Vorsitz im Arktischen Rat übernimmt, wird das Thema Schifffahrt im hohen Norden stärker in den Fokus rücken. Das verlautet aus Beobachterkreisen im Vorfeld des Ministertreffens des Rates am Donnerstag in Reykjavik.
„Nachhaltige Schifffahrt in der Arktis wird mit der zunehmenden Nutzung der nördlichen Routen immer wichtiger. Deshalb muss einerseits eine sichere und vorteilhafte ganzjährige Schifffahrt gewährleistet sein, einschließlich geeigneter Infrastruktur“, heißt es in einer Auflistung der russischen Prioritäten für die kommenden zwei Jahre. Gleichzeitig müsse man der Umwelt und dem Ökosystem des Arktischen Ozeans und der angrenzenden Meere mehr Aufmerksamkeit schenken: „Wir müssen die Zusammenarbeit intensivieren und Maßnahmen ergreifen, um die fragile arktische Umwelt zu schützen, zu erhalten und zu rehabilitieren.“

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Tatsächlich wird die Arktis infolge des Klimawandels und der damit einhergehenden Eisschmelze immer attraktiver für wirtschaftliche Aktivitäten; bereits in zwei Jahrzehnten könnte das Nordpolarmeer eisfrei sein. „In der Arktis tun sich neue Geschäftsfelder auf, das weckt Begehrlichkeiten“, sagt Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros beim Alfred-Wegener-Institut in Potsdam, dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. „Die wirtschaftliche Ausbeutung der Arktis wird nicht aufzuhalten sein. Es geht nun um die Art und Weise, wie das geschieht und welche Nebenwirkungen die Menschen bereit sind, in Kauf zu nehmen.“
Die Begehrlichkeiten reichen von der verstärkten Nutzung der Nordostpassage für die Schifffahrt als Abkürzung für den Handel zwischen Asien und Europa über die Förderung von Gas und Öl bis hin zur Gewinnung der für die Informationstechnologie so wichtigen Seltenen Erden oder von Uran; dabei mischen sogar schon chinesische Unternehmen auf Grönland mit. Und auch der Tourismus gilt als schnell wachsender Wirtschaftszweig im Polarkreis.
Gigantische Rohstofflager werden unter dem Eis vermutet
Der geologische Dienst der USA schätzt, dass sich etwa 13 Prozent der weltweit unentdeckten Öl- und 30 Prozent der weltweit unentdeckten Gasreserven im hohen Norden befinden. Auf die riesigen Vorkommen erheben neben Russland auch die USA und Norwegen Ansprüche. So ringen die Arktis-Anrainer zunehmend um Einfluss und Hoheitsrechte im und unter dem bald nicht mehr ewigen Eis. Für das ökologische Gleichgewicht könnte all das massive Folgen haben.
Arktischer Rat
Dem im September 1996 gegründeten Gremium gehören die polaren Anrainerstaaten Kanada, Dänemark (über Grönland und die Färöer-Inseln), Finnland, Island, Norwegen, Russland, Schweden und die USA an sowie sechs Organisationen, die die indigene Bevölkerung in der Polarregion vertreten. Letztere haben ein Vetorecht. 13 Länder, darunter Deutschland, China, Japan, Frankreich und Großbritannien, genießen Beobachterstatus.
Der Rat ist das wichtigste Forum der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit, wenn es um die Arktis geht. Er konzentriert sich vor allem auf Fragen der nachhaltigen Entwicklung und des Umweltschutzes in der Arktis sowie die Lebensumstände der indigenen Bevölkerung.
Etwa alle sechs Monate hält der Rat Treffen der leitenden arktischen Beamten ab, erstellt Studien und Handlungsempfehlungen. Alle zwei Jahre gibt es ein Ministertreffen wie jetzt im isländischen Reykjavik. Der Vorsitz wechselt alle zwei Jahre zwischen den Anrainerstaaten. Bis 2023 ist jetzt Russland am Ruder.
Die Richtlinien und Empfehlungen des Arktischen Rates sind grundsätzlich nicht rechtsverbindlich, ihre Umsetzung liegt in der Verantwortung der Mitgliedstaaten. (thl)
Bis heute gehört der Nordpol grundsätzlich niemandem, weder über dem Eis noch darunter. Das legt das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen fest. Demnach haben Küstenstaaten einen Anspruch auf eine 200 Seemeilen messende, am jeweiligen Festland beginnende Wirtschaftszone.
Die Arktis-Anrainerstaaten mit direktem Zugang zum Arktischen Ozean sind Russland, die USA, Kanada, Dänemark und Norwegen. „Mithilfe geologischer Forschung versuchen Staaten wie Russland oder Dänemark den Festlandsockel allerdings als Fortsetzung des Landgebiets soweit es geht für sich zu reklamieren – was gemäß UN-Seerechtsübereinkommen zulässig ist“, sagt Arktis-Experte Rachold. Seit Jahren beschäftigt sich eine UN-Kommission mit den teilweise überlappenden Ansprüchen auf territoriale Ausdehnung – bislang ohne Ergebnis.
Russland rüstet auf
Der Kampf um Macht im hohen Norden geht mit militärischer Aufrüstung einher. So baut Russland seine militärischen Fähigkeiten in der Arktis so stark aus wie nie seit Ende seit Ende des Kalten Krieges. Die Nato erfüllt das mit wachsender Sorge. Russland habe seine Nordflotte einschließlich aller U-Boote erheblich modernisiert, zudem installiere Moskau neue Waffensysteme, darunter die nukleare Unterwasserdrohne „Poseidon“ und neue Radaranlagen.
Dass internationale Interessenkollisionen in der Polarregion bislang nicht aus dem Ruder laufen, ist vor allem wohl dem Arktischen Rat zu verdanken. „Wenn es ihn nicht schon gäbe, müsste man den Arktischen Rat erfinden“, sagt Volker Rachold. Er sei als Vertrauen bildendes Forum unersetzlich. Allerdings werden sicherheitspolitische und militärische Themen bislang bewusst ausgeklammert. Kritiker merken an, das sei nicht länger zeitgemäß, nötig sei ein Neustart der „Arktischen Gouvernance“.
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Skeptiker sehen die Erfolge aus den vergangenen 25 Jahren nüchtern, bestehend vor allem aus Studien und Handlungsempfehlungen zu Klimawandel, Schifffahrt, Tourismus sowie Flora und Fauna. Es kam aber nur zu drei verbindlichen Abkommen in den Bereichen Suche und Rettung in der Arktis (2011), Vorbereitung auf Fälle von Ölverschmutzung (2013) und verbesserte wissenschaftliche Zusammenarbeit (2017).
Der ranghöchste russische Beamte für die Arktis, Botschafter Nikolaj Kortschunow, erklärte jüngst, sein Land werde sich während seines Vorsitzes im Arktischen Rat „für die Stärkung der arktischen Kooperation einsetzen, um die Arktis als ein Gebiet des Friedens und der konstruktiven Zusammenarbeit zu erhalten“.
Doch wie sind die Aussichten? Wie wahrscheinlich ist es, dass sich ökonomische Aktivitäten und Ökologie in der Arktis als einem der letzten weitgehend unberührten Territorien der Welt ausbalancieren lassen? Die Zukunft wird es zeigen.

