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„Missionarin der Nächstenliebe“Mutter Teresa wird heiliggesprochen

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Mutter Teresa am 11.04.1995

Vor der Haustür mit der Nummer 54A an der A.J.C. Bose Road war es bereits dunkel. Die schlichten Holzmöbel drückten nach ein paar Minuten unbequem im Rücken, als Mutter Teresa an einem Abend Anfang 1996 endlich eine halbe Stunde Zeit fand, um mit ein paar deutschen Reportern zu sprechen. Auf den ersten Blick wirkte der "Engel der Gosse", wie sie bewundernd genannt wurde, verhutzelt. Aber Mutter Teresa entpuppte sich - eine gutes Jahr vor ihrem Tod - schnell als sprühendes Energiebündel samt unerschütterlichem Tatendrang und erzkonservativen Ansichten. "Wir sind hier, um zu helfen. Uns interessiert nicht, warum die Leute arm sind", beschrieb die Gründerin des Ordens ihre Devise.

Kolkata, drittreichste Stadt Indiens nach der Wirtschaftsmetropole Mumbai und der Hauptstadt Delhi, hieß während der Begegnung noch Kalkutta. Der Name stand für das schier unvorstellbare Elend, das einst als Synonym für Südasien galt. 1943 hatte nach britischer Herrschaft eine Hungersnot Millionen von Menschen in Kalkutta weggerafft. Nach der Gründung Indiens gab es bei der blutigen Trennung von Pakistan und Indien Hunderttausende von Toten. Zwei bis drei Millionen Flüchtlinge strömten aus Ost-Pakistan, dem heutigen Bangladesch, nach Kalkutta.

Mutter Teresa jungen Leuten nahebringen

"Mutter Teresa wäre ohne Kalkutta nicht möglich gewesen", sagte in diesen Tagen der 39-jährige Brite Gautam Lewis. Den jungen Mann, der gerade in Kolkata einen Film über das Leben und Wirken von Mutter Teresa vorstellt, würde es ohne die gebürtige Albanerin möglicherweise auch nicht geben. Als Säugling erkrankte Lewis an Polio und landete auf glücklichen Umwegen in einem Kinderheim in Kalkutta. Im Alter von drei Jahren vermittelten die "Missionarinnen der Nächstenliebe" ihn im Rahmen eines umstrittenen Adoptivprogramms an Eltern in Großbritannien. "Ich will mit dem Film Mutter Teresa wieder jungen Leuten nahebringen", begründet Lewis sein Projekt.

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Mutter Teresa im Papamobil mit Papst Johannes Paul II. im Februar 1986 in Kalkutta.

Damals, beim Treffen 1996 in dem Raum des heutigen Mutterhauses des Ordens, in dem Mutter Teresa nun in einem steinernen Sarkophag liegt, war die aus Skopje (Mazedonien) stammende Albanerin dank des Friedensnobelpreises 1979 längst so berühmt, dass selbst Kubas kommunistische Ikone Fidel Castro der katholischen Ikone und ihren Missionarinnen die Tore öffnete. Doch kein Journalist zog damals während der Begegnung die Möglichkeit in Betracht, dass der Vatikan dank der Bemühungen von Papst Johannes Paul II. die Nonne im Rekordtempo auf der Grundlage von zwei voneinander unabhängigen anerkannten Wundern 20 Jahre später heiligsprechen würde.

Kritik an Mutter Teresas Arbeit

In Rom hatten die Kardinäle 1996 noch nicht beschlossen, dass die Zukunft der Kirche in Asien läge. In Indien wog Ehrfurcht vor dem Einsatz der Nonne schwerer als religiöse Hetze, mit der heutzutage führende Hindunationalisten Mutter Teresas Nachfolgerinnen überschütten. Der "Engel der Armen" habe statt Wohltätigkeit nur ein Ziel im Sinn gehabt: Die Inder vom Christentum zu überzeugen. Mutter Teresa kannte solche Kritik an ihrer Arbeit. Schließlich veröffentlichte 1995 Christopher Hitchens bereits sein Buch mit dem polemischen Titel "Die Missionarsposition: Mutter Teresa in Theorie und Praxis".

