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Kanzler benennt „bittere Wahrheit“„Historische Scheiße“ – Merz und Selenskyj attackieren Putin

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Wolodymyr Selenskyj (l), Präsident der Ukraine, zusammen mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor dem Bundeskanzleramt. (Archivbild)

Wolodymyr Selenskyj (l), Präsident der Ukraine, zusammen mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vor dem Bundeskanzleramt. (Archivbild)

Die jüngsten Friedensgespräche bleiben erneut ohne Ergebnis. Kanzler Merz glaubt, dass das auch so bleibt. Selenskyj wird derweil überdeutlich.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat sich mit deutlichen Worten über Russlands Krieg gegen die Ukraine und Kremlchef Wladimir Putin geäußert. Merz sieht demnach kaum Chancen für ein rasches Kriegsende auf dem Verhandlungsweg. „Dieser Krieg wird nach meiner Einschätzung erst zu Ende gehen, wenn eine der beiden Seiten erschöpft ist, entweder militärisch oder ökonomisch“, sagte der CDU-Chef nun den Zeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft (NBR) und der „Rheinpfalz“.

„Vernunft und humanitäre Argumente werden Putin nicht überzeugen“, fügte Merz mit Blick auf den russischen Machthaber hinzu. „Das ist die bittere Wahrheit.“ Es sei daher das Ziel der europäischen Bemühungen, dass Russland „den Krieg militärisch nicht weiterführen und ökonomisch nicht weiter finanzieren kann“, erklärte der Kanzler. 

Friedrich Merz über Russland: „Zustand der tiefsten Barbarei“

Nach Einschätzung von Merz kann die „russische Machtclique“ auf absehbare Zeit nicht ohne Krieg auskommen. „Sie muss die Kriegsmaschinerie am Laufen halten, weil sie keinen Plan hat, was sie sonst mit den Hunderttausenden von zum Teil schwer traumatisierten Soldaten machen soll, die von der Front zurückkehren“, so der CDU-Chef.

Merz thematisierte auch den Zustand Russlands mit düsteren Worten.„Wir erleben im Augenblick dieses Land in einem Zustand der tiefsten Barbarei. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern, und damit müssen wir uns abfinden“, sagte der Kanzler. 

Russlands Krieg gegen die Ukraine: Gefechte dauern an

Seit fast vier Jahren verteidigt sich die Ukraine gegen russische Angriffe. In den vergangenen Tagen hatten beide Seiten in Genf über ein Ende des Krieges verhandelt. Details wurden nicht mitgeteilt.

Gleichzeitig setzten beide Kriegsparteien ihre Angriffe auf gegnerische Ziele fort. Während Russland weiterhin oftmals auch Wohngebäude angreift, meldeten die ukrainischen Streitkräfte zuletzt erfolgreiche Schläge gegen Energieanlagen in Russland. 

Wut bei Selenskyj: „Ich brauche keine historische Scheiße“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zeigte sich angesichts der ohne greifbares Ergebnis beendeten Gespräche zwischen der Ukraine und Russland in dieser Woche ebenfalls wenig optimistisch.

„Ich brauche keine historische Scheiße, um diesen Krieg zu beenden und zur Diplomatie überzugehen“, schrieb Selenskyj am Donnerstag auf der Plattform X – und spielte damit wohl auf den für seine geschichtlichen Vorträge bekannten Kremlchef Putin und den russischen Verhandlungsführer Wladimir Medinski an. Auch Medinski wird der Hang zu langwierigen historischen Ausführungen nachgesagt.

„Ich habe nicht weniger Geschichtsbücher gelesen als Putin“

„Das ist nur eine Verzögerungstaktik“, fügte Selenskyj hinzu. „Ich habe nicht weniger Geschichtsbücher gelesen als Putin. Und ich habe viel gelernt. Ich weiß mehr über sein Land als er über die Ukraine“, hieß es weiter vom ukrainischen Staatschef, der erklärte, dass er die russische Mentalität sehr gut kenne. „Deshalb möchte ich keine Zeit mit all diesen Dingen verlieren“, schrieb Selenskyj weiter. „Die Russen haben beschlossen, dass sie einen neuen Zaren brauchen. Das ist ihre Entscheidung“, fügte der Ukrainer hinzu. 

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, gibt bei der 62. Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) eine Pressekonferenz. (Archivbild)

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, gibt bei der 62. Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) eine Pressekonferenz. (Archivbild)

Für ihn sei nur die Frage nach einem Weg zum Frieden relevant, führte der Staatschef aus. „Es wird ein großer Krieg gegen uns geführt. Es geht um unser Leben“, schrieb Selenskyj. Das Einzige, worüber er mit Putin sprechen wolle, sei, „dass wir meiner Meinung nach eine möglichst erfolgreiche Lösung finden müssen“. Der Krieg müsse nun schnell beendet werden, forderte Selenskyj außerdem.

Martialische Töne aus Moskau

Aus Moskau kommen unterdessen weiterhin martialische Töne: Keine andere Armee verfüge über ein derartiges Waffenarsenal wie die russische, erklärte etwa der ehemalige Kremlchef Dmitri Medwedew gegenüber Staatsmedien am Donnerstag. „Das Wichtigste ist, dass unsere Feinde das erkannt haben“, fügte der Vizechef des russischen Sicherheitsrates hinzu. Seit Kriegsbeginn meldet sich Medwedew immer wieder mit radikalen Worten und Drohungen gegen den Westen zu Wort.

Bereits am Mittwoch hatte sich Moskaus Außenminister Sergej Lawrow geäußert – und Europa erneut mit Nazi-Vorwürfen überzogen. Den finnischen Präsidenten Alexander Stubb bezeichnete Lawrow in einem Interview mit Al Arabiya als „prominenten Neonazi-Führer“, der Russland „den Garaus machen“ wolle.

Sergej Lawrow erhebt mal wieder Nazi-Vorwürfe gegen Europa

„Europa hat sein nationalsozialistisches Wesen offenbart, von dem wir dachten, es sei mit Hitlers Niederlage im Zweiten Weltkrieg ausgelöscht worden“, behauptete Lawrow in dem Interview außerdem. Gleichzeitig unterstellte er der Ukraine, kein Interesse an Frieden zu haben.

Der dienstälteste russische Minister tritt immer wieder mit unwahren Vorwürfen über Nazi-Regimes, die in Europa an der Macht seien, an die Öffentlichkeit – ungeachtet des faschistisch-imperialistischen Krieges, den sein Land gegen die Ukraine führt, auch um die ukrainische Identität auszulöschen. (mit dpa)