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Kommentar zu Norbert RöttgenEin Außenseiter erzielt bei der CDU das erste Tor

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Röttgen

Norbert Röttgen, CDU-Bundestagsabgeordneter und Kandidat für den CDU-Parteivorsitz

  1. Als vierter im Bunde kandidiert nun überraschend auch noch Norbert Röttgen.
  2. Dass Röttgens Alleingang als Stärke wahrgenommen werden kann, hat mit der Schwäche seiner Partei zu tun.
  3. Dass nun vier Herren konkurrieren, zeugt aber auch davon, dass Laschet das Heft nicht in der Hand hat.

Politik und Fußball ähneln mitunter einander. Oft hängt der Erfolg in den Parteien und auf dem Platz auch von der Chancenverwertung ab. Da kommt es nicht darauf an, wer im Training welche Strategie einübt oder welche Taktik bei den Pressekonferenzen vor dem Spiel die größte Zustimmung findet. Wenn der Ball rollt, muss der ihn reinmachen, der ihn sich erspielen kann. Während die Mitspieler am Anstoßpunkt noch die Lage erörterten, hat sich Norbert Röttgen einfach mal den Ball erobert und das erste Tor erzielt.

Chancenverwertung ist sein Ding geworden, seit er eigentlich keine mehr hatte. Nach der Niederlage in NRW und dem Rauswurf aus dem Kabinett schien seine Karriere zu Ende. Er machte aus der Chance, im Auswärtigen Ausschuss neu anfangen zu dürfen, eine neue Karriereleiter. Er nutzte die Chance, als Ausschussvorsitzender prägnante Positionen in den Medien zu präsentieren, zu einem neuen Bekanntheitsgrad. Und nun hat er eine vermutlich deutlich unterhalb von zehn Prozent liegende Chance auf den CDU-Vorsitz und die Kanzlerkandidatur ergriffen und sich mit einem Überraschungscoup auf einen Chancenwert von sicherlich über zehn Prozent gebracht.

Dass sein Alleingang als Stärke wahrgenommen werden kann, hat mit der Schwäche seiner Partei zu tun. Konzeptionell ist da nichts Vorzeigbares, da Annegret Kramp-Karrenbauer gehen will, bevor sie die programmatische Erneuerung zu einem Ergebnis gebracht hat. Und personell erinnert die von klaren Hierarchien und strukturierten Entscheidungsabläufen geprägte Partei derzeit mehr an einen Hühnerhaufen. Mit ihrer Ankündigung, nicht nur auf die Kanzlerkandidatur, sondern auch auf den Vorsitz zu verzichten, hat Kramp-Karrenbauer ihrer Autorität und der Berechenbarkeit ihrer Partei einen Bärendienst erwiesen. Die Unklarheit über Personen, Abläufe und Perspektiven ist aber nicht nur etwas, was allein bei Kramp-Karrenbauer zu verorten ist. Dass da vier Herren neben- und gegeneinander konkurrieren, die alle der NRW-CDU angehören, zeugt auch davon, dass der NRW-CDU-Chef Armin Laschet das Heft des Handelns nicht in der Hand hat.

Schon mit seinem Vorpreschen hat Röttgen mögliche Pläne einer Teamlösung in bemerkenswerter Transparenz vereitelt. Und es ist ihm mit so spitzen wie treffenden Worten gelungen, das Reden vom Team als Versuch zu entlarven, personelle Interessen unter einen Hut zu bringen, ohne die inhaltlichen Entscheidungen zur Zukunft der Partei anzugehen. Ein Konzept für die Wege aus der Krise mit dem Röttgen-Copyright liegt nun auf dem Tisch. Bislang liegt wenig daneben. Der Gegenangriff wird kommen. Aber der Außenseiter, den keiner auf der Liste hatte, liegt erst mal in Führung.