Belfast – Im offenen, multikulturellen Belfast treffen sich junge Menschen in Cafés, Touristen flanieren umher, Studenten unterhalten sich vor der Universität. Dass die nordirische Stadt nach wie vor gespalten ist, wird erst nach einem kurzen Spaziergang spürbar. Getrennt von vielen Mauern, leben auf der einen Seite unionstreue Protestanten und auf der anderen Seite Katholiken, die sich als Iren verstehen. In der Stadt spiegeln sich die Zukunft und die Vergangenheit der Region wider, ebenso wie die Herausforderungen des Brexits samt des Nordirland-Protokolls – einem Teil des Abkommens zwischen der EU und Großbritannien.
Es ist die räumliche Trennung, ein konfessionelles Schulsystem und die Propaganda auf beiden Seiten, die zu Konflikten und Vorurteilen führen, ist sich der Stadtführer und Historiker Francis Higgins sicher. „Hinter Mauern leben hier viele in einer Echokammer, in welcher eine ganz bestimmte Wahrheit präsentiert wird“, sagt er. Tatsächlich zeigen Wandbilder in den Straßen Belfasts unter anderem einstige Mitglieder der „Provisional Irish Republican Army“, kurz IRA, die gewaltsam für die Wiedervereinigung mit Irland kämpften, in Heldenpose.
Erinnerungen an blutigen Bürgerkrieg
Auf der protestantischen Seite findet man an vielen Häusern dagegen Gedenktafeln, die an die Opfer der Anschläge während des blutigen Bürgerkriegs zwischen Katholiken und Protestanten, erinnern. Während diese Kämpfe teilweise über 50 Jahre zurückliegen, ist der Streit um den nordöstlichen Teil der irischen Insel, das heutige Nordirland, älter. Dort siedelten sich seit dem 17. Jahrhundert protestantische Engländer und Schotten an, die anglikanisch-britische Elite gewann an Einfluss.
Nach dem Unabhängigkeitskrieg 1920 wurde im Süden die heutige Republik Irland gegründet, Nordirland blieb Teil des Vereinigten Königreichs. Während Unionisten eine Abkoppelung von London und in der Folge eine Wiedervereinigung Irlands fürchten, setzen sich Republikaner seitdem für ein vereintes Irland und damit die Loslösung von Großbritannien ein.
Zwei Drittel der Bewohner erlebten traumatisches
Eskaliert ist dieser Ideologie- und Machtkampf zwischen Unionisten und Republikanern zwischen 1968 und 1998 während der sogenannten „Troubles“. Rund 3600 Menschen verloren ihr Leben durch politisch motivierte Gewalt, über 47000 wurden verwundet. Von den damals 1,6 Millionen Bürgern Nordirlands wurde etwa jeder zwanzigste verletzt, jeder fünfte hatte im unmittelbaren Umfeld Tote und Verletzte zu beklagen. Studien besagen, dass zwei Drittel der Bevölkerung mindestens ein traumatisches Ereignis erlebt haben.
Das gilt auch für Higgins. Der heute 60-jährige Protestant wurde als kleiner Junge Zeuge eines Bombenanschlags der IRA in Belfast. Vier Menschen starben. Kurze Zeit später musste er mit ansehen, wie ein 15-jähriger Freund vor seinem Haus erschossen wurde. Er lebte lange mit diesen Erinnerungen, gründete eine Familie. Eines Tages konnte er nicht mehr arbeiten, musste sich behandeln lassen. Die Diagnose: PTBS, Posttraumatische Belastungsstörung. „Meine Vergangenheit holte mich wieder ein“, sagt Higgins.
Die Lage entspannte sich zunächst
Obwohl die Wunden weiter schmerzen und Konflikte schwelen, entwickelte sich Nordirland vor dem Brexit in die richtige Richtung, betont die Politologin Lisa Whitten bei einem Gespräch in der Queen’s University in Belfast. Den Weg dafür ebnete das Karfreitagsabkommen, das 1998 verabschiedet wurde und zum ersten Mal die Forderungen der Republikaner nach einer Wiedervereinigung mit Irland als gleichwertig anerkannte.
Zusätzlich entspannte sich die Lage, weil es aufgrund der Reisefreiheit innerhalb der EU zwischen Nordirland und Irland keine harten Grenzen mehr gab. 2005 erklärte die IRA den bewaffneten Kampf für beendet.
Regierungskrise und Brexit schüren Ängste
Ins Wanken geriet dieses Gleichgewicht nach 2016, als die republikanische Sinn-Fein-Partei, lange Zeit politischer Arm der IRA, und die erzkonservative protestantische Partei „Demokratic Unionist Party“ (DUP) in eine Regierungskrise gerieten. Der Brexit schürte zusätzlich Ängste. Für den Austritt aus der EU ausgesprochen hatte sich die unionistische DUP 2016 selbst. Angetrieben von der Idee, die Beziehungen zu Großbritannien zu stärken, forderte sie ihre Wähler auf, für den Brexit zu stimmen.
