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Militärischer Werteexport am EndeMünkler über den Rückzug aus Afghanistan

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Afghanistan Bundeswehr

Symbolbild.

Köln – "Afghanistan war mehr als ein Scheitern, Afghanistan bedeutet eine Zäsur“: Der Berliner Politologe Herfried Münkler wertet die Machtübernahme der Taliban kurz nach dem Abzug westlicher Truppen aus dem Land als tiefen Einschnitt in die Geschichte der politischen Konzepte der USA und Europas. Es sei nicht gelungen, die afghanische Gesellschaft aufgrund westlicher politischer Normen umzubauen. „Das ist gescheitert“, sagte Münkler im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Westen ist nach seiner Einschätzung naiv an die Aufgabe herangegangen und hat es versäumt, die tatsächlichen Strukturen der afghanischen Gesellschaft in den Blick zu nehmen.

Mit dem Scheitern des Westens in dem asiatischen Land sei auch die Vorstellung einer „regelbasierten Weltordnung“ erschüttert. „Diese Vorstellung ist jetzt ausgeträumt“, sieht Münkler Versuche des Westens als gescheitert an, eigene Wertordnungen mit militärischen Mitteln zu exportieren und in anderen Kulturen zu etablieren. Eine Politik, die auf Normen gegründet sei, brauche einen Hüter. Diesen Hüter gebe es nicht mehr, weil die USA nicht mehr bereit seien, diese Rolle zu übernehmen. „Die Rolle bedeutet eine imperiale Überdehnung. Und genau das haben die USA satt“, so Münkler weiter.

Der ehemalige Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Berliner Humboldt-Universität forderte einen grundlegenden Politikwechsel des Westens. „Die Modelle des humanitär begründeten militärischen Agierens muss man revidieren“, sagte Münkler und warnte davor, sich in Konflikte zu verstricken. Vor allem die Verbindungen von Staaten- und Bürgerkriegen seien nicht zu unterschätzen: „Solche Kriege gewinnen eine Intensität und Härte, die man nicht wollen kann.“

Münkler sieht die politische Zukunft der Welt in einem Gleichgewicht der fünf großen Akteure USA, EU, China, Indien und Russland. Es werde darauf ankommen, dass keiner dieser großen Blöcke versuche, anderen seine Wertordnung aufzudrängen. Vorbild für eine neue Realpolitik seien die Chinesen. „Sie verbinden Politik nicht mit einem Werteexport“, sagte Münkler. Er erwarte, dass sich Chinas Machthaber mit den Taliban arrangieren würden, schon um das Problem der moslemischen Uiguren im eigenen Land zu beruhigen. Chinas Machthaber erwiesen sich als Meister einer nüchternen Macht- und Realpolitik.

Herfried Münkler kritisierte in diesem Zusammenhang das Wirken nicht staatlicher Organisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International. „Die große Zeit dieser Organisationen ist vorbei“, sagte Münkler. Das Scheitern des Westens in Afghanistan bedeute auch für diese Organisationen eine Zäsur, die Münkler als „Normunternehmer“ bezeichnete. „Der Universalismus des Westens hängt jetzt in der Luft.“

Die westliche Intervention sei von tiefer Unkenntnis der afghanischen Gesellschaft geprägt gewesen. Man habe insbesondere nicht bedacht, dass etwa die Arbeit für Rechte und Bildung der Mädchen und Frauen auch Verlierer geschaffen habe, sagte Münkler und stellte zugleich fest, dass die Werte des Westens „keine kulturelle Attraktivität für die Afghanen entfaltet“ hätten. (lü)