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Top-Ökonom nach Prognose gefeuert„Apokalypse“ in Moskau – aber Putin nimmt Kriegsgegner ins Visier

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Ein vom ukrainischen Verteidigungsministerium veröffentlichtes Bild soll den Großbrand in einem Wildberries-Lager nahe Moskau zeigen.

Ein vom ukrainischen Verteidigungsministerium veröffentlichtes Bild soll den Großbrand in einem Wildberries-Lager nahe Moskau zeigen.

Aus der Ukraine kommen nach einem Großangriff hämische Worte – der Kreml bleibt indes auf Eskalationskurs und geht gegen Kriegsgegner vor.

Nachdem die Ukraine ihre Angriffsserie gegen Ziele tief in Russland am Wochenende fortgesetzt hat, bleibt die Lage in Russland angespannt – und die Repressionen gegen Kriegsgegner in der Bevölkerung nehmen zu. Ukrainische Drohnen hatten am Sonntag erneut für – wie es in ukrainischsprachigen sozialen Netzwerken oftmals hieß – „apokalyptische Szenen“ in der Region Moskau gesorgt. Russische Behörden sprachen von einem Angriff mit rund 600 Drohnen auf das Umland der Hauptstadt und meldeten einen der bisher größten Angriffe auf die Region.

Einige der Drohnen schlugen nach ukrainischen Angaben erneut auch in einem Logistikzentrum des russischen Online-Versandhändlers Wildberries ein. „Am Sonntagabend, nach einem großangelegten Drohnenangriff auf die Region Moskau, stellte das Logistikzentrum des Unternehmens im Industriepark Koledino seinen Betrieb ein“, teilten die ukrainischen Streitkräfte mit.

„Es war das größte Lager von Wildberries“

„Es war das größte Lager von Wildberries nach der Fläche gerechnet – 250.000 Quadratmeter“, hieß es weiter. Sieben der zehn größten Wildberries-Lagerhäuser seien bei Angriffen in den vergangenen Wochen zerstört worden. „Die russische Logistik spürt die Konsequenzen des Krieges, den Russland in die Ukraine gebracht hat“, schrieb das Verteidigungsministerium in Kyjiw zu dem jüngsten Angriff.

In den sozialen Netzwerken und russischen Telegram-Kanälen kursierten am Sonntag entsprechende Aufnahmen. Dort waren ein Großbrand und enorme Rauchsäulen in der Region Moskau zu sehen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Videos nicht.

Drohnenhersteller zeigt Aufnahmen: „Genießen Sie Ihren Morgenkaffee“

Auch die ukrainische Rüstungsfirma Fire Point veröffentlichte Aufnahmen des brennenden Logistikzentrums – und lieferte hämische Worte dazu. „Genießen Sie Ihren Morgenkaffee, während Sie zuschauen, wie das Wildberries-Lager in Koledino in Flammen aufgeht“, schrieb die Rüstungsfirma, deren Drohnen bei vielen ukrainischen Angriffen zum Einsatz kommen, auf der Plattform X.

In Russland sorgen die ukrainischen Angriffe, die in den vergangenen Wochen auch immer wieder Öl-Raffinerien gegolten haben, unterdessen weiterhin für Wut und Unverständnis in der Bevölkerung. Erneut kursierten ebenso Aufnahmen von langen Schlangen vor russischen Tankstellen wie Videos von Russen, die sich in den sozialen Netzwerken frustriert angesichts der Angriffe auf Wildberries-Lager zeigten.

Angriffe sorgen für Frust und Unruhe in Russland: „Es ist alles vorbei“

Der Online-Händler wickelt für viele russische Kleinunternehmer die Geschäfte ab – diese stehen nun teilweise vor den Trümmern ihrer Existenz. „Es ist alles vorbei, unsere Marke existiert offiziell nicht mehr, weil nicht mehr übrig ist“, berichtete eine Russin am Montag in den sozialen Netzwerken von den Auswirkungen des Angriffs in der Region Moskau. „Acht Jahre Arbeit sind gerade den Abfluss heruntergespült worden“, fügte die Frau hinzu. 

Während die ukrainischen Angriffe spürbare Auswirkungen in Russland haben, bleibt der Kreml derweil weiterhin auf Kriegskurs. Zuletzt hatte Außenminister Sergej Lawrow Europa mit „verschärften Maßnahmen“ gedroht. Zudem drohte Moskau der Ukraine damit, dafür zu sorgen, dass die Ukrainer im Winter „frieren“ werden.

