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Spekulationen um Kanzler-TauschWas ist dran an den Gerüchten über Merz und Wüst?

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Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Bundeskanzler Friedrich Merz bei dessen Antrittsbesuch in NRW.

Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Bundeskanzler Friedrich Merz bei dessen Antrittsbesuch in NRW. 

Weil Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu wenig Erfolge vorweisen kann, wird über seine Ablösung spekuliert. 

Beim „Industrietag Raumfahrt“ im Europäischen Astronautenzentrum bei der ESA in Köln sollte es eigentlich um die Chancen der Raumfahrt als Zukunftsindustrie gehen. NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst war aus Düsseldorf angereist und begrüßte die Teilnehmer. Als die Journalisten Fragen stellen durften, ging es dann um ein Thema, das sich nicht um den Weltraum drehte, sondern um die Politik in Berlin. „Kommt ein Kanzler-Tausch“, hatte die Bild-Zeitung an dem Morgen getitelt. Und die Frage gestellt: „Könnte Wüst die CDU retten?“

Der Bericht der Boulevardzeitung reiht sich ein in eine Serie von Medienberichten in den vergangenen Tagen, in denen über eine bevorstehende Ablösung von Friedrich Merz durch den Regierungschef von NRW spekuliert wird. Angeblich sei das Szenario von obersten Führungsgremien der CDU bereits durchgespielt und für erfolgversprechend befunden worden, heißt es. Ob das wirklich stimmt, bleibt bislang unklar.

Fest steht: Das angebliche Szenario hat sowohl in Berlin als auch in Düsseldorf für eine gewisse Unruhe in den CDU-Zirkeln gesorgt. Sind die Spekulationen nur von Journalisten herbeigeredet? Und woher kommt diese plötzliche Eigendynamik? Soll die CDU-Spitze unter Zugzwang gesetzt werden?

Scharfe Kritik aus dem Kanzleramt

Das ist jedenfalls in Teilen gelungen. Im Kanzleramt stießen die Spekulationen über einen Kanzlerwechsel am Mittwoch auf scharfe Kritik. „Wer diese Spekulationen anstellt, betreibt das Geschäft der AfD und raubt der politischen Mitte die Autorität“, hieß es aus dem Umfeld des Bundeskanzlers. Ein Kanzlerwechsel sei „eine naive Idee“, die von einer „gefährlichen Lust an der Zündelei“ zeuge. Es sei immer einfacher, über Personal zu „quatschen“, als sich ernsthaft mit den Einkommenssteuersätzen oder der Pflegereform zu beschäftigen.

Auch Wüst wies die Gerüchte zurück – und antwortete bei dem Termin im Astronautenzentrum staatstragend. Der Bund sei für NRW ein wichtiger Partner, sagte der Ministerpräsident. Der Bundeskanzler gehe die aktuellen Herausforderungen bei den angedachten Reformen der sozialen Sicherungssysteme mit „hohem Anspruch und hoher Tatkraft“ an. „Bei seiner wichtigen Arbeit für Deutschland hat er meine volle Unterstützung“, bekräftigte Wüst wenig überraschend.

Die Vorgeschichte

Neu ist die Debatte um Merz und Wüst nicht. Der Chef der Schwarz-grünen Koalition wurde schon 2024 für Berlin gehandelt. Aber dann stellte sich der Regierungschef von NRW öffentlichkeitswirksam hinter Merz – allerdings erst zu einem späten Zeitpunkt, was bei dem Sauerländer nicht gut ankam. Offiziell lässt Wüst nie etwas zu möglichen Ambitionen auf das Kanzleramt durchblicken. Bei politischen Problemen in NRW verweist er gern auf die Verantwortung in Berlin.

In Düsseldorf gilt es aber als gesichert, dass sich der 50-Jährige durchaus zutraut, die Rolle des Bundeskanzlers zu übernehmen, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Der Habitus von Merz, die ehemals „jungen Wilden“ immer noch wie Schuljungen zu behandeln, nerve bisweilen. Derzeit habe Wüst aber kein Interesse an einem Umzug nach Berlin, weiß man in der CDU-Landtagsfraktion. „Vor der Landtagswahl im nächsten Jahr wäre ein Wechsel nach Berlin Harakiri“, sagte ein erfahrener Abgeordneter unserer Zeitung. Auch nach einem Wahlsieg dürfte sein Interesse nicht besonders gesteigert sein: „Er müsste dann ja mit der reformunfähigen SPD weiterregieren.“

Schlecht für das Image ist es sicher nicht, als „Reservekanzler“ gehandelt zu werden. Wüst ist für viele ein „Anti-Merz“. „Der Hendrik kann auf die Leute zugehen und wirkt emphatisch“, erklärt ein Mitglied des CDU-Landesvorstands. Merz agiere hingegen oft von „oben herab“. Der 70-Jährige habe nie gelernt, die Leute zusammenzuführen – und glaube, in der Regierung wie ein „CEO“ agieren zu können. „Das gefällt vielen in der Landespartei nicht. Aber das heißt nicht, dass jemand derzeit Interesse daran haben würde, ihn abzusägen.“

Hat Söder die Gerüchteküche angeheizt?

Woher kommen die Spekulationen dann? Im Wüst-Umfeld zuckt man unschuldig mit den Schultern. In Düsseldorf stellt man sich die Frage: Wer profitiert davon, den NRW-Ministerpräsidenten auf die Bühne zu heben? „Am Ende schadet die Debatte ja nicht nur Merz, sondern auch dem Hendrik“, heißt es in der CDU-Fraktion. Schließlich gelte immer noch die Weisheit: „Wer als erster für einen Posten ins Gespräch gebracht wird, bekommt ihn ganz sicher nicht.“

Dieser Theorie zufolge müssten die Spekulationen über die Götterdämmerung von anderen potenziellen Merz-Nachfolgern lanciert worden sein. Zu den „üblichen Verdächtigen“ gehören der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und Jens Spahn, der Chef der CDU-Bundestagsfraktion. „Beide neigen ja zur Selbstüberschätzung“, analysiert ein CDU-Insider. Söder hat einst bei der Suche nach einem Nachfolger von Angela Merkel seinen Hut in den Ring geworfen. „Und Jens Spahn ist sich fälschlicherweise auch ganz sicher, dass die Leute ihn mögen“, ätzt ein Strippenzieher.

Spahn, so heißt es, habe als CDU-Fraktionschef eo ipso die stärkeren Truppen als Wüst hinter sich, wenn es darum ginge, den Sturz von Merz zu organisieren. Auch er halte sich für einen guten Nachfolger – und werde den populäreren Wüst nicht kampflos an sich vorbeiziehen lassen. „Wer der künftige Bundeskanzler wird, entscheidet sich im Kreisverband Borken“, sagt ein früheres Mitglied der Landesregierung. Dort sind sowohl Wüst als auch Spahn beheimatet.

Die CDU in NRW erreicht in Umfragen mit 32 bis 34 Prozent – trotz der Zugewinne bei der AfD – immer noch Ergebnisse, von denen die Union im Bund nur träumen kann. Ein Ministerpräsident von NRW sei immer auch ein möglicher Kanzlerkandidat, hat Wüst schon 2024 gesagt. Man solle niemals nie sagen. Im aktuellen Insa-Ranking der beliebtesten Politiker liegt Wüst immerhin auf Platz drei – 17 Plätze vor Merz.