Die ehemalige Tory-Chefin Theresa May und Noch-Premier Boris Johnson sicherten den Unionisten damals zu, dass es keine sichtbare Grenze mehr geben werde, nicht zu Irland und auch nicht zum Königreich. Doch es kam anders. Im Zuge des Nordirland-Protokolls wurde die Zollgrenze zwischen Nordirland auf der einen und Schottland, England und Wales auf der anderen Seite in die Irische See verlegt, um sichtbare Kontrollen zwischen Nordirland und Irland zu verhindern. So sollte der Frieden gesichert werden.
Protokoll steigerte wirtschaftliche Gewinne
Die britische Regierung hatte den Vertrag mit der EU 2019 ausgehandelt und unterschrieben, verschob die Einführung des Protokolls jedoch immer wieder. Auch nachdem die EU bereits Zugeständnisse gemacht hatte. Seit 2021 ist der Hafen von Belfast damit nicht nur ein Umschlagplatz für Waren, er repräsentiert auch die mit der neuen Grenze verbundene Bürokratie.
Tatsächlich hat der Handel bislang nicht unter dem Protokoll gelitten, betont Hafen-Chef Joe O’Neill. Im Gegenteil: Es habe die Gewinne gesteigert, der Frachtumschlag erhöhte sich 2021 um neun Prozent. Waren, die von Großbritannien über Nordirland nach Irland transportiert wurden, wurden bis zur vollständigen Einführung des Protokolls weniger streng kontrolliert als an der Grenze zu Irland. In Zukunft fürchten kleine Unternehmen allerdings hohe Kosten für die Bewältigung der Bürokratie.
Fragwürdige Schritte für die Partei
Für die DUP geht es aber um mehr als Handelsbilanzen. Die Mitglieder der Partei fühlen sich durch die britische Regierung betrogen und fordern die Abschaffung der Grenze in der Irischen See. Sie weigern sich, mit der irisch-republikanischen Partei Sinn Fein, die kürzlich erstmals in ihrer Geschichte die Regionalwahlen gewann, eine Regierung einzugehen.
Ein fragwürdiger Schritt für die Bewohner angesichts der Tatsache, dass es Nordirland wirtschaftlich derzeit besser geht als dem Rest des Vereinten Königreichs. Zwei von drei Top-Unternehmen in der Region wachsen, vier von zehn steigern ihren Umsatz. Nordirland profitiert durch den Brexit-Deal von zwei Wirtschaftsräumen, dem EU-Binnenmarkt und dem britischen Markt.
Gespaltene Gesellschaft
Aus Sicht der DUP betont die Grenze die Trennung zwischen dem Königreich und Nordirland in einer Zeit, in der eine Wiedervereinigung mit Irland immer wahrscheinlicher wird. Für viele unionistische Protestanten ein Horrorszenario. Nicht nur, weil sie in einem Vereinigten Irland einer Minderheit angehören würden, sondern auch, weil sie laut Experten den Tod ihrer Freunde und Angehörigen im Bürgerkrieg als umsonst ansehen würden. Junge Leute, die nicht mit den „Troubles“ in Berührung gekommen sind, bewerten die Lage oft anders, wie Clare Grehan-Toland von der Organisation Peace People betont.
Stadtführer Higgins beklagt die ständige Stimmungsmache der beiden Parteien an den jeweiligen Rändern, die die Diskussion immer im eigenen Interesse aufheizen. „Sie erhalten die Mauern aufrecht, weil man eine geteilte Gesellschaft besser kontrollieren und von anderen Problemen ablenken kann“, meint er. Er selbst habe im Laufe seines Lebens jedoch gelernt, Feindbilder abzulegen. „Ich weiß jetzt, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, den Dialog zu suchen.“
„Der Brexit ist eine Tragödie“
Dass sich viele Menschen in der Region eine Zukunft und Politik wünschen, die nicht mehr vom Nordirlandkonflikt geprägt wird, zeigten auch die Ergebnisse der letzten Wahl im Mai. Damals schnitten gemäßigte Parteien und solche, die sich in der Frage nach der Unabhängigkeit gar nicht positionieren, wie die Allianz Partei, gut ab.
„Es zeigt aber auch, dass wir in einer Gesellschaft leben, die man durch die unterschiedlichen Erfahrungswelten als „uneben“ bezeichnen könnte“, erklärt die Politologin Whitten. Während die einen noch trauern, wollen die anderen die Vergangenheit hinter sich lassen. „Der Brexit ist eine Tragödie“, weil er nicht verheilte Wunden wieder aufgerissen habe, meint sie.
Hoffnungsvoll endet auch die Tour mit Stadtführer Higgins, als er von seinem vierjährigen Enkel berichtet. Seine Tochter wollte von ihm wissen, ob er damit einverstanden sei, dass der Junge auf eine katholische Schule geht. Er habe unter einer Bedingung zugestimmt: Wenn er zwölf Jahre ist, solle er entscheiden, was er sein will: Muslim, Katholik, Protestant, Jude, schwul oder hetero. „Menschen wie er werden eines Tages die Mauern einreißen“, ist Higgins fest überzeugt.
