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Neue Reaktoren bei Deutschlands NachbarnDie Rückkehr der Atomkraft in Europa

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Atomkraftwerk an der Isar

Symbolbild 

  1. Bei der Kernkraft prallen in Europa zwei Welten aufeinander.
  2. Bei uns sorgt kurz vor der Abschaltung des letzten Meilers die Entsorgung des strahlenden Mülls für riesigen Ärger.
  3. Um Deutschland herum werden dagegen neue Reaktoren gebaut.

Wer geglaubt hatte, Emmanuel Macron sei ein Kritiker der Nuklearenergie, weil er erstmals ein Kernkraftwerk, nämlich jenes in Fessenheim, schließen ließ, der wurde vorige Woche eines Besseren belehrt. „Die Atomenergie ist eine kohlenstoffarme und sichere Energie“, betonte Frankreichs Präsident bei der Vorstellung des Innovationspakets „Frankreich 2030“. Und bezog damit eine Position, die deutlich von der deutschen Haltung in der heiklen Atomfrage abweicht.

In den kommenden fünf Jahren sollen insgesamt 30 Milliarden Euro in diverse Zukunftstechnologien investiert werden – davon fließen einerseits sieben Milliarden in die Wasserstofftechnologie, aber auch eine Milliarde in sogenannte kleine modulare Reaktoren (SMR). Von diesen erhofft man sich, dass sie besonders sicher sind und weniger Atommüll produzieren. Wann sie allerdings einsatzfähig sein werden, ist unklar. Generell nannte Macron die Atomkraft „eine große Chance“: „Sie erlaubt uns, eines der EU-Länder zu sein, die am wenigsten Kohlenstoff ausstoßen.“

Franzosen wieder mehr Zustimmung zur Atomkraft

Seit der Katastrophe im japanischen Fukushima 2011 sind auch in Frankreich die Zweifel an der Sicherheit von Atomenergie gewachsen – obwohl die Politik diese traditionell stets als großen Trumpf dargestellt hat. Vor allem die Präsidenten Charles de Gaulle und Georges Pompidou hatten den Ausbau des Atomparks mit dem Argument, die Unabhängigkeit des Landes in Sachen Energieversorgung zu gewährleisten, stark vorangetrieben. Macron nahm dieses Argument nun wieder auf – und verknüpfte es mit dem Zukunftsthema Klimaschutz. Damit liegt der Präsident im Einklang mit seinen Landsleuten: Umfragen zufolge stieg die Zustimmung der Franzosen zur Kernenergie zuletzt wieder an.

Atomkraftwerke Europa Grafik

Deutschland hatte aus Fukushima dagegen ganz andere Schlussfolgerungen gezogen. Einen Monat nach dem Unglück kündigte Kanzlerin Angela Merkel die Energiewende an. Die deutschen Atomkraftwerke sollen bis Ende 2022 abgeschaltet werden. Heute sind laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit noch sechs Reaktoren aktiv.

EU-weit rund 100 Reaktoren

Generell sind sich die EU-Staaten in der Frage des weiteren Umgangs mit der Atomkraft nicht einig. Laut dem österreichischen Umweltministerium sind momentan in 13 der 27 Mitgliedstaaten Kernkraftwerke in Betrieb. Damit machen die etwas mehr als 100 Reaktoren in der EU einen Anteil von ungefähr einem Viertel der weltweiten Kernkraftwerke aus.

Frankreich führt die Liste der EU-Länder mit den meisten Reaktoren an. 57 Atomkraftwerke sind in Betrieb, ein weiteres befindet sich im Bau. Auch der Anteil an Atomstrom ist hier am höchsten: 2019 betrug er 70,58 Prozent der gesamten Produktion. In Frankreich wird Deutschland demzufolge häufig als energiepolitisches Negativbeispiel zitiert, weil es zwar seine Atomreaktoren schließe, sich dafür aber von der klimaschädlichen Kohle und von russischem Gas abhängig mache. Macron bezeichnet derweil die Atomindustrie als „Glück für das Land“.

Auf EU-Ebene hat Frankreich sich mit anderen Nationen zusammengetan und kämpft dafür, Atomkraft als nachhaltige Energiequelle anzuerkennen, damit diese für entsprechende Fördermittel berechtigt ist. In einem offenen Brief wirbt Wirtschaftsminister Bruno Le Maire für die Einstufung als „grüne Investition“. Zu Begründung heißt es auch, die Atomenergie trage „erheblich zur Unabhängigkeit unserer Energieproduktion“ bei. Den Brief unterzeichneten Politiker aus neun weiteren EU-Ländern. Laut „Berliner Zeitung“ handelt es sich dabei um Bulgarien, Kroatien, die Tschechische Republik, Finnland, Ungarn, Polen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien. Die Entscheidung der EU-Kommission steht noch aus.

