Auch am vierten Jahrestag von Russlands Angriff auf die Ukraine gibt es kaum Aussichten auf Frieden – das macht Moskau erneut deutlich.
Moskau zündet atomare NebelkerzeSelenskyj verhöhnt Putin, Pistorius tadelt Trump – und Russland droht Europa

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) begrüßt den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj bei einem Aufeinandertreffen in München. (Archivbild)
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Zum vierten Jahrestag der russischen Invasion in die Ukraine hat Verteidigungsminister Boris Pistorius US-Präsident Donald Trump mit deutlichen Worten Kumpanei mit Kremlchef Wladimir Putin vorgeworfen. Trump habe den russischen Machthaber beim Gipfeltreffen in Alaska „wie einen Kumpel“ auf dem roten Teppich begrüßt und sich gleichzeitig komplett aus der militärischen Unterstützung der Ukraine zurückgezogen, kritisierte der SPD-Politiker im Deutschlandfunk.
Leider habe der amerikanische Präsident auch sehr früh unnötigerweise eine Nato-Mitgliedschaft der Ukraine vom Verhandlungstisch genommen – „ohne Not“, so Pistorius. „Das wäre ja ein Pfund gewesen, mit dem man auch hätte verhandeln können, über andere Dinge.“ Scharf kritisierte Pistorius zudem die russischen Luftangriffe mit Raketen und Drohnen auf ukrainische Städte.
Boris Pistorius: „Hier wird die Zivilbevölkerung terrorisiert“
„Was dort jede Nacht passiert, hat ja mit der Eroberung eines Landes nichts zu tun. Hier wird die Zivilbevölkerung terrorisiert – bei minus 20 Grad. Und kein Quadratmeter Boden wird damit gewonnen, sondern die Moral der Ukrainer soll gebrochen und das Land zerstört werden“, sagte der deutsche Verteidigungsminister. Auch nach vier Jahren gebe es jedoch unglaublichen Durchhaltewillen, Courage, Stärke und Moral der Bevölkerung.

Kremlchef Wladimir Putin zusammen mit US-Präsident Donald Trump vergangenen August in Alaska. (Archivbild)
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Nicht nur bei Pistorius war das Verhalten von US-Präsident Trump am vierten Jahrestag des russischen Angriffs ein Thema. Auch der ukrainische Staatschef fand klare Worte für die von Pistorius als „Kumpanei“ bezeichnete Beziehung zwischen Trump und Putin.
Selenskyj: „Russen spielen mit Donald Trump und der ganzen Welt“
„Die Russen spielen ein falsches Spiel und haben keine ernsthaften Absichten, den Krieg zu beenden“, sagte Selenskyj der „Financial Times“ bereits vor dem Jahrestag. „Sie spielen mit Trump und mit der ganzen Welt. Putin glaubt, er wirke überzeugend und so, als könne man ihm vertrauen. Nein – er ist ein skrupelloser Akteur“, fügte der Staatschef hinzu.
Auch in seiner Videoansprache an das ukrainische Volk wählte Selenskyj deutliche Worte – und setzte auch auf Spott gegenüber Kremlchef Putin. „Heute ist es genau vier Jahre her, dass Putin Kyjiw in drei Tagen eingenommen hat“, erklärte der ukrainische Präsident süffisant und spielte damit auf selbstbewusste Aussagen aus Russland zu Kriegsbeginn an, die sich als erhebliche Fehleinschätzung herausstellen sollten.
Wolodymyr Selenskyj rühmt Kampfbereitschaft der Ukrainer
Bis heute konnte Russland die ukrainische Hauptstadt nicht einnehmen. Auch die von Moskau beanspruchten Gebiete in der Ostukraine konnte die russische Armee bisher nicht vollständig erobern. „Das sagt viel über unseren Widerstand aus, darüber, wie die Ukraine all die Zeit gekämpft hat“, erklärte Selenskyj nun.
„Hinter diesen Worten stehen Millionen unserer Bürger. Hinter diesen Worten stehen großer Mut, harte Arbeit, Ausdauer und der lange Weg, den die Ukraine seit dem 24. Februar zurückgelegt hat“, fügte der ukrainische Präsident hinzu, der sein Land als Oberbefehlshaber und Präsident ebenfalls seit Februar 2022 verteidigt.
Ukrainischer Staatschef zeigt erstmals geheimen Präsidentenbunker
Erstmals gewährte Selenskyj auch Einblicke in einen geheimen Bunker unter dem Präsidentenpalast in der ukrainischen Hauptstadt. „Dieses Büro, dieser kleine Raum im Bunker – hier fanden zu Beginn des Krieges die ersten Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs der Welt statt“, erinnerte der ukrainische Staatschef an die ersten Kriegstage. Mittlerweile werde der Bunker jedoch nicht mehr genutzt, hieß es weiter.

