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„Wenn ich mit ihr spreche, weint sie“Kölner aus Afghanistan sind in größter Sorge

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Bewaffnete Taliban durchsuchen teils täglich Wohnhäuser, um Menschen oder Dokumente zu finden.

Efra und Eila (Namen geändert) sind 24 und 25 Jahre alt. Sie haben ihr Studium in Journalistik und Medizin abgeschlossen und wollten sich eine Arbeit suchen. Jetzt gibt es kein einziges Schriftstück mehr, das ihren Hochschulbesuch belegen könnte. Sie haben alles verbrannt. Als hätte es nie ein Studium gegeben.

Seit zwei Wochen halten sich die beiden jungen unverheirateten Frauen in der Nähe von Kabul versteckt. „Sie haben sich ein Versteck gebaut, in dem man sie nie vermuten würde“, sagt Moschda Ebrahimi, Beraterin bei der Kölner Diakonie. Vor 25 Jahren ist sie als achtjähriges Mädchen mit ihrer Mutter vor den Taliban geflohen, ihr kleiner Bruder starb auf der Flucht, ihre Mutter verlor ein Bein. Bis vor drei Tagen konnte sie mit ihren Cousinen, mit Onkel und Tante telefonieren. Jetzt nicht mehr.

Bildung für Mädchen und Frauen

„Ich weiß kaum noch, was um mich herum geschieht. Ich kann ihnen nicht helfen. Auf die Listen kommen nur Ortskräfte“, sagt sie. Ihre Stimme klingt sehr erschöpft. „Wenn die Taliban meine Tante bekommen, bringen sie sie um. Sie ist 54, viel zu alt, um mit einem Taliban verheiratet zu werden. Als Lehrerin in einer Mädchenschule hat sie sich 15 Jahre für die Bildung von Mädchen und jungen Frauen eingesetzt, viele kennen sie.“ Von einem Tag auf den anderen sei es für ihre Tante Selbstmord, auf die Straße zu gehen.

Wie Moschda Ebrahimi sind viele Menschen, die aus Afghanistan geflüchtet sind , verzweifelt, haben größte Angst um ihre Angehörigen. Wenn bekannt ist, dass ein Familienmitglied geflohen ist, sind die Angehörigen besonders bedroht. Musa H. (Name geändert) musste 2015 vor den Taliban fliehen. „Zwei meiner engsten Freunde haben die Taliban vor meinen Augen gesteinigt. Ich wäre der nächste gewesen.“ Er hat in Köln seinen Hauptschulabschluss gemacht, eine Ausbildung als Koch begonnen, spricht gut Deutsch und hat gehofft, seine Familie nachholen zu können, sobald er einen feste Arbeitsstelle hat.

Krank vor Sorge

Jetzt ist er krank vor Sorge, hat vier Tage nicht mehr geschlafen. Einer seiner Brüder wurde von den Taliban verhaftet. „Einen anderen Bruder kann ich seit einer Woche nicht erreichen“, sagt er. Seiner Frau und seiner Tochter ist es gelungen, aus ihrem Dorf zu fliehen. Dort sei jeden Abend eine Taliban-Patrouille gekommen, habe gefragt, wo ihr Mann sei. Vier Familien ohne männliches Oberhaupt hätten die Taliban in einem Hotel untergebracht, das sie nicht verlassen durften, „bis eure Männer kommen“. Ein Mullah habe schließlich eine Bürgschaft für seine Frau übernommen, so dass sie bis Kabul fliehen konnte.

Das ist jetzt auch besetzt. „Meine Frau ist sehr krank geworden, und hoffnungslos. Immer wenn ich mit ihr spreche, weint sie. Sie hält sich versteckt, hat keine Aussicht darauf, das Land zu verlassen. Ich telefoniere jeden Tag mit ihr und mit meiner Tochter. Sie wird im September sieben Jahre“, sagt der 29-Jährige. „Eine Frau ohne Mann darf nicht auf die Straße, nicht arbeiten. Ich will einfach nur zu ihr und meiner Tochter, egal was dann mit mir passiert.“

Flucht vor der Taliban

Verzweifelt, aber auch wütend ist auch Abdul-Samat M. Er kam als 15-jähriger mit den Taliban in seinem Dorf in Südafghanistan in Konflikt und musste fliehen. Seine Eltern und fünf Geschwister verstecken sich seit einer Woche in Kabul. „Mein Vater hat damals bei der Nato gearbeitet. Er hat jetzt große Angst“, sagt der 29-Jährige. „Die Taliban sind sehr gefährlich. Sie kommen auch aus Pakistan, dem Iran und Irak, sprechen arabisch und russisch.“

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Seine beiden Schwestern sind nicht verheiratet, haben sich auf ein eigenständiges Leben vorbereitet. „Die Menschen haben sich 20 Jahre lang etwas aufgebaut, sich exponiert, um eine freie und gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen. Genau wie diejenigen, die zuvor geflohen sind und jetzt aus Deutschland zurückkehren mussten“, sagt Moschda Ebrahimi. „Sie alle gelten jetzt als Landesverräter und sind in großer Gefahr.“