Er warf den Missionarinnen vor, Armen und Kranken zu helfen, um die Verbreitung ihres fundamentalistischen Glaubens zu fördern. Der "Engel der Gosse" bestärkte solche Vorhaltungen mit der Bereitwilligkeit, vor einer Volksabstimmung in Irland für die Gegner eines Scheidungsverbots die Trommeln zu rühren. Mutter Teresas grundsätzliche Ablehnung von künstlicher Familienplanung und Abtreibung als "Mord im Mutterleib" schien schon Mitte der 90er Jahre wenig zeitgemäß. Andererseits wirken ihre Worte angesichts der Abtreibung von Millionen weiblicher Föten in Indien auf der Basis von Ultra-Schall-Geschlechtserkennung heute wie ein düsteres Orakel über die Gegenwart.

Mehr für Kranke tun können?

Die Theologie des Leidens, wie manche Kritiker die Weigerung der "Missionarinnen der Nächstenliebe" nannten, Ursachen von Armut und Elend zu bekämpfen, entstand Ende der 50er Jahre, als nach den Schrecken des Weltkriegs Hungerepidemien, Cholera und Tuberkulose die Menschheit bedrohten. Rund um das Khaligat im Zentrum Kolkatas, über dem auch heute der Gestank geronnenen Bluts von Tieropfern steht, starben damals in der Gosse Menschen, um die sich niemand kümmerte. Mutter Teresa versuchte als Erste, mit ihrem Sterbeheim die Leiden todgeweihter Menschen zu lindern. Die spätere Kritik, die Nonnen hätten mehr für Kranke tun können, mag richtig sein. Ob die Möglichkeit unter damaligen Bedingungen bestand, ist heute schwer zu beurteilen.

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Messe ihrer Ordensschwestern zum 106. Geburtstag der Seligen am 26. August.

Nun, wenige Tage vor der Heiligsprechung Teresas am Sonntag, scheint es, als ob die Nonnen in den blau-weißen Kutten mit ihrem Beharren, nur zu helfen und keine Fragen nach Ursachen zu stellen, weitaus zeitloser sind als ihre Kritiker. Jedenfalls gehören die Zeiten, in denen Hilfsorganisationen, UN oder Kirchen versuchten, die Wurzeln von Armut, Konflikten und Elend zu beseitigen, vorübergehend der Vergangenheit an.

Für Hilfsorganisationen ist es zunehmend schwieriger, Spenden für langatmige Projekte zu sammeln, die keine kurzfristigen Erfolge vorweisen können. Humanitäre Arbeit, die nach Katastrophen Elend bekämpft, kennt solche Probleme weniger. So gesehen kommt die Heiligsprechung von Mutter Teresa zum denkbar günstigen Zeitpunkt. Der Vatikan verherrlicht eine Frau, die helfen wollte, ohne Ursachen zu bewerten.

Zumindest in Kolkata wirkt das Konzept: Die "Missionarinnen der Nächstenliebe", heute in 137 Ländern mit rund 4000 Nonnen vertreten, müssen inzwischen ein halbes Dutzend Unterkünfte anbieten, um Freiwillige aus aller Welt zu beherbergen, die ein paar Wochen im Sterbeheim arbeiten wollen.

Die Heiligsprechung

Damit jemand heiliggesprochen werden kann, muss die Seligsprechung vorausgehen . Den Antrag zur Seligsprechung stellt der örtliche Bischof. Ein Kirchengericht prüft, ob die Person tugendhaft gelebt hat, im "Rufe der Heiligkeit" gestanden, ein Martyrium erlitten oder Wunder bewirkt hat. Nach dem Urteil prüft die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse im Vatikan die Unterlagen und gibt eine Empfehlung an den Papst, der entscheidet.

Für die Heiligsprechung ist - außer bei Märtyrern - ein auf den Seligen zurückzuführendes Wunder erforderlich. Dieses ist in einem Verfahren zu belegen. Zu den bekanntesten zuletzt Heiliggesprochenen zählen Hildegard von Bingen und Papst Johannes Paul II. Bei Mutter Teresa hat Papst Johannes Paul II. 2003 die Seligsprechung vorgenommen. Ein ihr zugesprochenes Wunder wurde 2015 anerkannt, über den Termin der Heiligsprechung entschied der Vatikan im März. (dpa)