Abo

Kritik an sozialer Ungleichheit„Eine sich spaltende Gesellschaft“

3 min

Aus Geldmangel fühlen sich 5,3 Prozent der Menschen in Deutschland ausgegrenzt und arm.

Bonn – Fast jeder fünfte Deutsche ist von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen - das hat eine am Dienstag veröffentlichte Erhebung des Statistischen Bundesamtes ergeben. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg um 0,2 Prozentpunkte. Die rund 16 Millionen Menschen könnten nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Das ist die eine Seite der Medaille.

Ebenfalls am Dienstag hat der Deutsche Sparkassen- und Giroverband sein Vermögensbarometer veröffentlicht, demzufolge 57 Prozent der Befragten ihre finanzielle Situation als gut bis sehr gut bezeichnen. Laut der Studie, für die im Juli und August 2000 Menschen in Deutschland zu ihrem Umgang mit Geld befragt wurden, schränken die meisten Deutschen ihren Konsum nicht ein. Mehr Menschen haben Häuser oder Wohnungen zur Altersvorsorge gekauft. Das ist die andere Seite der Medaille.

"Die Studien ergänzen sich zu 100 Prozent", sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Die Daten zeigten übereinstimmend, dass mehr getan werden müsse, um der zunehmenden Ungleichheit entgegenzuwirken: "Wir haben eine sich spaltende Gesellschaft." Während es einem Teil der Gesellschaft weiterhin gutgehe, nehme der Anteil derjenigen, die Rechnungen nicht bezahlen könnten, zu. Schneider fordert eine Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze, eine Reform der Erbschaftssteuer und eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes bei der Einkommenssteuer. Ab einem Einkommen von 100 000 Euro im Jahr solle der Spitzensteuersatz auf 50 Prozent steigen. Auch Benedikt Dederichs, Pressesprecher beim Sozialverband Deutschland, sagt: "Für uns zeigen diese Zahlen ganz klar: Die Gerechtigkeitslücke wird größer."

Für die Studie "Leben in Europa 2011" hat das Statistische Bundesamt 13 500 Haushalte befragt. Armut oder soziale Ausgrenzung ist laut EU gegeben, wenn ein Haushalt unter "Armutsgefährdung" oder "erheblicher materieller Entbehrung" leidet oder "ein Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung" ist.

Dass nur einer dieser Faktoren erfüllt sein muss, um in die Statistik aufgenommen zu werden, stößt unter Fachleuten auf Kritik. Das verzerre die Daten. So verfügen 8,5 Prozent der Deutschen über weniger als 60 Prozent des bundesweiten Durchschnittseinkommens, haben aber einen Job und sagen von sich, dass sie ihren Lebensstandard nicht aus Geldmangel einschränken müssen. So erklärt auch die Form der statistischen Erhebung, warum beim Sparkassenbarometer der Anteil derjenigen, die ihre finanzielle Situation als eher schlecht bezeichnen, geringer geworden ist. Die Form der Messung der Armut geht auf die EU zurück. Um die Gefährdung der Haushalte durch Armut messen zu können, hat die EU Sozialindikatoren eingeführt. Einer beruht auf einer Selbsteinschätzung der Haushalte, erläutert Silvia Deckl vom Statistischen Bundesamt. Es gehe darum, gerade auch die subjektiven Faktoren einzubeziehen.

Der Statistikprofessor Walter Krämer nennt die Zahl, dass 15,8 Prozent armutsgefährdet sind, korrekt. Nicht korrekt sei aber deren Interpretation. Als "armutsgefährdet" gelte, wer jährlich netto weniger als 11 426 Euro zur Verfügung hat. Der Hauptkritikpunkt ist die Berechnung dieser Armutsgrenze. Dazu nimmt man europaweit 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Wenn sich also alle Einkommen verdoppeln, verdoppelt sich auch die Armutsgrenze, und der Anteil der Armen ist der gleiche wie vorher.