Istanbul – Ein Militärfahrzeug hält in einem Dorf, gefolgt von einem Rettungswagen – kurz darauf dringen Verzweiflungsschreie aus einem Haus, während Soldaten eine Nationalfahne daran hissen. „Alles für das Vaterland“, muss der Vater des getöteten Soldaten nun sagen, während Sanitäter die ohnmächtige Mutter versorgen. Alle paar Tage vollzieht sich dieses Ritual irgendwo in der Türkei: Im Südosten des eigenen Landes, in Syrien und Irak sterben dauernd türkische Soldaten, und die Türken ertragen es seit Jahrzehnten schicksalsergeben.
Keine hohle Drohung ist es deshalb, wenn Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan jetzt ankündigt, im Streit um das Mittelmeer türkische Soldaten zu opfern. Anders als europäische Regierungen muss Erdogan keinen Aufstand befürchten, wenn er junge Männer ins Feuer schickt: Die Türken sind es gewöhnt.
Erdogan: „Wir weichen dem Kampf nicht aus“
Fast 8000 Soldaten, Gendarmen, Polizisten und Milizionäre hat die Türkei bis heute dem Kampf gegen die kurdische Terrorgruppe PKK geopfert, hunderte weitere fielen in Syrien, Irak und neuerdings auch Libyen; allein im Februar dieses Jahres starben 50 türkische Soldaten beim Einmarsch ins syrische Idlib. „Zu unserem Kampf gegen den Terrorismus kommen nun Bedrohungen unserer Rechte und Interessen in Ägäis und Mittelmeer“, sagte Erdogan jetzt über den aktuellen Konflikt mit Griechenland. „Wir weichen dem Kampf nicht aus. Wir scheuen uns auch nicht, dafür Soldaten zu opfern. Die Frage ist, ob auch diejenigen zu solchen Opfern bereit sind, die uns im Mittelmeer entgegentreten.“
Der türkische Präsident legt damit den Finger in die Wunde, denn demokratische Staaten sind zu solchen Opfern nicht ohne weiteres bereit oder auch nur fähig. „Demokratien haben nicht die Mittel, autoritären Regimen zu begegnen“, sagt der türkische Politologe Cengiz Aktar über die Konfrontation zwischen der Türkei und Europa – nur scheine Europa das noch nicht begriffen zu haben.
Bewunderung für die Armee
Seit Generationen werden die Türken zur Bewunderung von Armee und Heldentum erzogen. Eine kritische Distanz zu den Streitkräften gibt es in der Türkei nicht – und deshalb auch kaum öffentliche Diskussion über Kriege: Die Kämpfe gegen die PKK etwa toben schon seit fast vier Jahrzehnten. Eine türkische Friedensbewegung muss Erdogans Regierung nicht fürchten.
Die Türkei kann militärisch auftrumpfen, weil sie in jahrzehntelangen Kämpfen eine Kultur des Krieges etabliert hat. So werden alle gefallenen Soldaten zu „Märtyrern“ erklärt. Ihre Beerdigungen werden von den Behörden so straff inszeniert, dass die Hinterbliebenen nur noch als Statisten am fahnenbedeckten Sarg stehen können, während Offiziere und Politiker salutieren und die Gemeinde patriotische Slogans skandiert. Als ein Oberstleutnant vor einigen Jahren mit dem Protokoll brach und am Sarg seines Bruders um ein Ende der Kämpfe flehte, wurde er zum Verräter erklärt und aus der Armee geworfen.
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Türkische Medien zeigen die kleinen Kinder der getöteten Soldaten gerne beim militärischen Gruß am Sarg oder zitieren die Väter der Verstorbenen mit Sätzen wie: „Wenn nötig gebe ich auch meine drei anderen Söhne fürs Vaterland.“ Und statt „nie wieder“ heißt es in der Öffentlichkeit nach jedem Soldatentod: Jetzt erst recht.


