Ein Jahr Corona-Bekämpfung – für Kanzlerin Angela Merkel und die Bundesregierung bedeutet dies bis heute ein Fahren auf Sicht. Zuletzt wurde die Kritik am Kurs der Regierung immer lauter. Auch in Europa betrachtet man den Kurs der Deutschlands längst nicht mehr als Vorbild, wie unsere Korrespondenten beobachten.
London
Der Lobgesang wurde zwischenzeitlich so laut, dass die Briten beinahe schon die Augen rollten, wenn sie wieder einmal Deutschland als Musterbeispiel vorgesetzt bekamen. Während sich die britische Regierung im Zickzack-Kurs verirrte und zu zögerlich mit Maßnahmen vorging, was dazu führte, dass das Königreich sowohl in Bezug auf die Zahl der Covid-Toten als auch wirtschaftlich zu den am schlimmsten betroffenen Ländern Europas gehört, lief im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik alles besser. Und so sehnten sich viele nach einer starken Führungsfigur, als die Kanzlerin Angela Merkel auf der Insel galt. „Wie es Deutschland richtig machte, während Großbritannien falsch lag“, schrieb der „Telegraph“, ausgerechnet die europaskeptische Zeitung, die traditionell vor allem gegen den Kontinent ätzt.
Bitte um Verständnis
Der Polen-Koordinator der Bundesregierung, Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), hat beim Nachbarland um Verständnis für die schärferen Einreisebedingungen geworben. „Wir streben eine Balance zwischen Gesundheitsschutz und praktikablen Regelungen für den Grenzverkehr an“, erklärte Woidke am Montag nach einer Konferenz mit dem Deutschland-Koordinator der polnischen Regierung, Bartosz Grodecki. Die Bundesregierung hatte Polen wegen stark steigender Infektionszahlen als Hochinzidenzgebiet eingestuft. Seit dem 21. März ist die Einreise nach Deutschland nur mit einem negativen Corona-Test erlaubt. Pendler aus dem Nachbarland hatten über Erschwernisse wegen der Testpflicht geklagt. (dpa)
Mittlerweile beneidet die Bundesrepublik niemand mehr. Stattdessen schütteln viele Briten verständnislos den Kopf über das Chaos bei der Verteilung der Vakzine, die Bürokratie oder den jüngsten Astrazeneca-Impfstopp. Auf der Insel läuft das Programm dagegen mit großem Erfolg. Fast 55 Prozent der erwachsenen Bevölkerung haben die erste Impfung erhalten. Medien, Politiker und Kommentatoren können nicht oft genug jene Grafiken präsentieren, in denen der Impffortschritt der Briten im Vergleich zu anderen europäischen Ländern aufgezeigt wird.
„Wir beneiden dich nicht“, titelte kürzlich die Boulevardzeitung „The Sun“ und verwies auf das „einzige deutsche Wort, das die meisten Briten kennen: Schadenfreude“. Der Artikel strotzte vor Häme, inklusive Anspielungen auf die legendären Handtuch-Wettstreits zwischen britischen und deutschen Hotelurlaubern. Brexit-Anhänger sehen die Probleme auf dem Kontinent als letzten Beleg, warum der EU-Austritt die beste Entscheidung für das Königreich darstellte.
Derweil erinnerte Merkels jüngste Oster-Kehrtwende Beobachter an Premierminister Boris Johnson, der 2020 viel Kritik einstecken musste für zahlreiche Kehrtwenden und gebrochene Versprechen. Mittlerweile agiert er vorsichtiger – und profitiert politisch von der Impfkampagne. Auch die Zeit der Verwirrung stiftenden Botschaften von Seiten der Downing Street sind vorbei. Seit knapp drei Monaten herrscht ein strikter Lockdown, inklusive Reiseverbot und „Stay at Home“-Regel. Das ändert sich erst mit zaghaften Öffnungsschritten in den nächsten Wochen. Am 21. Juni will die Regierung dann alle Corona-Regeln aufheben.
Paris
Eigentlich schneidet Frankreich im Vergleich mit Deutschland in Sachen Covid-19 nicht unbedingt gut ab. Vor allem, seitdem die sogenannte dritte Welle begonnen hat. Die Inzidenz liegt hier landesweit bei über 300, ungefähr dreimal so hoch wie in Deutschland. Das sind die Neuinfektionen je Hunderttausend Einwohner pro Woche. Im Département Seine-Saint-Denis nördlich von Paris erreicht diese Zahl gar fast 700. Premierminister Jean Castex hat dennoch kein Problem damit, sein Land im Vergleich zum Nachbarn zu loben. Und Deutschlands striktere Maßnahmen zu kritisieren.
„Wir haben seit Januar nicht die gleiche Strategie gewählt wie andere europäische Länder. Im Gegensatz zu unseren Nachbarn hatten wir keinen landesweiten dritten Lockdown. Diese Idee haben wir Ende Januar verworfen – es war die richtige Entscheidung“, klopfte sich Castex vor einigen Tagen verbal auf die Schulter, während er schließlich nur für 16 Departements ankündigte, dass dort sogenannte nicht-essenzielle Geschäfte für vier Wochen schließen müssten. Ein harter, dreimonatiger Lockdown wie in Deutschland wäre „überzogen“ und „unerträglich“ gewesen.