Moskau geht gegen einzige Anti-Kriegs-Partei vor

Auch die Repressionen gegen Kriegsgegner haben sich in Russland zuletzt verschärft. Am Montag bestätigte das Oberste Gericht in Moskau etwa den Ausschluss der einzigen Anti-Kriegs-Partei Jabloko von den Duma-Wahlen im September. Das Gericht lehnte die Einwände der liberalen Oppositionspartei gegen das Urteil von vergangener Woche ab. Die Erfolgsaussichten für Jabloko galten von Anfang an als düster. Die Partei werde nun eine Aufsichtsbeschwerde beim Präsidium des Obersten Gerichts einreichen, teilte Jabloko mit.

Nikolai Rybakow, Vorsitzender der Anti-Kriegs-Partei Jabloko, vor dem Obersten Gerichtshof Russlands.

Nikolai Rybakow, Vorsitzender der Anti-Kriegs-Partei Jabloko, vor dem Obersten Gerichtshof Russlands.

Ein hochrangiger Politiker der Partei wurde am Montag unterdessen zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Gericht im nordwestrussischen Pskow befand den Jabloko-Politiker Lew Schlosberg am Montag wegen „Diskreditierung der Armee“ für schuldig und verhängte gegen ihn eine Freiheitsstrafe von elf Jahren und einem Monat. Jabloko sprach von einer „Tragödie des Zerfalls der zeitgenössischen russischen Justiz“.

Der frühere Abgeordnete Schlosberg prangert Moskaus Vorgehen in der Ukraine bereits seit dem Jahr 2014 an. Im vergangenen Jahr war er wegen „Verunglimpfung“ der russischen Armee festgenommen worden. Jabloko (Russisch für „Apfel“) war 1993 von einer Gruppe pro-westlicher Politiker gegründet worden. Die Parteiführung hatte die anstehenden Wahlen zuletzt als „Referendum“ gegen das militärische Vorgehen in der Ukraine dargestellt.

Top-Ökonom sagt Russlands Niederlage voraus – und wird gefeuert

Bereits am Sonntag war das harte Vorgehen gegen Kriegs- und Regierungskritiker in Russland offensichtlich geworden. Nachdem er Russland in seinem Abnutzungskrieg gegen die Ukraine eine Niederlage vorhergesagt hat, hat der prominente Ökonom Andrej Klepatsch seinen Job verloren. 

Kremlchef Wladimir Putin bleibt auf Kriegskurs. (Archivbild)

Kremlchef Wladimir Putin bleibt auf Kriegskurs. (Archivbild)

Das Staatsunternehmen VEB.RF, Russlands führende Institution für wirtschaftliche Entwicklung, habe seinen Chefökonomen entlassen, berichteten mehrere russische Medien am Sonntagabend. Klepatsch war zuvor mit Äußerungen zitiert worden, nach denen es für Russland unmöglich sei, den Abnutzungskrieg gegen die Ukraine zu gewinnen. Der Ökonom zeigte sich auch überzeugt, dass Russland auf eine Krise zusteuere.

Kremlchef auf Kriegskurs: Wladimir Putin will Ziele erreichen

Die Zeitung „The Moscow Times“ hatte über einen Vortrag von Klepatsch in einem Klub der Moskauer Börse berichtet, in dem der Ökonom bereits im Mai der Ukraine ein wirtschaftliches Überleben bescheinigt hatte. „Wir geben uns der Illusion hin, dass dort [in der Ukraine] alles zusammenbrechen wird. Es ist nicht zusammengebrochen und wird auch nicht zusammenbrechen“, zitierte die Zeitung Klepatsch.

Russlands Kosten hingegen stiegen, das Land werde „sowohl im technologischen als auch im wirtschaftlichen Wettbewerb weltweit“ den Kürzeren ziehen, lautete hingegen die Prognose des Ökonomen für sein Heimatland. 

Die Aussagen sind deshalb brisant, weil der Machtapparat und die Staatskonzerne stets behaupteten, dass die Lage trotz aller Probleme unter Kontrolle sei. Kremlchef Wladimir Putin, der die Invasion in die Ukraine im Februar 2022 befohlen hatte, betont immer wieder, dass Russland siegen werde. Bisher ist aber nicht in Sicht, dass der Kremlchef seine Kriegsziele tatsächlich erreichen kann. In Russland nehmen zuletzt nicht nur kritische Wortmeldungen, sondern auch die wirtschaftlichen Probleme zu. (mit dpa)