Ein Screenshot aus einem von der Ukraine veröffentlichten Video zeigt den ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj in seinem Präsidentenbunker.
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Ein Screenshot aus einem von der Ukraine veröffentlichten Video zeigt einen Blick in einen Gang in einem bisher geheimen Bunker unter dem ukrainischen Präsidentenpalast. Mittlerweile werde der Bunker nicht mehr genutzt, heißt es aus der Ukraine.
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Aus Russland kommen unterdessen auch am vierten Jahrestag der Vollinvasion martialische Töne. Das russische Außenministerium bediente sich auch am Dienstag mal wieder der mittlerweile in Moskau etablierten Floskel, dass die „Grundursachen des Konflikts beseitigt“ werden müssten.
Russland und Wladimir Putin bleiben weiter auf Kriegskurs
Russland werde seine Ziele erreichen, betonte Außenamtssprecherin Maria Sacharowa – „mit politischen oder militärischen Mitteln“. Moskau bekräftigt somit seine Bedingungen für ein Kriegsende, die einer ukrainischen Kapitulation gleichkommen.
Gleichzeitig setzt der Kreml auch am Dienstag seine Attacken auf Europa fort. Bereits in den vergangenen Wochen hatte Moskau immer wieder auf Verbalattacken in Richtung der europäischen Ukraine-Unterstützer gesetzt und erneut behauptet, in Europa grassiere der Nationalsozialismus.
Vier Jahre Krieg: Moskau zündet atomare Nebelkerze
Ähnliche Vorwürfe hatte Moskau vor Kriegsbeginn auch gegen die Ukraine erhoben – und seinen Angriff schließlich auch mit einem angeblichen „Nazi-Regime“, das in Kyjiw an der Macht sei, begründet. Der Realität halten diese russischen Behauptungen nicht stand – weder in der Ukraine noch sonstwo in Europa ist eine „Nazi-Regierung“ an der Macht.
Pünktlich zum Jahrestag des Angriffs auf die Ukraine zündete Moskau nun eine weitere antieuropäische Nebelkerze. Nach Angaben des russischen Auslandsnachrichtendienstes SVR arbeiten Frankreich und Großbritannien daran, eine Atombombe in die Ukraine zu verlegen, behauptete der Kreml am Dienstag. Belege für die Behauptung legte Russland dabei nicht vor.
Kreml: Deutschland beteiligt sich nicht an „gefährlichem Abenteuer“
Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach jedoch von einem „eklatanten Verstoß gegen alle Normen und Prinzipien sowie gegen geltendes Völkerrecht“ – ungeachtet der eklatanten russischen Verstöße gegen internationales Recht in der Ukraine. Deutschland habe es „klugerweise“ abgelehnt, sich an diesem „gefährlichen Abenteuer“ zu beteiligen, hieß es weiter aus Moskau.
„Wir werden diese Informationen selbstverständlich in die laufenden Verhandlungen einbeziehen. Denn es handelt sich hierbei um potenziell äußerst gefährliche Informationen“, erklärte Kremlsprecher Peskow außerdem – und stellte damit weitere russische Blockaden bei künftigen Friedensgesprächen in Aussicht.
Russland-Experte: „Der Kreml führt einen Weltanschauungskrieg“
Russland-Experten rechnen derweil weiterhin nicht mit einem Kurswechsel in Moskau. „Der Kreml führt einen Weltanschauungskrieg, der sich weder auf Territorium und schon gar nicht auf ‚Sicherheit‘ begründet“, schrieb etwa der Historiker Matthäus Wehowski angesichts der Verlautbarungen aus Moskau auf der Plattform X.
Diplomatie sei für die russische Regierung im Kreml bislang nur „ein Instrument, um die Unterstützung der Ukraine zu untergraben – was im Fall USA auch glänzend funktioniert hat“, fügte Wehowski hinzu.
Um Russland zu stoppen, seien konsequente Sanktionen und die militärische Unterstützung der Ukraine zwar keine „optimalen, aber die besten aller schlechten Lösungen“, führte der Russland-Experte aus. „Putin und die russische Machtelite haben sich in ihrer Weltanschauung zu fest eingemauert, um mit Worten gestoppt zu werden.“ (mit dpa)