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Schon vor einem Monat, als in ganz Frankreich nur eine nächtliche Ausgangssperre galt, hatte der Premier einen leicht schiefen Vergleich gezogen. „Das Virus ist in Frankreich wie fast überall in Europa auf dem Vormarsch – sogar in Ländern wie Deutschland. Dort haben die Kinder seit zwei Monaten keinen Fuß mehr in die Schule gesetzt.“ Frankreich hat seine Schulen nur während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 komplett geschlossen.
Doch dass es zumindest verquer ist, Frankreich auf ein Niveau mit Deutschland zu stellen, während jenseits des Rheins die Infektionszahlen ein Drittel der französischen betragen, kam Paris nicht in den Sinn. Das scheint auch eine Frage der Perspektive zu sein: Während in der Bundesrepublik die Alarmglocken klingeln, wenn die Inzidenz 100 übersteigt, bezeichnete Castex jüngst selbst eine Inzidenz von 400 in Paris als „Punkt der sehr starken Wachsamkeit“, ohne dass dadurch die Hauptstadt direkt in den Lockdown müsste.
Madrid
Das Deutschlandbild der Spanier bekommt zunehmend Risse. Aber nicht erst seit Angela Merkels Entschuldigung für das Chaos um die Osterruhe, die nach 24 Stunden wieder gekippt worden war. „Was ist los mit Alemania“, fragte „El País“, die einflussreichste spanische Tageszeitung, bereits vor Wochen in einem Meinungsartikel. Der Schlingerkurs des deutschen Corona-Krisenmanagements habe gleich mehrere germanische Mythen ins Wanken gebracht, schrieb das Blatt: den Mythos der deutschen Gründlichkeit, der Sachkenntnis und der fachkundlichen Überlegenheit. Bisher war in Spanien der Glaube weit verbreitet, dass das allermeiste, was aus Deutschland kommt, gut und nachahmenswert sei.
„Die deutsche Anti-Corona-Politik ist nicht länger ein Vorbild“, hieß es zugleich in der großen Online-Zeitung „El Diario“. Um den Lesern dann mitzuteilen, dass das Image Merkels nicht nur in Spanien, sondern gleichfalls in Deutschland bröckelt.
Viele spanische Medien listeten in den letzten Tagen fast genüsslich die „Serie von Irrtümern“ der deutschen Koalitionsregierung bei der Pandemiebekämpfung auf. Sie kamen zu einer einhelligen Schlussfolgerung, die ein prominenter Kommentator in Madrid so zusammenfasste: „Unter dem Strich läuft es in Deutschland nicht viel anders als in Spanien.“ Das sei doch irgendwie ein Trost für die Spanier, die wie viele Deutsche den Eindruck hätten, dass es in ihrem Land Drunter und Drüber gehe, hieß es weiter. Seit Monaten gibt es auch in Spanien ständigen Streit zwischen den Regionalregierungen und der Staatsregierung über den richtigen Weg. Spaniens Coronaregeln gleichen einem bunten und unübersichtlichen Flickenteppich, der ständig ausgebessert wird. Deswegen klagen Spaniens Bürger ebenfalls viel über „Inkompetenz“ und „Chaos“ in der nationalen Corona-Politik.
Brüssel
Um die belgische Sicht der deutschen Corona-Politik zu verstehen, muss man in den Herbst des Vorjahres zurückgehen. Das 11,3 Millionen große Königreich wurde vom Virus regelrecht überrollt. Zeitweise meldeten große Städte wie Brüssel oder Lüttich Inzidenzwerte zwischen 1800 und 2000. In vielen Kliniken war die Triage zum schrecklichen Alltag geworden. Die Bewunderung für den mächtigen deutschen Nachbarn war groß. Wieder einmal zeige die Bundesrepublik, dass man auch gut durch eine solche Krise kommen könne.
Doch das änderte sich schlagartig, als Deutschland über Weihnachten die Einschränkungen lockerte. „Wenn das Virus eines mag, dann sind es Feiern, besonders solche mit wechselnden Gästen“, erklärte kurz vor dem Jahreswechsel Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke. Im Januar ging Premierminister Alexander De Croo dann noch einen Schritt weiter. Eben waren 150000 Belgier aus dem Weihnachtsurlaub zurückgekehrt und die Infektionszahlen explodierten. Daraufhin erließ De Croo ein Reiseverbot für sein Land, untersagte (bis heute) Ein- und Ausreisen ohne triftigen Grund. Im Kreis der Staats- und Regierungschefs warfen er und weitere Amtskollegen der deutschen Kanzlerin vor, auf einen zu weichen Kurs zu setzen.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, wie angetan die Belgier von dem Beschluss für eine fünftägige Osterruhe in Deutschland waren – und wie unverständlich sie deren Rücknahme nun finden. In dem Land, dessen Bürgermeister mehrfach die Bundesbürger baten, „bitte nicht zu uns zu kommen“, versteht man nicht, dass die Bundesregierung Tausende einfach in die Welt (konkret: nach Mallorca) reisen lässt, während in der Nachbarschaft das Virus tobt. Zumal Belgien selbst mit Lockerungen immer nur schlechte Erfahrungen gemacht hat. In der belgischen Regierung wünscht man sich deshalb vom deutschen Nachbarn mehr Solidarität bei den Einschränkungen.


