Abo

Herber DämpferMaisfrachter aus Ukraine kommt nicht im Libanon an

4 min

Der Frachters „Razoni“ bei der Inspektion in Instanbul.

Istanbul – Als der Frachter „Razoni“ vergangene Woche im Hafen von Odessa mit dem Ziel Libanon ablegte, feierten Politiker aus aller Welt die Abfahrt als Leuchtfeuer der Hoffnung im Kampf gegen den Hunger. Denn die „Razoni“ mit 26000 Tonnen Mais an Bord war das erste Schiff, das die Ukraine unter dem Istanbuler Getreide-Deal verlassen durfte. Doch im Libanon ist der Frachter nicht angekommen. Stattdessen liegt er im östlichen Mittelmeer vor Anker und hat seine Ladung zum Verkauf freigegeben. Der Mais an Bord der „Razoni“ ist nicht einmal für Brot bestimmt, sondern als Hühnerfutter deklariert.

Der Libanon gehört zu den Ländern im Nahen Osten, die auf Getreide aus der Ukraine und Russland angewiesen sind, um ihre Bevölkerung zu ernähren. Die „Razoni“, die unter der Flagge von Sierra Leone fährt, lag seit Kriegsausbruch im Februar bis vorige Woche in Odessa fest, weil die russische Marine die Küste blockiert und die Ukraine zum Schutz ihr Küstengewässer vermint hat.

Brot wird nicht günstiger im Libanon

Mehr als 20 Millionen Tonnen Getreide in ukrainischen Silos konnten wegen des Krieges bisher nicht zu den Abnehmern gelangen. Erst die Istanbuler Vereinbarung zwischen den UN, der Türkei, der Ukraine und Russland machte Ende Juli den Weg frei. Inzwischen sind zehn Schiffe aus ukrainischen Häfen ausgelaufen. Die Transporte sollen den weltweiten Preisanstieg bei Getreide stoppen und Hungersnöte verhindern.

Erster Frachter am Ziel angekommen

Während die „Razoni“ im Meer dümpelte, erreichte am Montag erstmals ein Frachter aus der Ukraine seinen Zielhafen: Die unter türkischer Flagge fahrende „Polarnet“ machte mit 12000 Tonnen Mais im Hafen Kocaeli südlich von Istanbul fest.

Erstmals seit Kriegsbeginn hat auch wieder ein Frachtschiff im Hafen Piwdennyj abgelegt. Die „Sacura“ sei nun auf dem Weg nach Italien, teilte die ukrainische Regierung mit. Das Schiff fahre in einer Kolonne mit dem Frachter „Arizona“, der vom Hafen Tschornomorsk in Richtung Niederlande unterwegs sei. Insgesamt befinden sich demnach 60000 Tonnen Agrarprodukte an Bord der Schiffe. (tsei/dpa)

Auf die Hoffnung folgt nun jedoch Ernüchterung. Zuerst stellte sich heraus, dass die Ladung der „Razoni“ nichts an der Brotpreis-Krise im Libanon ändern wird. In dem kleinen Land mit sieben Millionen Menschen ist der Preis für Weizenmehl seit Ausbruch des Ukraine-Krieges um mehr als 200 Prozent gestiegen. Die Getreidespeicher im Hafen von Beirut waren bei einer Explosionskatastrophe vor zwei Jahren zerstört worden.

Auf billigeres Brot müssen die Libanesen aber weiter warten. Die Behörden in Beirut sagten der Zeitung „L’Orient Today“, der Mais an Bord der „Razoni“ sei nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt. Die Ukraine ist auch ein führender Exporteur von Tierfutter-Mais. Die Nachrichtenagentur AP berichtete, es handele sich bei der Ladung um Hühnerfutter. An welchen Abnehmer die Fracht gehen sollte, ist nicht bekannt.

Kein neuer Zielhafen bekannt

Eigentlich sollte die „Razoni“ am Sonntagmorgen im libanesischen Hafen Tripoli einlaufen; die ukrainische Botschaft in Beirut hatte bereits Journalisten dazu eingeladen. Dann stoppte der Frachter seine Fahrt.

Die libanesische Regierung konnte oder wollte nichts zu den Gründen sagen. Verkehrsminister Ali Hanieh gab bekannt, die „Razoni“ habe ihren Kurs geändert. Offenbar warte der Kapitän auf neue Anweisungen. Die französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“ zitierte den Hafenmeister von Tripoli mit den Worten, der Schiffseigner habe ihm mitgeteilt, dass die „Razoni“ nicht in seinen Hafen kommen werde. Dem Bericht zufolge gehört das Schiff einem Unternehmen in Liberia.

Am Montagnachmittag lag die „Razoni“ rund 60 Kilometer südöstlich der türkischen Hafenstadt Mersin vor Anker, wie Daten von „MyShipTracking.com“ zeigten, einem satellitengestützten Dienst zur Verfolgung des Schiffsverkehrs. Der Frachter gab seinen Status als „Order“ an, das bedeutet: Seine Ladung steht zum Verkauf. Die Nachrichtenagentur Efe meldete, der libanesische Händler, der den Mais ursprünglich haben wollte, lehne den Empfang der Ladung ab. Nun suche der Besitzer einen neuen Abnehmer – im Libanon oder einem anderen Land.

Das könnte Sie auch interessieren:

Die Entwicklung ist ein herber Dämpfer für die Istanbuler Getreide-Vereinbarung, die UN-Generalsekretär Antonio Guterres als „Leuchtfeuer der Hoffnung“ im Kampf gegen den Hunger in der Welt gewürdigt hatte. Ein Gemeinsames Koordinationszentrum in Istanbul organisiert die Fahrten und inspiziert die Schiffe. Die Ukraine strebt die Ausfuhr von drei Millionen Tonnen Getreide im Monat an. Russland sichert den Frachtern freies Geleit zu.

Doch in Ländern wie Somalia, Äthiopien oder Kenia, die unter einer Dürre leiden und auf Getreide warten, kommt bisher nichts an. Keines der neun Schiffe, die seit der Abfahrt der „Razoni“ die ukrainischen Gewässer in Richtung Istanbul verlassen durften, fährt Häfen in armen Ländern an. Die Zielhäfen für die neun Transporte von zusammen mehr als 200000 Tonnen an Mais, Sojabohnen, Sonnenblumenmehl und Sonnenblumenöl liegen nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums in der Türkei, Großbritannien, Irland, Italien und China.