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Kubakrise vor 50 JahrenAls die Welt den Atem anhielt

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Luftaufnahme von sowjetischen Raketenabschußrampen, Raketentranportern und Tanklagern auf Kuba im Oktober 1962.

Es ist der 16. Oktober 1962, Mittagszeit. US-Präsident John F. Kennedy ruft seine Berater. Schweigend betrachten die Männer Fotos. Die Aufnahmen sind zwei Tage alt. Was sie zeigen, beweist, was die CIA bis dahin nur vermutet: Sowjetische Soldaten bauen auf Kuba Stellungen für Atomraketen aus, mit einer Reichweite weit über Washington hinaus. Mit der Entdeckung der Bedrohung nur 150 Kilometer von der Südspitze Floridas entfernt beginnt die bis heute dramatischste Konfrontation der atomaren Großmächte Amerika und Sowjetunion.

Kennedys Berater erarbeiten in geheimer Mission fünf mögliche Szenarien: Invasion der Karibik-Insel, Luftangriffe auf die neun entdeckten Raketenstellungen mit 16 Abschussrampen inklusive späterer Landung, Seeblockade, Diplomatie oder demonstratives Ignorieren. Vier Tage später, am 20. Oktober, gibt Kennedy intern grünes Licht für die Quarantäne auf See; begleitet von diplomatischen Maßnahmen an Land. Durch die Blockade soll verhindert werden, dass weitere russische Frachtschiffe mit Waffenlieferungen kubanische Häfen anlaufen. Mit dieser Maßnahme können die Vereinigten Staaten Entschlossenheit zeigen, gleichzeitig aber Moskau eine Rückzugsmöglichkeit für die bereits acht abschussbereiten SS-4-Raketen geben, ohne dass es wie eine Demütigung wirkt. Andernfalls würden die USA mit militärischer Gewalt reagieren.

Am Abend des 22. Oktober spricht Kennedy über Radio und Fernsehen zur Nation. Und zur Welt. Seine eindringliche Rede, 17 Minuten lang, ist für den Westen ebenso eine Überraschung wie für den mächtigen Mann im Kreml. Nikita Chruschtschow glaubt bis zu diesem Augenblick, sein Coup, den Verbündeten Castro nach der fehlgeschlagenen Invasion der Schweinebucht im Hinterhof Amerikas aufzurüsten, sei unentdeckt geblieben. "Jeder Abschuss einer Atomrakete von Kuba wird als Angriff auf die USA gewertet, der einen Vergeltungsschlag gegen die UdSSR erfordert", sagt Kennedy. JFKs Bruder und engster Berater, Robert Kennedy, bilanziert die darauf folgenden Tage bis zum 28. Oktober als den Moment, der "die Welt an den Abgrund der nuklearen Zerstörung brachte". Dass der Fast-Zusammenstoß der Supermächte mit der möglichen Konsequenz der atomaren Auslöschung ein Lehrstück über die von Vernunft gesteuerte Bewältigung einer aussichtslos erscheinenden Konfrontation war, hält sich bis heute hartnäckig.

Chruschtschow hat sich nach dieser amerikanisch geprägten Lesart aus einer für ihn hoffnungslosen militärischen Situation in letzter Sekunde durch Nachgeben befreit. Kennedys Politik, die militärisch maximal droht, um diplomatisch zum Ziel zu gelangen, prägte noch Jahre danach das außenpolitische Krisenmanagement Amerikas. Bis in die 80er Jahre fiel so offiziell unter den Tisch, dass erst ein unter strengster Verschwiegenheit vermittelter Tauschhandel zwischen Robert Kennedy und Moskaus Botschafter Anatoly Dobrynin am 27. Oktober Chruschtschow die Rückrufaktion von Frachtschiffen und Raketenteilen ermöglichen sollte: Der Abzug der Waffen aus Kuba war "under cover" an den Abzug amerikanischer Jupiter-Raketen aus der Türkei geknüpft.

Dass bis dahin nicht kühler Machtpoker die entscheidende Rolle spielte, sondern eine am Ende glückliche Verkettung von Taten und Unterlassungen, von Missverständnissen und Fehleinschätzungen, hat erst die Veröffentlichung einst geheimer Dokumente und Mitschnitte von Gesprächen offenbart. "Was mich wirklich erschreckt hat, war, in welchem Ausmaß der amerikanische Präsident weder genau wusste noch kontrollieren konnte, was wirklich geschah", sagt der Historiker Michael Dobbs. "Er wusste zum Beispiel nicht, dass die Sowjetunion bereits mehr als 40 000 Soldaten auf Kuba hatte, die gewappnet waren, eine amerikanische Invasion zurückzuschlagen."

Wie Dobbs sind in diesen Tagen Dutzende Wissenschaftler und Historiker in den USA versucht, die Lehren zu beschreiben, die aus dem Herbst 1962 zu ziehen sind - etwa für die schwelende Krise mit dem Iran. Für Graham Allison, der 1971 ein bis heute kaum erreichtes Standardwerk zur Kuba-Krise schrieb, hat Kennedy mit seiner Geheim-Diplomatie des über Jahre geleugneten Abzugs der US-Raketen in der Türkei Chruschtschow den "entscheidenden Moment zur Gesichtswahrung gewährt". Barack Obama oder, je nach Wahlausgang, Mitt Romney seien gut beraten, sagt der Harvard-Gelehrte, auch "bei den Mullahs in Teheran über eine Hintertür nachzudenken, die es ihnen ermöglicht, der iranischen Bevölkerung gegebenenfalls den Verzicht auf atomare Ambitionen zu erklären".