Der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, Donald Trump, war kein Ausrutscher. Alle, die seine Wahl 2016 für ein Versehen hielten, weil angeblich viele seiner Anhänger die dann brachiale Amtsführung mit rassistischem, diskriminierendem und undemokratischem Gebaren nicht gewollt hätten, werden nun belehrt. Das Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Demokraten Joe Biden macht glasklar: Ein erheblicher Teil der Amerikaner will einen Präsidenten Trump. Einen Mann im Weißen Haus, der lügt, geradezu lustvoll aus mühsam ausgehandelten internationalen Abkommen wie dem zum Klimaschutz oder aus gewichtigen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation aussteigt und sein Land weiter spaltet.
Es stimmt: Schon sein Vorgänger Barack Obama hat nach achtjähriger Amtszeit eine gespaltene amerikanische Gesellschaft hinterlassen. Aber nicht, weil er als Präsident gegen Kritiker, Andersdenkende und Schwache gehetzt und sie unflätig niedergebrüllt hätte. Sondern vor allem, weil er schwarz ist. Das war für viele Bürgerinnen und Bürger der Vereinigten Staaten offensichtlich noch zu früh. Sie teilten auch seine Ziele nicht zu mehr Gerechtigkeit und Zusammenhalt in den USA beziehungsweise in der Welt durch eine breitflächige Absicherung von Kranken durch ein vernünftiges Versicherungssystem, den Einsatz gegen den Klimawandel durch das Pariser Abkommen oder den Abschluss des internationalen Nuklearabkommen mit dem Iran. Für Trump alles Teufelszeug.
Ohne Skrupel und ohne Moral
Der 74-Jährige hat „America first“ als Leitlinie ausgegeben und sie eisern durchgezogen. Strafzölle gegen Wirtschaftspartner, Steuersenkungen für die Reichen. Ohne Gesprächsbereitschaft mit Partnerstaaten, ohne Skrupel. Ohne Moral sowieso. Aber nach dem Verlauf der US-Wahl 2020 muss man der Realität ins Auge sehen: Viele Amerikaner wollen genau so regiert werden. Ihre Situation hat sich mitunter wirtschaftlich auch verbessert und sie fühlen sich durch Trumps Abgrenzung zu Minderheiten oder zum Ausland aufgewertet. Und ihnen gefällt auch die Devise „Donald first“. Noch vor Ende der Stimmenauszählung erklärt sich Trump zum Wahlsieger und spricht zugleich von Wahlbetrug der Demokraten und fordert, die Auswertung der Briefwahl abzubrechen. Damit bricht er mit der Demokratie. Seine Fans jubeln, seine Gegner sind geschockt. Auch, wenn sie sich auf exakt dieses Szenario eingestellt haben: Trump wird bei einem knappen Rennen mit allen Mitteln versuchen, im Amt zu bleiben.
Unter allen Mitteln kann man dramatischer Weise auch Waffengewalt befürchten. Denn Trump hatte in der TV-Debatte mit Biden an die Adresse der eigenen schwer bewaffneten Anhänger gesagt: Haltet Euch zurück, aber haltet Euch bereit. Er dürfte wissen, dass seine öffentlich geäußerten Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Wahl das Potenzial zur Aufwiegelung seiner militanten Unterstützer hat. Ein Mann der Demokratie hätte in dieser Phase zur Ruhe gemahnt. Und gleich, wie die Wahl noch ausgeht, für diesen Moment haben die Demokraten verloren. Sie haben es nicht geschafft, den USA diese gefährliche Unsicherheit mit einem deutlichen Vorsprung vor Trumps Republikanern zu ersparen. Schon das ist ein Sieg Trumps, der in den Umfragen wie schon 2016 als Verlierer beschrieben wurde.
