Abo

„Putin macht uns zum Gespött“Moskau lässt „puren Terror“ folgen – Ukraine greift Raffinerie an

4 min
Ein Screenshot zeigt einen Großbrand auf dem Gelände einer Ölanlage in der russischen Region Saratow. (Archivbild)

Ein Screenshot zeigt einen Großbrand auf dem Gelände einer Ölanlage in der russischen Region Saratow. (Archivbild)

Kaum sind Trumps Vermittler abgereist, nimmt Russland Kyjiw unter massives Feuer – verliert aber wohl die nächste Raffinerie. 

Nach einer kurzzeitigen Feuerpause während des Besuchs der Unterhändler von US-Präsident Donald Trump in der Ukraine hat Russland seine schweren Luftangriffe auf Kyjiw wieder aufgenommen. Aus der ukrainischen Hauptstadt wurden nächtliche Explosionen gemeldet. Mehrere Wohnhäuser, eine Schule und Autos seien von herabfallenden Drohnentrümmern getroffen worden, berichteten ukrainische Medien unter Berufung auf Behördenangaben.

Bei der Angriffswelle kamen demnach auch ballistische Raketen zum Einsatz, die für die Ukraine besonders schwer abzuwehren sind. Auch in anderen Regionen des Landes wurde Luftalarm ausgelöst. Das genaue Ausmaß der Angriffe und Schäden war zunächst noch unklar. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs hat Russland mindestens 166 Drohnen, 32 Marschflugkörper und eine ungenannte Anzahl von Iskander-Raketen bei der Angriffswelle eingesetzt.

Massive Explosionen auf Videos aus Kyjiw zu sehen

In den sozialen Netzwerken kursierten am Dienstagmorgen (8. September) Videos, die Raketeneinschläge in Kyjiw zeigen sollen. Dort sind enorme Explosionen zu sehen. Von „absolut abscheulichen“ Angriffen und „purem Terror“ ist die Rede. Weder die Angaben der Kriegsparteien noch die Aufnahmen konnten zunächst unabhängig überprüft werden.

Der staatliche Katastrophenschutzdienst der Ukraine teilte jedoch mit, dass es in mindestens fünf Stadtbezirken zu Zerstörungen und Bränden gekommen sei. Mehrere Menschen hätten aus ihren Wohnungen befreit werden müssen, hieß es weiter. Es habe zwei Todesopfer und mehrere Verletzte gegeben. 

Trump-Gesandte in Moskau: Ist Russland „zu Verhandlungen bereit“?

Trumps Gesandter Steve Witkoff und der Schwiegersohn des US-Präsidenten, Jared Kushner, hatten am Wochenende zum wiederholten Mal Moskau und danach erstmals auch Kyjiw besucht. Dort verhandelten sie mit Russlands Machthaber Wladimir Putin und dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj über mögliche Lösungswege zur Beendigung des Krieges, den Russland im Februar 2022 begonnen hatte. Ergebnisse wurden bisher nicht bekannt.

Die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner hätten ihm mitgeteilt, dass „die Russen zu Verhandlungen bereit sind“, sagte Selenskyj allerdings der US-Nachrichtenseite „Axios“. Weiter sagte er dem Bericht zufolge, dass die USA auf eine Deeskalation vor dem bevorstehenden langen Winter drängten.

Ukraine setzt Angriffe gegen russische Ölindustrie fort

Während des Besuchs der US‑Gesandten hatten die Kriegsparteien sich bereit erklärt, auf Luftangriffe auf die jeweiligen Hauptstädte zu verzichten. Russland griff das Nachbarland zuletzt verstärkt mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen an, während die Ukraine überwiegend auf schnelle und weitreichende Drohnen, aber auch auf Marschflugkörper setzt. 

In der Nacht auf Dienstag nahmen die ukrainischen Streitkräfte bei ihren Angriffen offenbar erneut eine russische Raffinerie ins Visier. Bereits seit Monaten attackiert die Ukraine immer wieder die Ölindustrie des Aggressorlandes – Treibstoffknappheit und lange Schlangen an russischen Tankstellen sind die Folge. Nach Angaben ukrainischer Medien und russischer Telegram-Kanäle wurde nun eine Ölraffinerie in Saratow angegriffen, etwa 460 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.

Nächtliche Explosionen in Saratow

Bewohner von Saratow berichteten in Telegram-Kanälen von nächtlichen Explosionen sowie einem Brand in der Raffinerie und veröffentlichten Fotos und Videos, die den Angriff zeigen sollen. Das unabhängige russische Nachrichtenportal Astra analysierte das Material und kam anhand der Geodaten zu dem Schluss, dass es zu einem Großbrand auf dem Gelände der Ölraffinerie in Saratow gekommen ist. Russische Behörden nannten das Ziel des Angriffs derweil nicht, meldeten aber Drohnenangriffe auf „zivile Infrastruktur“ in der Region. 

Auch aus der russischen Stadt Engels gab es Meldungen über Drohnen und den hörbaren Einsatz russischer Luftabwehr nahe des Militärflugplatzes Engels-2, einem Stützpunkt der strategischen Bomberflotte Russlands. Ob der Militärflugplatz getroffen wurde, blieb zunächst jedoch unklar.

Die Rosneft-Raffinerie in Saratow zählt zu den für Russland bedeutenden Ölverarbeitungsanlagen. Sie wurde bereits mehrfach Ziel ukrainischer Angriffe. Die Anlage verfügt über eine jährliche Verarbeitungskapazität von rund 4,8 Millionen Tonnen und produziert über 20 verschiedene Erdölprodukte, darunter Benzin, Dieselkraftstoff, Heizöl und Bitumen.

„Der Kreml zeigt erneut, dass er keinerlei Interesse an Frieden hat“

Die massive russische Angriffswelle auf Kyjiw wird von Experten unterdessen als klare Absage von Kremlchef Putin an zielführende Friedensverhandlungen gedeutet. „Das ist eine Botschaft an unsere Unterhändler, die erst vor 24 Stunden abgereist sind“, schrieb etwa die amerikanische Sicherheitsexpertin Meaghan Mobbs, Tochter von Donald Trumps früherem Ukraine-Gesandten Keith Kellogg.

„Putin macht den Friedensprozess und uns zum Gespött“, fügte sie auf der Plattform X hinzu. Moskau glaube offenbar, Russland könne sich „der amerikanischen Diplomatie ohne Konsequenzen widersetzen“, hieß es weiter von Mobbs. „Werden wir ihnen das Gegenteil beweisen?“, fügte sie hinzu. 

Auch der Historiker und Russland-Experte Matthäus Wehowski lieferte eine klare Einschätzung zur erneuten russischen Angriffswelle. „Kaum sind Witkoff und Kushner abgereist, überzieht Russland die Ukraine wieder mit Terrorangriffen“, schrieb Wehowski am Dienstagmorgen bei X und fügte hinzu: „Der Kreml zeigt erneut, dass er keinerlei Interesse an Frieden und Verhandlungen hat.“ (mit dpa)