Drei Insider aus der russischen Armee schildern die Unterlegenheit der Truppe und berichten von Kriegsverbrechen.
Insider berichten aus Putins Armee„Bei uns schicken sie Krüppel und alte Männer an die Front“

Ein russischer Soldat im Gefecht nahe der Stadt Pokrowsk. (Archivbild)
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Dass Russlands Armee im völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Ukraine weiterhin kaum nennenswerte Fortschritte vermelden kann, sorgt in Russland weiterhin für Unruhe. Zuletzt hatte es ungewöhnlich kritische Stimmen aus der russischen Elite in Richtung von Kremlchef Wladimir Putin gegeben. Die ultranationalistischen Kriegsblogger schimpfen ebenfalls auf den Kreml – und sogar bei Straßenumfragen gibt es immer öfter offene Kritik von gewöhnlichen Bürgerinnen und Bürgern an Putin zu hören.
Dem russischen Exil-Medium Meduza ist es nun gelungen, russische Soldaten zur Lage an der Front und zur Stimmung bei den russischen Streitkräften zu befragen. Die Schilderungen untermauern das Bild einer schlecht organisierten Truppe, die mitunter auf menschenverachtende Methoden setzt, wie die Aussagen der drei befragten Soldaten zeigen.
Russischer Deserteur: „Von 80 Soldaten kehrten zwei zurück“
Alle drei beschreiben einen eklatanten technologischen Rückstand im Vergleich zur ukrainischen Armee, berichten von Korruption, enormen Verlusten und katastrophaler Kommunikation innerhalb der Truppe.
So beschreibt etwa der 59-jährige Alexej, der im Februar 2026 desertierte, eine Armee, in der Soldaten ihre gesamte Ausrüstung selbst bezahlen müssen – von Drohnen bis zu Schutzwesten. Die Verluste an der Front seien zudem verheerend, berichtete der Soldat. „Von 80 Soldaten unserer Kompanie, die einen Kampfeinsatz starteten, kehrten zwei zurück. Und das ständig.“
Armee-Insider: Ukrainische Drohnen deutlich überlegen
Die ukrainische Überlegenheit hält der Deserteur derweil für erdrückend: Auf seinem Abschnitt in der Oblast Saporischschja habe er auf russischer Seite lediglich Billigdrohnen gesehen, während die ukrainischen Fluggeräte mittlerweile enorme Reichweiten erreicht hätten.
„Allein ihr Geräusch lässt das Blut in den Adern gefrieren“, berichtete der Ex-Soldat weiter. „Bei uns schicken sie eine Kompanie Krüppel und alte Männer an die Front, die Ukrainer bringen einen Lastwagen mit Drohnen – eins zu null für die ukrainischen Streitkräfte.“
„Die meisten verstehen: Russland wird nicht gewinnen“
„Bei uns läuft alles gut – aber nur im Fernsehen“, berichtete Alexej weiter. In der Realität herrsche jedoch ein „kolossaler technologischer Rückstand“, der vielen russischen Soldaten auch bewusst sei. „Die meisten verstehen: Russland wird nicht gewinnen, trotz der vollmundigen Reden im Propagandafernsehen.“
Die 41-jährige Drohnenpilotin Evgenia schilderte unterdessen eklatante Mängel bei der Kommunikation innerhalb der russischen Armee. „Es gibt keine eigene, verschlüsselte, stabile, schnelle Verbindung, die eine effektive gemeinsame Aufgabenerfüllung ermöglichen würde.“ Zudem gebe es bei der Herstellung und Beschaffung neuer Drohnen viel Korruption.
„Sie wollten eine Elite schaffen, haben aber Orks rekrutiert“
Auch der 24-jährige Miroslaw äußerte sich überaus kritisch – sieht den entscheidenden Faktor jedoch nicht in mangelhaftem Material, sondern bei schlecht ausgebildeten Soldaten.

Russische Soldaten patrouillieren im Grenzgebiet in der Region Kursk. (Archivbild)
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„Wenn man sich das Personal ansieht, ist es ein totaler Misserfolg“, erklärte er mit Blick auf die Rekrutierungsbemühungen des russischen Verteidigungsministeriums. „Sie wollten eine Elite schaffen, haben aber die gewöhnlichsten Orks rekrutiert.“ So sei teure Ausrüstung schlussendlich „in den Händen einer wenig ausgebildeten Masse“ gelandet.
Russischer Überläufer berichtet von Kriegsverbrechen
Auch der 24-Jährige sieht eine klare technologische Überlegenheit der ukrainischen Streitkräfte. „Die meisten Flüge waren schlicht wirkungslos, da wir die ukrainische elektronische Kriegsführung nicht durchdringen konnten“, erinnerte sich der Russe, der mittlerweile übergelaufen und nun Teil der „Legion Freiheit Russlands“ ist – einem Freiwilligenkorps, das sich aus Russen zusammensetzt, die für die Ukraine und gegen ihr Heimatland kämpfen.
Den Entschluss zu desertieren und fortan für die Ukraine gegen Russland zu kämpfen, habe er gefasst, nachdem seine Einheit an der vorsätzlichen Ermordung ukrainischer Zivilisten und somit an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sei.
„Ich werde nicht für die Seite des Teufels kämpfen“
„Statt an der Front voranzukommen, machte sich unser Bataillon am Ende durch die Tötung von Zivilisten im Hinterland in Kupjansk einen Namen – Kinder, alte Frauen, ein 20-jähriges Mädchen“, berichtete der 24-Jährige. „Ich habe verstanden, dass ich nicht für die Seite des Teufels kämpfen werde. Für mich war der Übertritt zur Ukraine der einzige Weg, Mensch zu bleiben.“
Die ukrainische Armee sei jedoch nicht bloß technologisch überlegen, berichtete der Überläufer. „Eine Armee, in der das Menschenleben einen Wert hat, wird immer einen Schritt voraus sein.“
Wladimir Putin bleibt auf Kriegskurs – und will den Donbass erobern
Kremlchef Putin scheint sich von der Unruhe in der russischen Gesellschaft nicht von seinem Kriegskurs abbringen zu lassen, wie der britische „Guardian“ jüngst berichtete.
Zwei Quellen mit Zugang zu Putin sagten der Zeitung, der russische Machthaber habe deutlich gemacht, dass er weiterhin plant, bis zum Ende des Jahres die gesamte ukrainische Donbass-Region einzunehmen. „Putin ist auf den Donbass fixiert und wird nicht vorher aufhören“, zitierte das Blatt eine der Quellen.
Westliche Experten gehen derweil davon aus, dass es Jahre dauern dürfte, bis die russische Armee das Gebiet erobern kann. So kam eine Analyse der Denkfabrik Institute for the Study of War im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass Russland das von Putin vorgegebene Ziel nur durch „jahrelangen Kampf“ mit erheblichen Verlusten erreichen könne.