Neue Atomkraftwerke in Europa geplant

In Tschechien sind momentan sechs Reaktoren in Betrieb. Ungarn, Finnland und die Slowakei verfügen jeweils über vier Reaktoren, die Strom liefern. Keiner der Staaten will einen Ausstieg, stattdessen sind neue Atomkraftwerke geplant. Bulgarien und Rumänien besitzen jeweils zwei Reaktoren. Auch sie planen weitere Projekte, allerdings haben beide Länder je einen Bau unterbrochen. In Polen gibt es zwar momentan keine Atomkraftwerke, allerdings strebt die Regierung den Bau von Reaktoren an, die schon 2025 den Betrieb aufnehmen sollen.

Auch in den Niederlanden steht ein Kraftwerk, das noch in Betrieb ist. 2003 wurde der Ausstieg zwar beschlossen, 2005 allerdings wieder aufgehoben. Genauso hat Schweden seine Ausstiegspläne aus dem Jahr 2010 wieder verworfen. Es gibt aber auch Staaten, die dem deutschen Beispiel folgen. Belgien möchte bis 2025 aus der Atomkraft aussteigen, Spanien bis 2024. Allerdings gibt es dort ein neues Gesetz, das es erlaubt, die Nutzungsdauer der Kraftwerke zu verlängern.

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Und selbst in Italien, dem EU-Land, das den Atomausstieg bereits im Jahr 1990 nach der Tschernobyl-Katastrophe vollzogen hatte, ist die Debatte um die Nutzung der Kernkraft neu entbrannt. Umweltminister Roberto Cingolani brachte unlängst die Idee der „Reaktoren vierter Generation“ ins Spiel, bei denen eine Kernschmelze physikalisch unmöglich sein soll: „Wenn sich in einem bestimmten Moment herausstellt, dass diese Reaktoren nur wenig radioaktiven Müll verursachen, dass die Sicherheit hoch ist und die Kosten pro Megawatt niedrig sind – dann ist es verrückt, diese Technologie nicht in Erwägung zu ziehen.“ (mit dpa)

Endlager immer noch in weiter Ferne

Hoch radioaktive Abfälle aus den deutschen Atomkraftwerken werden wegen eines fehlenden Endlagers voraussichtlich noch weit über ein halbes Jahrhundert an den AKW-Standorten verbleiben müssen. Davon geht der Ingenieur und Nuklearexperte Michael Sailer (Foto) aus, der bis 2019 die Entsorgungskommission des Bundes leitete. Damit würde die genehmigte Betriebsdauer der 16 Zwischenlager in Deutschland weit überschritten. Sailer geht davon aus, dass die Einlagerung der Nuklearabfälle in das geplante Endlager erst um 2080 abgeschlossen werden kann.

Nach dem Aus für das ehedem geplante Endlager im niedersächsischen Gorleben hat sich der Bund per Gesetz zur Auswahl eines neuen Standorts bis 2031 verpflichtet. „Danach kommen Genehmigungsverfahren und Bau“, sagte Sailer. „Das wird geschätzt 20 Jahre dauern, dann haben wir 2050.“ Anschließend könne das Endlager in den Probebetrieb gehen. Ungefähr 30 Jahre brauche man dann, bis alle Behälter aus den Zwischenlagern ins Endlager gebracht seien.

Laut Standortauswahlgesetz (StandAG) soll das Endlager so sicher sein, dass Mensch und Umwelt eine Million Jahre lang vor Strahlung geschützt sind. Sailer forderte die Politik auf, sich frühzeitig mit einer Verlängerung der Zwischenlagerung zu beschäftigen. „Es wäre fatal, wenn man erst 2040 mit den Forschungen und Überlegungen beginnen würde.“

Unterdessen bleíbt der Konflikt um eine Zwischenlösung für die radioaktiven Abfälle aus dem Lager Asse in Niedersachsen weiter ungelöst – die Ungewissheit in der betroffenen Region ist groß. Die Diskussion um die Standortwahl sei noch nicht abgeschlossen, heißt es in einem Expertenbericht, der am Montag veröffentlicht wurde. In dem ehemaligen Bergwerk liegen in 13 Kammern rund 126000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen. Weil Wasser eindringt, muss das Lager geräumt werden. Es gibt den gesetzlichen Auftrag, die Asse unverzüglich stillzulegen. Im Jahr 2033 soll die Rückholung voraussichtlich starten. Bis die Endlagerung aber geklärt ist, muss der Müll zwischengelagert werden. (dpa)